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Global Marshall Plan

Handel

Wirtschaft ? das sind wir alle

> Die Nase ist einem so nah, mitten im Gesicht und ein wichtiges Erkennungszeichen. Trotzdem sehen wir sie nicht und nehmen sie nur wahr, wenn sie im Herbst trieft oder durch einen Unfall gebrochen ist. Verhält es sich mit der Wirtschaft nicht genauso? Jeder einzelne Verbraucher ist teilnehmender Wirtschaftspraktiker und erinnert sich an die Ökonomie meist nur, wenn sie nicht mehr reibungslos funktioniert.
Die europäischen Bauern wollen geschützt werden: Sie fordern Ausgleichszahlungen, weil die Lebensmittelpreise ihre Kosten nicht decken und suchen ihr ökonomisches Heil im subventionierten Export. Ihre Kollegen in Übersee wollen auch geschützt werden: vor den billigen Importen, welche die heimische Produktion unrentabel macht und wollen uneingeschränkten Zugang zu den Märkten der Industrieländer. Wie soll der Knoten aufgelöst werden, wenn gleichzeitig die Umwelt erhalten bleiben muss und soziale Gerechtigkeit herrschen soll? Und obwohl kaum ein großer Konzern ohne die Begriffe Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit auskommt, bleiben nüchtern gesehen dramatische Zahlen:
1,5 Milliarden Menschen verfügen über weniger als 1 US-Dollar, 2,8 Millionen Menschen über weniger als 2 US-Dollar pro Tag. 24.000 Menschen verhungern täglich.
Gegenüber 547.000 Milliarden US-Dollar jährlicher Finanztransaktionen und 950 Milliarden Dollar jährlicher Militärausgaben erscheint die Entwicklungshilfe von 78 Milliarden Dollar pro Jahr winzig klein. Der globalisierte Welthandel soll es richten und wird in einer entscheidenden WTO-Sitzung im Dezember in Hongkong erneut beraten. Zeit, sich einmal ganz andere Gedanken zu machen.

Globalisierung macht Spaß
Der Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA) lud am Montag Abend im Berliner Ludwig Erhard Haus zu einer Buchvorstellung über die ökosoziale Marktwirtschaft und stellte die Initiative Global Marshall Plan vor. Generalsekretär des Club of Rome, Dr. Uwe Möller, sieht durchaus den Spaß an der Globalisierung: Fußballer aus aller Welt kicken im Klub, der die Fans begeistert, die Karibik ist ein attraktiveres Urlaubsziel als der Bayrische Wald und in der Oper wollen die meisten am liebsten Pavarotti hören. Alle genießen das: ?Globalisierung sind wir alle.? Aber: Das Wachstum darf nicht ressourcenbelastend sein, denn ein Zwischenbericht des Club of Rome, 30 Jahre nach seiner bahnbrechendem Bestandsaufnahme ?Grenzen des Wachstums?, zeige, dass die Menschen die Tragfähigkeit der Erde bereits um das 1,2-fache überschritten habe. Die ?Schleifspuren?, wie Möller es nennt, sind allen bekannt: Neben den verhungernden Menschen sind es die Hurrikane und Überschwemmungen, die uns viel näher kommen. Im Prinzip sei die Technik da, um einen nachhaltigen Lebensstandard zu gestalten, aber sie werde nicht umgesetzt. Anstelle des 15-Liter Off-Roaders gehöre ein Auto mit Treibstoff aus nachwachsenden Rohstoffen in den Warenkorb. Die Wirtschaft müsse um den Faktor 10 ?dematerialisiert? werden. Andere Märkte, wie solche der Handy-Klingeltöne oder das Coaching im Dienstleistungsbereich seien Beispiele für dematerialisiertes Wachstum. Investitionen im Bereich der Goetheinstitute erzeugt genauso Wachstum und schafft Arbeitsplätze, wie Investitionen in ein Automobil der Oberklasse.
Warenkörbe sind schließlich nicht vorgegeben, sondern werden von den Verbrauchern gefüllt. Damit gelingt dem BWA, die Brücke zur täglichen Wirtschaft zu schlagen. Die Brücke zum täglichen Entscheiden an der Kasse, was im Einkaufskorb landet.

