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Hunger durch Handel?

Handel

Welternährung auf der IGW

Die Zahlen und Korrelationen sind bekannt: 850 Millionen Menschen leiden an Hunger, das Millenniumsziel, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren wird verfehlt. Martin Wolpold Bosien von der Organisation FIAN führte bei der Diskussion über die Welternährung auf dem ErlebnisBauernhof gestern abend noch weiter aus, dass 80 Prozent der Hungernden als Bauern, Nomaden und Landlose auf dem Land leben und zu 70 Prozent betrifft es Mädchen und Frauen.
Nicht ganz klar scheinen die Kausalitäten zu sein, die diese Situation nicht verbessern kann.

Hunger durch Handel?
Wolpold Bosien gibt dem Agrarhandel die Schuld. Mittlerweile hat das Recht auf Nahrung seinen Weg in die völkerrechtliche Vereinbarungen gefunden. Im Artikel 11 des internationalen Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte ist es völkerrechtlich anerkannt. Es werde aber in der Debatte um den Agrarhandel „skandalös vernachlässigt“. Die Maxime des Programmkoordinators für das Monitoring staatlicher Politik, lautet: „Do no harm“. Nur Vereinbarungen, die keine negativen Auswirkungen auf die Entwicklungsländer haben, sollen zugelassen werden. Dazu müsse es in multi- und bilateralen Verhandelungen eingeführt, bei der WTO verankert und das Preisdumping durch Exporterstattungen beendet werden.

Hunger selbst verschuldet?
Diese Argumentation passt auf die EU der 1980er und 1990er Jahre. Alexander Baum, Generaldirektor Entwicklung der EU, sieht den unfairen Handel in dieser Zeit, der auch die Nahrungsmittelhilfe mit einschließt. Heute müsse man sich aber jedes Produkt in jedem Land einzeln anschauen. Die Ursachen wechseln von den exogenen zu endogenen Faktoren.
Nach Angaben von Prof. Dr. Matthias Horst, Hauptgeschäftsführer, Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), ist der Handel mit den Entwicklungsländer prozentual zu klein, als dass er dort Märkte zerstören könnte. Gegenteilig tritt die EU als einer der größten Agrarimporteure auf und bietet den kleinen Ländern Absatzchancen.
Bis 2013 wird die EU ihre Ausfuhrerstattungen auf Null zurückfahren. Den Prozess hat die Gemeinschaft schon längst begonnen und die jetzigen Subventionen seien nicht mehr handelsverzerrend, meint Dr. Helmut Born, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV). „Wie kann ein Bauer, der über eigenes Land verfügt hungern? Das hat hauptsächlich nichts mit dem Handel zu tun“, ist er sich sicher. Er beklagt die schlechten Rahmenbedingungen in den einzelnen Ländern, die als „Bad Governance“ diskutiert werden. Darunter fällt der fehlende Zugang zu Land, Wasser und Rechtsmitteln. Kein Anteil an technischem Fortschritt, ungeklärte Besitzverhältnisse, keine Berater und auch keine Kredite. Ein Bauer kann seine Produkte nicht auf dem lokalen Markt absetzen, wenn marodierende Soldaten ihn vorher ausplündern, so Born.
Allerdings kann er das auch nicht, wenn er in friedlichen Gebieten keinen gerechten Lohn auf dem lokalen Markt erhält. Dr. Hans-Joachim Preuß, Generalsekretär der Deutschen Welthungerhilfe, kann den Handel nicht vollends freisprechen. Wenn der Erlös auf den lokalen Märkten auch für Subsistenzbauern die Gestehungskosten nicht deckt, dann kann er nie seine eigene Situation verbessern und investieren. Der Handel trage seinen Beitrag an der Situation bei.

Neue Gefahren am Horizont
Mit den Schwellenländer Brasilien und Argentinien treten mittlerweile viele neue Spieler auf den Weltmärkten auf, so Baum. Länder mit „mittlerem Einkommen“, die bereits preiswerte Produkte an die Entwicklungsländer verkaufen. Selbst ohne Exporterstattung ist Reis aus Vietnam und Thailand auf den Weltmärkten billiger und macht den unfairen Handel auf diese Weise zu einem globalen Problem.
Außerdem könne sich die Krise noch verschärfen, weil die Nachfrage nach nachwachsende Energien steigt. Zur Zeit spielt die Flächenkonkurrenz für Dr. Theodor Seegers, Abteilungsleiter Agrarmärkte im Bundeslandwirtschaftsministerium noch keine große Rolle. Weltweit steigen die Nahrungsmittelpreise jedoch bereits an.
Wenn Entwicklungsländer jetzt auch noch beginnen, sich mit Biomasse zu versorgen, um unabhängig von fossilen Brennstoffen zu sein, dann verschärfe sich die Situation. Die wachsende Bevölkerung wird sich in den Städten konzentrieren – und wer baut Energie und wer Nahrung an?
Mit der Nachfrage steigt nämlich auch der Wert der Energiepflanzen und flächenstarke Länder in Lateinamerika oder in Afrika könnten ihre besten Böden für nachwachsende Rohstoffe verwenden, warnte Wolpold Bosien. In Südbrasilien würden bereits Bauern für die Palmölindustrie von ihren Böden vertrieben.
Mit neuen Warenströmen der Energiepflanzen und neuen Beziehungen zwischen den Schwellen- und den Entwicklungsländern verschiebt sich die Diskussion um die Ursachen des Hungers. Der alte Feind Europa tritt aus dem Rampenlicht und der gesamte Welthandel muss fair gestaltet werden.
Dr. Born fände es „jammerschade“, wenn die aktuelle Doha-Runde bei der WTO nicht beendet werden könnte und die kleinen Fortschritte, die erzielt wurden, müssten ganz von vorne irgendwann wieder neu verhandelt werden. Hoffnungen gibt es durch die Wahlen in Frankreich und den Sieg der Demokraten in den USA.

Mehr Informationen gibt es unter:
www.welthungerhilfe.de
www.fian.de

roRo

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