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Fairer Handel ist mehr als nur ein Marktanteil

Handel

Fairtrade wächst wieder zweistellig

Kaffee
Kaffeepflanzen Foto: Sean Hawkey

Der faire Handel mit Kaffee, Kakao und Textilien wächst in Deutschland seit 2005 jährlich zweistellig. Von 2017 auf 2018 ist der Umsatz um 22 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro gestiegen. Zum Vergleich: 2005 lag der Umsatz bei 50 Millionen, sagte Vorstandsvorsitzender Dieter Overath in Berlin bei der Vorstellung des Jahresberichtes von TransFair Deutschland. Es sind vor allem fünf Produkte, die mit ihrem Umsatz eine hohe Marktdurchdringung zeigen.

Importe von fairen Produkten

Rund 18.000 Tonnen Kaffee gingen in Deutschland über die Ladentheke. 75 Prozent davon waren zusätzlich Bio-zertifiziert. Bei einem Plus von elf Prozent hat der faire Kaffee jetzt einen Marktanteil von 4,5 Prozent. Der zweite Renner ist die Banane, bei denen Lidl seit 2018 erstmals auch eine faire konventionelle Banane gelistet hat [1]. Der Wermutstropfen: Die Einstiegsbanane im deutschen Lebensmitteleinzelhandel kostet seit über 20 Jahren noch immer weniger als einen Euro und erschwert damit über einen hartnäckigen Preiskampf den Wettbewerb. Die größte Dynamik im fairen Handel hat der Kakao. 2018 stieg der Handel um 48 Prozent auf 55.000 Tonnen und erzielte einen Marktanteil von zehn Prozent. Schnittblumen haben ebenfalls zugelegt. Der Handel mit Fairtrade-Rosen in Deutschland wuchs um fünf Prozent auf 427 Millionen Stiele. Damit sind 28 Prozent aller Rosen fair gehandelt. Luft nach oben sieht Dieter Overath bei Textilien. Die legten mit 14 Millionen Kleidungsstücke um 14 Prozent zu. Neben Baumwolltragetaschen und Freizeitkleidung hat sich mit Berufsbekleidung ein neues Standbein etabliert, mit dem die öffentliche Beschaffung, beispielsweise bei der Polizei, neue Wege gehen könnte. Denn, so Overath, ein Exportweltmeister sollte auch bei seinen Importen auf Qualität und faire Bezahlung achten.

Faires Gold
2018 kauften dt. Schmuckhersteller 6 kg fair gehandeles Gold. Foto: Eduardo Martino

Lieferkettengesetz

Entwicklungsminister Gerd Müller will das umsetzen. Politisch geht es dabei um die Frage, was freiwillig oder ordnungsrechtlich umgesetzt werden soll. Im Koalitionsvertrag haben sich Union und Sozialdemokraten auf „einen neuen Vorstoß für faire Handelsbeziehungen“ geeinigt. Bereits zwei Jahre zuvor hat die Vorgängerkoalition im Kabinett den „Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte“ gebilligt. Im Grunde geht es um die Umsetzung von Menschenrechten entlang der Wertschöpfungskette, zu der das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) im Forum Nachhaltiger Kakao das Living Income zählt und als neues Ziel formuliert hat [2]. Das Gesetz ist aber streitig. Rund 4.000 Unternehmen aus dem „Hochrisikobereich“ wie Landwirtschaft, Bergbau, Textilien oder Elektrogeräte wurden mit einem Fragebogen beschickt, in dem sie Auskunft über die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltschutzaspekten geben. Die Parlamentarische Staatssekretärin Maria Flachsbarth beim BMZ sagte gegenüber Herd-und-Hof.de, dass der Rücklauf bis Jahresende ausgewertet wird. Sind nicht genügend Unternehmen freiwillig dabei, sollen ordnungsrechtliche Maßnahmen folgen.

Müller steht dabei jedoch nahezu allein da. Nicht nur die Unternehmen wehren sich gegen Standards, die ihnen die „Wettbewerbsfähigkeit“ nehmen könnte. Auch der großen Koalition fehlt der Schwung, heißt aus Entwicklungskreisen. Selbst die Sozialdemokraten stellten sich nur zögerlich neben Müller. Dieser hat jetzt vorab ein Eckpunktepapier formuliert, damit die Umsetzung im nächsten Jahr schneller vonstattengeht, erklärte Flachsbarth. Denn, im nächsten Jahr läuft schon der Countdown für die aktuelle Legislaturperiode. Nach Berichten der Deutschen Welle will Arbeitsminister Hubertus Heil mindestens bis 2020 warten, ob es ein Gesetz gibt und blickt lieber nach Brüssel.