Balance oder Zerstörung?
In vierter Auflage stellte der Informatiker Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher von der Universität Ulm, Mitglied des Club of Rome und Präsident des BWA, sein Buch ?Balance oder Zerstörung ? Ökosoziale Marktwirtschaft als Schlüssel zu einer weltweit nachhaltigen Entwicklung? vor (ISBN 3-7040-1950-X; 15 Euro). Das Gedankengebäude hinter dieser Wirtschaft ist ?schon eine komplexe Aufgabe?, wie Radermacher zugibt. Globalisierung sieht er als Folge der Informationstechnologie, wobei in den letzten Jahren vor allem die inhaltliche Qualität der Informationen zugenommen hat. Sie führt allerdings dazu, dass in den Industrieländern höchstqualifizierte Technik anstelle von Menschen eingesetzt wird, um die Wirtschaftsproduktion gegen billigere Arbeitskräfte aus Übersee wettbewerbsfähig zu machen. Eine Folge davon ist de Schwächung des Mittelstandes. Das Technik die Armen aus ihrer Armut holt, sei ein Versprechen, dass nicht einzuhalten ist. Ein Europa der Wohlfahrt und sozialen Gerechtigkeit lässt sich nicht als Insel in einer Welt des Ungleichgewichtes aufrechterhalten. Denn das stellt sich auch in den aufstrebenden Wirtschaftsstaaten Indien und China ein: Einige wenige Millionen, denen es gut geht, aber viele Millionen, denen es schlecht geht.
Für eine allgemeine Wohlfahrt können die Industrieländer sich noch um das vierfache weiter entwickeln, müssten aber den Entwicklungsländern den Faktor 34 zugestehen. Europa dient als Vorbild, denn was die EU mit der Osterweiterung gerade schafft, ist auf andere Länder übertragbar: Kofinanzierung gegen Standards. Die EU-15 finanziert den EU-10 die Schaffung gleicher Umwelt- und Sozialstandards und schafft sich dabei Absatzmärkte bei Vermeidung einer Armutsmigration in den Westen. Der Ordoliberalismus ist die wirtschaftliche Leitlinie, gepaart mit ökologischem Realismus und kulturellen Aspekten des Sozialen. Ein Credo, dass nicht so weltfremd ist, wie es zunächst erklingen mag, denn Radermacher verweist auf die Milleniumsziele der Vereinten Nationen, die mit der Umsetzung den richtigen Weg bereits beschlossen haben.

Wirtschaft ? das bin ich!
Auf dem Teller liegt das panierte Schnitzel mit Sauerkraut und Kartoffeln. Das Wasser läuft bereits im Munde zusammen, doch das Bild auf dem Teller kann noch mehr zeigen: Das Schnitzel kommt aus artgerechter Schweinehaltung mit GVO-freiem Futter, das Sauerkraut ist gerade jetzt ein regionales und saisonales Gemüse, dass ich direkt beim Bauern gekauft habe, der bei fairen Lebensmittelpreisen keine Ausgleichszahlungen mehr braucht und die Salzkartoffel ist ein gesunder Energiespender. Es sind nicht die anderen, die meinen Teller garnieren ? ich bin es selbst, der die Waren einkauft und die dahinter stehende Produktion und Wirtschaft gleich mit. Eine erschreckende Erkenntnis angesichts heutiger Sozialisation: Ich entscheide, ich bin verantwortlich und ich gestalte.
Prof. Radermacher schafft auch sein intellektuelle Gedankengebäude begreifbar zu machen. Was ist Reichtum? Eine der wichtigen Stellschrauben für die ökosoziale Marktwirtschaft ist das Bild im Kopf: Ist es der Geländewagen oder ein Solarmobil? Aber auch die Ordnungsregeln müssen festgelegt sein. Zahlt jeder bei einem Abendessen seine eigene Rechnung, ist der Durchschnittspreis für das Essen geringer, als wenn die Gesamtrechnung am Ende auf alle umgelegt wird. Dazu müsse niemand aufgefordert werden, auf den Preis zu achten oder nur bestimmte Gerichte zu bestellen. Mit Hilfe solcher einfachster Festlegungen lässt sich das menschliche Verhalten zueinander ordnen.
Vergleicht man Radermachers Inhalte mit der Geiz-ist-geil-Mentalität der meisten Verbraucher, dann fehlt es in der Ökonomie an Kulturwissen. In der arbeitsteiligen Convenience-Welt sehen manche in grünen Kartoffeln unreifes Gemüse und wissen nichts mehr über das giftige Solanin. Ökonomie ist viel mehr als nur der billigste Preis, sondern auch die gesamte nachhaltige Produktion davor. Prof. Radermacher hielt einen Trost bereit: Der Weg zur ökosozialen Marktwirtschaft ist auch ein Lern- und Aufklärungsprozess.

Der BWA
Der BWA unterscheidet sich von anderen Wirtschaftsverbänden, indem er sich nicht als Lobbyorganisation für partikulare Interessen versteht, sondern als Berater für integrative Gemeinwohllösungen für Politik und Wirtschaft ? von der kommunalen bis zur globalen Ebene. Der BWA bündelt hierfür von seinen regionalen Wirtschaftsclubs bis zu seinem Senat auf Bundesebene wirtschaftliche und soziale Kompetenz. Der Global Marshall Plan ist dabei eine Initiative, die vor rund 25 Monaten von Nichtregierungsorganisationen, der Industrie und mit religiösen Gruppen gegründet wurde. Die oben genannten Zahlen stammen aus der Beschreibung der Initiative ?In one Minute?. Ausführliche Informationen finden Sie unter www.globalmarshallplan.org.

Roland Krieg

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