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Fünfzig Jahre KuKo

Handel

Jubiläumssymposium in Berlin

Wenn man die Kunststoffkommission im Internet sucht, bleibt sie zunächst selten diffus: kein klares Portal. Bei näherer Betrachtung hingegen ist sie ubiquitär. Von Ökotest bis zur Bundespolitik, von Firmen bis zu den Nichtregierungsorganisationen – sie alle greifen in ihrer Argumentation über Lebensmittelsicherheit auf die Ergebnisse der Kunststoffkommission (KuKo) zurück. So zeigte sich gestern in Berlin der Vorsitzende der KuKo, Prof. Dr. Thomas Platzek, gegenüber Herd-und-Hof.de auch stolz auf diese Art der Präsentation. „Das entspricht unserem öffentlichen Auftrag und ist ein Vertrauensbeweis.“ Firmen verwenden die Ergebnisse als Verkaufsargument und so werden die Empfehlungen zum Qualitätsstandard.

„Fleisch-Windel-Krieg“
Das Magazin Stern berichtete im vergangenen Jahr über den „Fleisch-Windel-Krieg“ zweier Hersteller. Diese produzieren Saugunterlagen für abgepacktes Fleisch, und einer der beiden versucht vor Gericht zu belegen, dass die Unterlage des anderen lebensmittelrechtlich bedenklich ist. Sammele sich Blut auf dieser Unterlage, könnten Chemikalien in das Fleisch wandern. Nach vielen Gutachten wurde dann auch die Kunststoffkommission eingeschaltet, die am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beheimatet ist. Bisheriges Fazit: Fleisch aus Verpackungen mit durchgesuppten Saugeinlagen, in denen der Fleischsaft schwimmt, ist ungenießbar und sollte aus den Regalen verschwinden.
So bizarr der Rechtsstreit mit einem Streitwert von 250.000 Euro auch ist – die KuKo ist mittendrin. 1957 wurde sie gegründet, als Folge eines Briefes aus dem Bundesministerium des Inneren an den Präsidenten des Bundesgesundheitsamtes (s. Ausschnitte in den Informationskästen). Mitten im Trend, mehr Kunststoffverpackungen für Lebensmittel zu verwenden. Und die erste Aufgabe war die Bewertung des Buttereinwickelpapiers.

„Die verschiedenartige Entwicklung von Kunststoffen in den letzten Jahren und ihre vielseitige, noch ständig steigende Verwendung bei der Herstellung oder Verpackung von Lebensmitteln gibt Veranlassung, zu prüfen, welche Kunststoffe oder Kunststoffklassen im einzelnen für die Herstellung oder Verpackung von Lebensmitteln zugelassen werden können oder verboten werden müssen.“

KuKo-Empfehlungen
Bis heute besteht die zentrale Aufgabe der „Kommission für die gesundheitliche Beurteilung von Kunststoffen im Rahmen des Lebensmittelgesetzes“ (Kunststoffkommission) darin, Substanzen zu bewerten, die mit Lebensmittel in Berührung kommen. Die erarbeiteten Empfehlungen sind keine Rechtsnormen, stellen aber den derzeitigen Stand von Wissenschaft und Technik dar. Sie sind eingeordnet in die Anforderungen des §31, Abs. 1 des Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuches (LFGB) und des Art. 3, Abs. 1a der europäischen Verordnung (EG) 1935/2004.
So bestätigt Dr. Reinhardt Thiel vom Verband Deutscher Papierfabriken die ausgesprochenen Empfehlungen XXXVI als Qualitätsmerkmal, da Hersteller oft nach Papier mit diesen Empfehlungen fragen.

„Ich bitte, die beigefügten Unterlagen zu prüfen und mir Vorschläge zu machen, in welcher Weise und in welchem Umfange die Frage der Verwendung von Kunststoffen als Material für Bedarfsgegenstände ggf. in Sondervorschriften auf Grund des LMG geregelt werden müsste, um sowohl der Wirtschaft als auch dem Verbraucher die notwendige Sicherheit zu geben.“

Papier bei der KuKo? Kunststoffe sind Polymere, d.h. Ketten von Einzelmolekülen. Von diesem Begriff ausgehend besteht der Zellstoff im Papier aus einem polymeren Aufbau der Glukosemoleküle.