Hintergrund ist aktuell die Frage, wie mit den Firmen umgegangen werden soll, die den Fragebogen nicht zurücksenden: Ist es Unwillen im Widerstand oder das Eingeständnis, Menschenrechte und Umweltschutz nicht zu beachten? Zählen sie mit oder nicht? Ein Lieferkettengesetz soll es geben, wenn sich weniger als 50 Prozent der Unternehmen freiwillig beteiligen. Das Jahr 2020 kann eine große Signalwirkung haben, denn in der zweiten Jahreshälfte übt Deutschland die Ratspräsidentschaft aus.

Fairer Handel setzt Signale

Nicht nur die Erhöhung der Fair Trade Basisprämie beim Kakao in der Elfenbeinküste setzt Signale. Die lange Zeitreihe der Kaffeepreise ab 1989 zeigt die stark volatilen Preise bei Arabica-Kaffee zwischen 45 und 308 Cent je britischem Pfund (lb). Damals scheiterte das Internationale Kaffeeabkommen und Überangebote von Kaffee verursachten Preistiefs. Spekulationen über Rohstoffverfügbarkeiten politischer oder witterungsbedingter Natur haben die Preise nach oben getrieben. Die Basisprämie für fair gehandelten Kaffee fing die Bauern bei jedem Preissturz bei 140 ct/lb auf. 2011 wurde die Prämie auf 160 ct/lb erhöht. Jedes Mal kommt eine 20 ct-Prämie hinzu. Liegt der Marktpreis über der Summe, kommt dieser bei den Kooperativen zum Tragen.

Aktuell liegt der Kaffeepreis bei 90 ct(lb) und ist auch konventionell nicht mehr kostendeckend. Das Gemenge aus Kaffeerost, Überversorgung und der Aussicht auf eine sehr gute Ernte in Brasilien koppeln die Börsenpreis von den tatsächlichen Erntemengen ab, beklagt der stellvertretende Vorsitzende Thilo Hoppe.

Bei Kaffee und Kakao würden die Bauern noch mehr über den fairen Handel verkaufen wollen. Doch so viel nimmt trotz des Wachstums der Markt nicht auf. Fairtrade Africa wünscht sich ein stärkeres Marketing in den Industrieländern. Zum Teil müssen die Bauern 60 bis 80 Prozent ihrer Produkte zu konventionellen Preisen verkaufen.

Die Kooperativen sowie die Belegschaften bei den Schnittblumenproduzenten entscheiden darüber, wofür sie mit die Prämien einsetzen. Vor Ort hat Hoppe das gewachsene „Empowerment“ bei Bauern und Arbeitern notieren dürfen.

Eigene Röstereien

Die Erfolge stellen sich langsam ein und gehen weit über den fairen Preis hinaus. Vor zehn Jahren war die Fair Trade-Bewegung den lokalen Regierungen kaum bekannt. Fairtrade Africa mit Sitz in Nairobi und vier weiteren Dependancen in Afrika betreibt seine Lobbyarbeit vor Ort mittlerweile mit Politikern und wird gehört. Es sei mühsam, lokale Strukturen aufzubauen und die zivilgesellschaftliche Entwicklung umzusetzen, sagt Overath zu Herd-und-Hof.de. Jetzt ist die politische Arbeit schon sichtbarer.

Beim Kaffee geht der Süden den nächsten Schritt. Meist kaufen sich Kooperativen gebrauchte Röstmaschinen und versorgen den lokalen Markt mit geröstetem Kaffee. In Ecuador hat es eine Kooperative bis in die Supermärkte geschafft und verkauft den ersten Röstkaffee mit eigener Wertschöpfung bis nach China.

Die Europäer tun sich dabei etwas schwerer. Sie mischen Kaffebohnen aus bis zu zehn Provenienzen zusammen, bevor sie den Kaffee rösten. Mittlerweile bieten lokale Röstereien hohe Qualität auch bei „pur origins“ an.

PSM-App von Fair Trade Africa

Am 07. Mai hat Fair Trade Africa eine neue kostenfreie App in den Sprachen Englisch, Spanisch und Portugiesisch für die Kaffeebauern herausgebracht. Die App „Pesticides and Alternatives“ übermittelt wissenschaftliche Erkenntnisse über Pflanzenschutzmittel und die Verwendung von Alternativen zur Schädlingsbekämpfung an Bauern und Plantagenmanager. In der Datenbank sind Reduzierungsstrategien für mehr als 700 Pflanzenschutzmittel und Alternativen für mehr als 2.700 Pflanzenkrankheiten enthalten.   

Lesestoff:

https://www.fairtrade-deutschland.de

[1] Faire Bananen bei Lidl: https://herd-und-hof.de/handel-/bei-lidl-nur-noch-faire-bananen.html

[2] Forum nachhaltiger Kakao: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/kakao-wir-muessen-politischer-werden.html

Roland Krieg

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