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Große Anlagen - Kleine Bauern

Handel

BtL – Realisierungsstudie vorgestellt

Biomass to Liquid (BtL) genießt in der Automobil- und Mineralölbranche ein hohes Ansehen, weil die Qualität stimmt und die gewünschte Menge lieferbar ist, sagte Clemens Neumann gestern bei der Vorstellung der BtL-Realisierungsstudie in Berlin. Der Vertreter aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium sieht den ordnungspolitischen Rahmen für die Umsetzung der BtL-Ideen mit dem Biokraftstoffquotengesetz ab Januar 2007 und der Steuerbefreiung für Biokraftstoffe der so genannten zweiten Generation ausreichend vorgegeben. Nach dem mehrtägigen BtL-Kongress in Berlin haben nun die Vertreter des Fischer-Tropsch-Verfahren eine Studie erstellt, wie BtL übermorgen genutzt werden könnte, wenn man morgen mit der Produktion beginnen würde.

Vorzüge BtL
Stephan Kohler, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur (dena) zählte noch einmal die Vorteile dieser neuen Technik auf: 4.000 Liter Kraftstoff können von einem Hektar Land erzeugt werden und damit mehr als der herkömmliche „Biodiesel“. Die CO2-Menge kann bei BtL um 90 Prozent reduziert werden, die Kompatibilität für die aktuelle Motorentechnik ist gegeben, so dass keine neuen Entwicklungen notwendig sind und der ländliche Raum profitiert durch eine Wertschöpfung nicht nur bei den neuen Produkten, sondern auch durch Schaffung neuer Arbeitsplätze.
Als Ausgangsmaterial bieten sich in Deutschland überwiegend Holz, dann Reststroh, tierische Biomasse und Energiepflanzen wie beispielsweise Miscanthus an. Die Studie weist ein vorhandenes Potential von 39,8 bis 68,5 Millionen Tonnen Trockensubstanz pro Jahr in Deutschland aus, die eine Energiemenge von bis zu 1.219 Petajoul im Jahr ergeben würden. Die könnten auf einem Flächenbedarfsfenster von 2,8 bis 4,8 Millionen Hektar, wobei der Bedarf für Lebensmittel, Naturschutz und Siedlungen bereits berücksichtigt ist.
Kohler sieht zwei Optimierungsräume, um eine BtL-Anlage zu bauen. Entweder sollte sie an einem Standort stehen, an dem Biomasse in ausreichender Form angebaut wird, oder an einem günstigen Verkehrsknotenpunkt, der auch per Schiff erreichbar ist oder schon eine Chemieanlage zur weiteren Verwertung das Produkt Naphta aufnehmen kann. Fünf mögliche Standorte zählt die Studie bereits auf: Gelsenkirchen, Heilbronn, Leuna, Ludwigshafen und Wismar.

Investitionsvolumen: Bis zu 650 Millionen Euro
Stefan Kohler ließ bei seinem Vortrag keine Zweifel an den Dimensionen einer wirtschaftlichen BtL-Technik. Es geht um großtechnische Anlagen, die rund eine Million Tonne Biomasse im Jahr verarbeiten können, aus denen bis zu 125.000 Tonnen Kraftstoff direkt in die Autotanks fließen können. Der Investitionsbedarf für eine Anlage liegt zwischen 400 und 650 Mio. Euro. Damit wird auch klar, dass die Politik deutlichere Signale aussenden muss. Dr. Thomas Schlick, Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie rechnet mit einem Abschreibungszeitraum von 25 Jahren. Steuerbefreiungen bis 2015 reichen dann nicht mehr. „Wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen, kann so eine großtechnische Anlage wirtschaftlich betrieben werden“, prophezeite Schlick.
Das aber ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Zur Zeit gibt es lediglich eine Pilotanlage, die noch in der Konstruktion ist. Bei insgesamt fünf verschiedenen technischen Verfahren, die in der Studie ausführlich behandelt werden, ergibt sich ein Literpreis von 0,88 Eurocent. Würde die Anlage optimiert wäre ein Preis von 0,80 realisierbar und würden langfristige Lieferverträge mit den Bauern abgeschlossen werden können, könnte der Preis auf unter 0,70 Euro sinken, rechnete Kohler vor. Zu Bedenken gab jedoch Dr. Klaus Picard, Hauptgeschäftsführer der Mineralölwirtschaft, das ohne Steuern der Vergleichspreis für Benzin und Diesel nur bei 0,31 bzw. 0,36 Euro liegt. „Am Anfang gibt es immer einen Hype, eine Euphorie, aber es wird schwieriger, wenn man etwas dauerhaft umsetzen will“, bremste er. Man müsse sich darauf einstellen, dass die Herstellung ein ganz neues Bild ergeben wird. Während beim Erdöl alles in einer Hand ist, sind hier neben den Bauern auch Logistiker, die Anlagenbetreiber und die Händler beteiligt.
China hat einen sehr großen Bedarf an erneuerbaren Energien und Stefan Kohler sieht die technischen Innovationen in die deutsche BtL-Kunst nicht verloren: Hier hat Deutschland einen Spitzenplatz in der Forschung und Entwicklung und kann das Wissen auch weltweit verkaufen.