Bisphenol A, Druckerfarbe oder FTOH
Bekannter als die KuKo sind den Verbrauchern die Produkte mit denen sich die Experten beschäftigen. Füllen sie doch fast regelmäßig die Schlagzeilen. Der Weg zur Bewertung ist aber lang und steinig, wie das Symposium am BfR zeigte. Dr. Otto Piringer von der FABES Forschungs-GmbH zeigte, dass sich bereits 1957 wissenschaftliche Arbeiten mit dem „Verhalten eines Kunststoffs gegenüber wässrigen oder fettigen Füllgütern“ beschäftigten. Im Wesentlichen geht es dabei um Migrationsvorgänge aus dem Verpackungsmaterial in das Lebensmittel. Was den ersten Pionieren allerdings noch fehlten waren mathematische Diffusions- und Verteilungskoeffizienten. Heute allerdings können Migrationsprozesse mathematisch erfasst werden.
Aber kennt man daher schon alle Prozesse, die im Kühl- und Ladenregal bei unseren Lebensmitteln ablaufen? Vor Überraschungen sind die Wissenschaftler nie sicher. Ein freistehender bedruckter Pappbecher weist keine Migrationsprozesse auf. Ineinander gestapelt allerdings werden Moleküle zwischen den Wänden ausgetauscht. Timothy Begley von der amerikanischen Food and Drug Administration beschäftigt sich seit 1999 mit Perflourchemikalien. Sie kleiden Verpackungen aus und werden zusammen mit dem Mais in die Mikrowelle gestellt, um Popcorn zu erzeugen. Interessanterweise wandern sie nicht in die Fettfraktion des Popkorns, obwohl die Verpackung in sehr kurzer Zeit sehr hoch erhitzt wird. Wird allerdings der Ölfraktion ein Emulgator wie Lecithin hinzugesetzt, dann nimmt das Fett die Chemikalien auf.

Was bedeutet eine vergrößerte Prostata bei der Maus?
Prof. Wolfgang Dekant von der Universität Würzburg führte am Beispiel des Bisphenol A aus, dass schon lange bekannt gewesen ist, dass dieser Stoff schwach östrogen wirkt und bis vor zehn Jahren kein Thema für Toxikologen gewesen ist. Bis eine Studie darlegte, dass Bisphenol A sich auch schwach an Proteine binden und zu Effekten bei trächtigen Mäusen führen kann. Zum Beispiel weisen die nachfolgenden Mäuse eine um zehn Prozent größere Prostata auf. Letztlich wurde über die europäische Lebensmittelbehörde nach weiteren aufwendigen Studien auch ein Wert für Bisphenol A definiert, der um den Sicherheitsfaktor 100 unterhalb des Wertes liegt, der keine negativen Effekte mehr aufweist (No-Observed-Adverse-Effect Level NOAEL).
Prof. Dekan nahm Niedrig-Dosis-Effekte zum Anlass, bei den Studien einmal genau hinzuschauen. Manchmal ist die verwendete Tierzahl für die Untersuchungen nicht ausreichend, wurde statistisch falsch skaliert, wurden die Effekte nicht dosisabhängig überprüft und zeigen Versuchswiederholungen andere Effekte. Und schließlich: Was bedeutet die Prostatavergrößerung bei der Maus für den Menschen?

Die Welt selbst schwierig gemacht
Laboranalytiker können heute ein im Bodensee aufgelöstes Stück Würfelzucker ausfindig machen. Verbraucher stehen oft ratlos im Nano- und Mikrogramm-Dschungel. Die Großeltern haben früher in die Tageszeitung eingeschlagenen Aal vom Markt mitgebracht. Heute sind Verpackungen hochkomplexe Verbundstoffe, die den Inhalt klimatisieren und anzeigen, wann der Inhalt nicht mehr verzehrt werden soll. Prof. Platzeck ließ sich allerdings nicht auf das Glatteis führen. Das sei eine Umweltbewertung ließ er Herd-und-Hof.de wissen.
Aber, gab er zu bedenken: Der Trend kehre sich auch wieder um. Steigende Rohstoffpreise könnten bald die Plastiktüte 50 Cent kosten lassen und dann greifen die Menschen wieder auf die Stofftasche zurück. Auch bei der Verpackung würden Herstellungskosten eine andere Bedeutung gewinnen. Das aber ist nicht Aufgabe der KuKo.

Die aktuellen Bewertungen der KuKo und die Berichte aus den Sitzungen können Sie unter www.bfr.bund.de einsehen.

Roland Krieg

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