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Frisst der Online-Krieg Carrefour?

Handel

Wie real sind die Gerüchte um Amazon und Carrefour?

Online ist die natürliche Erweiterung des stationären Handels, nachdem sich die Welt der Verbraucher immer mehr ins Digitale verschiebt. Kaum ein Winzer, der noch mit seinem Kombi wie in den 1970er Jahren quer durch die Republik von Tür zu Tür gefahren ist, um seine Weine anzupreisen, kommt heute noch ohne Online-Shop aus.

Derweil erzielt die Online-Welt Traumzuwächse, von denen der stationäre Handel nur noch träumen kann. Die realen Einkaufszentren würfeln immer wieder die gleichen Läden hinter ihre Fassaden, der Flächenüberhang und teure Ladenmieten haben beliebten Händlern wie Kaiser´s den Garaus gemacht. Einstige Konsumtempel wie Hertie wurden 2013 online wiedergeboren [1].

Das stationäre Handelsleben ist alles andere als tot. 90 Prozent der Handelsumsätze und 95 Prozent im Bereich Lebensmittel werden noch immer offline erzielt. Bislang ist der Schritt in die digitale Welt lediglich eine horizontale Erweiterung einzelner Geschäfte oder ein singuläres Star-Up in einer Nische. Bis Amazon sich in diesem Jahr für 13 Milliarden Euro den amerikanischen Bio-Händler Whole Foods schnappte.

Amazon ist einer der Netzriesen, die ihre Online-Geschäfte auf einen dreistelligen Millionenbetrag kapitalisiert haben. Handgeld um den weitaus leichteren stationären Handel im Handstreich zu übernehmen. Amazon kann trotz online-Erfolge den haptischen Erlebniswunsch der Kundschaft nicht erreichen. So startete Amazon im letzten Jahr mit offline-Shops in den USA [2].

Das ist aber noch nicht einmal ein Ankratzen der 90 Prozent offline-Handelsumsätze. Bevor das Unternehmen sich mit zusätzlicher Lagerung und Logistik auseinandersetzt, war der Kauf des amerikanischen Bio-Händlers, eine logistische, horizontale Erweiterung des Online-Handels in die Offline-Welt. Und beispielhaft für Walmart und Google. Diese beiden gingen Ende August eine Partnerschaft ein. Walmart kann damit noch mehr Kunden als mit seinen 4.700 US-Filialen erreichen und Google bekommt einen Zugriff auf stationäre Kunden.

Wie dieses Experiment ausgeht, ist derzeit noch offen. In der letzten Woche sind allerdings Gerüchte aufgetaucht, dass Amazon im „Krieg der Netzriesen“ den nächsten Schritt plant: Die Übernahme des französischen Lebensmittelhändlers Carrefour für ebenfalls etwa 13 Milliarden Euro. Darüber hat das französische Wochenmagazin „Valeurs actuelles“ am 22. September berichtet. Bislang ohne Dementis.

Geschäftsführer Xavier d`Ornellas von der französischen Investfirma Amplegest wird mit der Perspektive zitiert, dass der Großhandel in Frankreich den Kleinhandel zerstört hat und jetzt von Amazon zerstört wird.“ Ist Online das neue Ende der Nahrungskette?

Das Gerücht hat zumindest dazu geführt, dass die Aktien von Carrefour um drei Prozent zulegten, wie Amplegest am 29. September über Twitter verbreitete. Der Griff zu Carrefour würde Sinn machen und ist am Ende doch nur ein Ergebnis des Wettbewerbs zwischen Amazon und Google.

Der stationäre Handel mit seinen 90 Prozent Umsätzen droht von den online-kapitalisierten Gewinnen zu Schachfiguren degradiert zu werden. Ist das erste Schritt zu einer neuen Vertikalisierung des Handels? Der Wirtschaftsjournalist Ronald Holden hat für Forbes.com Amazons Alexa dazu befragt. Ob Carrefour zu kaufen ist, wusste die digitale Auskunft nicht. Aber das Carrefour eine große wirtschaftliche Bedeutung in Europa hat, wusste Alexa schon.

Britische Wirtschaftsanalysten glauben nicht an schnelle Umsetzung der französischen Amazon-Pläne. Mit Whole Foods hat der Online-Händler bereits neun Filialen in Großbritannien und kann zunächst im eigenen Haus austesten, wie sich diese Erweiterung in Zusammenhang mit Premiumkunden auszahlt.

Vom Amazon-Verhandlungstisch ist Carrefour damit aber noch nicht [3].

Lesestoff:

[1] Hertie kommt als Online-Shop wieder: https://herd-und-hof.de/handel-/hertie-ist-wieder-da.html

[2] Amazon soll City-Shops planen: https://herd-und-hof.de/handel-/schneller-frischer-offline.html  

[3] Wird aus frischem Wettbewerbswind der blanke Hans? Welche Chancen haben kleine Händler? https://herd-und-hof.de/handel-/amazon-rettet-die-leh-vielfalt.html

Roland Krieg

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