Raps: für den Tank oder für die Margarine?
Fast zeitgleich hat der Deutsche Bauernverband seinen Situationsbericht 2007 vorgestellt. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner betonte dabei, dass die Landwirtschaft demnächst neben dem „Food-Sektor“ auch einen „Non-Food-Sektor“ betreiben wird. Der Preis für den Rohstoff entscheidet dann, ob der angebaute raps für die Bio-Diesel-Produktion oder für die Margarineindustrie Verwendung findet. Bis zu vier Millionen von den 12 Millionen Hektar Ackerland in Deutschland könnten für nachwachsende Rohstoffe „hergegeben“ werden. Langfristige Lieferverträge, wie sie bei BtL als Optimierungsansatz vorgesehen werden, sind für Sonnleitner auch kein Problem. Es müsse nur ein Preisindex im Vertrag eingebaut werden, damit die Bauern von der Preisentwicklung auch profitieren: „Das ist eine unternehmerische Entscheidung“. Er warnte aber auch: BtL mache die Rohstoffpreise nicht billiger.
Beim Erdöl heißt es, dass der Gewinn am Bohrloch erzielt wird. Wird der Gewinn beim BtL auf dem Feld erzielt?

Handelsschutz
Es gibt aber auch noch ein ganz anderes Problem: Ohne Außenhandelsschutz vor preiswerterer Biomasse aus Übersee, ist heimische Biomasse nicht wettbewerbsfähig. Herd-und-Hof.de wollte wissen, welche Rolle der Handelsschutz bei der BtL-Realisierungsstudie eingenommen hat?
Clemens Neumann aus dem BMELV sieht darin eine europäische Aufgabe, die nachhaltige Produktion zwischen den Ländern zu harmonisieren. Die „Gute, fachliche Praxis“ für Energiepflanzen wird erst aufgebaut und muss dann unbürokratisch umgesetzt werden. Importiertes Soja- und Palmöl sind mit ihren negativen Auswirkungen auf Umwelt und sozialen Strukturen keine guten Vorbilder. Denkbar ist der Aufbau eines Zertifikats, dass durch den internationalen Handels auch weltweit vergeben werden muss. Aber, so räumte er ein, man müsse die Bedingungen auch WTO-konform formulieren.
Einen Umweltraubbau in anderen Ländern wolle man beim internationalen Biomassehandel nicht, pflichtete Stefan Kohler bei und Dr. Picard sieht gute Chancen. Großbritannien, die Niederlande und Frankreich arbeiten alle in die gleiche Richtung. Mindestens die EU-Harmonisierung sei kein Problem.

Aufwand und Nutzen
Knapper werdende fossile Energieträger werden auch großvolumige Investitionsvorhaben erlauben. Das wird allemal billiger sein, als eine ad hoc-Lösung in der Situation, sofort auf fossile Rohstoffe verzichten zu müssen.
Die Biomasse-Form der Agrarwirtschaft kann zukünftige Landnutzungen nur skizzieren und die daraus erwachsenden Konkurrenzverhältnisse noch nicht wirklichkeitsgetreu abbilden. Wirtschaftliche Biomasse durch Aufbau organischer Substanz in der Pflanze braucht neben nährstoffreichen Böden noch etwas weiteres: Wasser.
Der Dimension des Aufwandes für die BtL-Logistik, die größtenteils erst noch zu realisieren ist, muss auch die Dimension des Nutzens gegenüber gestellt werden: Das Ergebnis für BtL ist lediglich „20 Prozent des heutigen Kraftstoffverbrauchs“. Die Heizung für das Haus, die Energie für die Industrie, der Strom für die Bahn und 80 Prozent des restlichen Kraftstoffes müssen dann noch aus Wind, Wasser und Sonne gedeckt werden!?

Die BtL-Realisierungsstudie kann in der ausführlichen Zusammenfassung unter www.dena.de eingesehen und heruntergeladen werden.

Roland Krieg

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