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Geringer Verdienst vom Acker bis zum Teller

Handel

Agrar- und Ernährungsbranche auch im Niedriglohnsektor aktiv

An der Landwirtschaft wird mehr verdient, als in der Landwirtschaft. Das gilt auch für die anschließenden Sektoren im Handel und Service. Nur alle vier Jahre wird die „Verdienststrukturerhebung“ der statistischen Ämter durchgeführt. Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat am Montag in Berlin die aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2010 mit dem Schwerpunkt Niedriglohn vorgestellt. Eines vorweg: Die Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei ist vom Gesetzgeber von der statistischen Meldepflicht befreit. Genauso wie Betriebe mit weniger alle zehn Mitarbeitern sollen diese nicht mit bürokratischen Meldebögen zusätzlich belastet werden.

Die landwirtschaftlichen Einkommen

Die Landwirtschaft ist auch deshalb ausgenommen, weil sie mit den Saisonarbeitskräften stark abweichende Beschäftigungsverhältnisse gegenüber den anderen Wirtschaftssektoren aufweist. 2011 waren es nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes rund 330.000 Menschen. Je nach Bundesland variiert für sie der aktuelle Tarifspiegel der IG Bau zwischen 6,10 bis 8,03 Euro je Stunde.
Jedes Jahr legt der Deutsche Bauernverband die Unternehmensergebnisse vor. Die durchschnittliche Familienarbeitskraft erzielt einen Unternehmensgewinn in Höhe von 2.520 Euro, was rund 700 Euro unter dem nichtlandwirtschaftlichen Vergleichslohn liegt. Davon muss der Betrieb noch seine Sozialversicherung bezahlen und investieren.

Die atypisch Beschäftigten

Zurück zu Destatis: Die Verdienststrukturerhebung zeigt, dass es immer weniger Normalarbeitsverhältnisse gibt. Das sind Langfristig Beschäftigte mit mehr als 20 Wochenarbeitsstunden. Global beginnt dieser Trend Mitte der 1990er Jahre erklärte Roland Günther von Destatis. Die Statistiker unterscheiden bei den „atypischen“ Arbeitsverhältnissen zwischen Teilzeitbeschäftigten, befristeten Beschäftigten, geringfügig Beschäftigten und Zeitarbeitern. Zusammen stellen sie in Deutschland 25,4 Prozent aller Beschäftigten.

Der Niedriglohn

Ein Niedriglohn besteht, sobald er kleiner als zwei Drittel des Medianverdienstes beträgt. Für das Jahr 2010 liegt der Niedriglohn bei maximal 10,36 Euro. 2006 haben 18,7 Prozent der Beschäftigten einen Niedriglohn erhalten, bis zum letzten Jahr stieg der Anteil um 1,9 Prozentpunkte an.
Mit der Zunahme von atypischen Beschäftigungsverhältnissen steigt auch die Zahl der Niedriglohnempfänger.

Agrar- und Ernährungsgewerbe

Zwar sind die landwirtschaftlichen Betriebe ausgenommen, aber die Fachkräfte in Landwirtschaft und Fischerei finden sich in den aktuellen Statistiken dennoch wieder. Das sind laut Roland Günther Gärtner in Gewerbebetriebe, bei Kommunen angestellte oder landwirtschaftliche Berater in branchenrelevanten Betrieben. Bei den Agraringenieuren hat sich der Anteil der atypisch Beschäftigten zwischen 2006 und 2010 von 29,8 auf 26,5 Prozent verringert. Pro Stunde verdienen sie durchschnittlich mit 12,91 Euro fast einen Euro mehr als der Median. Wer allerdings ein atypisches Beschäftigungsverhältnis aufweist, muss mit 8,45 Euro in der Stunde auskommen und liegt fast 20 Prozent unter dem Niedriglohn.
Nach der Ernte sind bis zum Teller noch weitere Branchen aus der Wertschöpfungskette Lebensmittel am Niedriglohnsektor beteiligt. Rund die Hälfte der Arbeiter im Schlachtsektor und der Fleischerzeugung bezieht einen Niedriglohn. Nur jeder Dritte hat ein Normalarbeitsverhältnis.
Bei den Bäckern sieht es nicht besser aus. In der Back- und Teigwarenindustrie arbeiten 56,6 Prozent der Menschen mit einem Niedriglohn. In Gasthöfen liegt der Anteil bei 62,3 Prozent und das Catering versorgt 64,5 Prozent seiner Angestellten mit einem Niedriglohn. Der Einzelhandel mit Nahrungsmitteln kommt auf 68,9 Prozent und Spitzenreiter im Ernährungsgewerbe sind Restaurants und Gaststätten. Dort beziehen 77,3 Prozent einen Niedriglohn.

Schlechter stehen Reinigungskräfte, Friseure und Taxifahrer mit einem Anteil von 81,5 bis 87,0 Prozent von Niedriglöhnern dar.

Lebensmittel sollen mehr Wert geschätzt werden, sollen keine Wegwerfartikel sein. Vom Acker bis zum Teller spielt der Faktor Lohn auch eine Rolle.

Roland Krieg

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