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Hunger: Vom Schicksal zur Sicherheitsfrage

Handel

Hohe Agrarpreise: Hunger oder Chancen?

Hunger gibt es nicht erst seit heute. Doch was unterscheidet den Hunger von gestern vom Hunger von heute? Parallel zum Welternährungsgipfel in Rom diskutierten gestern Abend in Berlin Agrar- und Handelsexperten in der Heinrich-Böll-Stiftung, ob die derzeitige Situation hoher Lebensmittelpreise auch Chance für die Entwicklungsländer beinhalten.

Ende des globalen Supermarktes
Die Entwicklungspolitik hat seit den 1980er Jahren versucht, der ländlichen Bevölkerung über Exportförderungen zu Einkommen und Entwicklung zu verhelfen, resümiert Thomas Michel von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (gtz). Damals waren die Lebensmittel weltweit billig und niemand konnte sich vorstellen, dass es einmal anders sein wird. Die Länder hatten die Möglichkeit, sich im globalen Supermarkt zu versorgen.
Mittlerweile aber beginnen die Experten umzudenken. Das zeigte schon der Kongress über die Neuausrichtung der Entwicklungshilfe im vergangenen Jahr. Allerdings rechnete noch niemand mit der dramatischen Preisentwicklung in 2008.
Thomas Michel rechnet mit hohen Lebensmittelpreisen während der nächsten zehn Jahren, wobei die Entwicklungsländer vor allem mit starken Preisschwankungen werden auskommen müssen. Die aktuelle Situation ist so bedrohlich, weil die Länder die hohen Weltmarktpreise direkt und unvermindert an die eigene Bevölkerung weiter gegeben. Dort trifft es die arme Stadtbevölkerung, die keine Gelegenheit hat, mit einer Minimallandwirtschaft, die eigene Existenz zu sichern.

Nicht den „Nachbarn an den Bettelstab“ bringen
UN Generalsekretär Ban Ki Moon hat in seiner Eröffnungsrede zur Welternährungskonferenz vor weiteren Unruhen gewarnt. In der Elfenbeinküste, Afghanistan, Liberia und Haiti gefährden Lebensmittelunruhen die demokratischen Fortschritte der letzten Jahre.
Insgesamt müsse die Nahrungsmittelproduktion bis 2030 um 50 Prozent gesteigert werden, um die zukünftigen Erfordernisse zu erfüllen. Ban Ki Moon wandte sich gegen Exportbegrenzungen und Preiskontrollen, die vereinzelt bereits eingerichtet wurden: „Beggar Thy Neighbor food policies cannot work.“ Er forderte die Länder auf, die Maßnahmen wieder rückgängig zu machen. Generell will Ban Ki Moon den Handel mit Nahrungsgütern weltweit „frei fließen“ lassen. Zölle, Steuern und Exportrestriktionen sollen auf ein Minimum reduziert werden

Handelsreferentin Marita Wiggerthale von Oxfam Deutschland unterstützt das Bild vom Supermarkt: 82 Prozent des auf dem Weltmarkt gehandelten Reis stammt aus fünf Ländern. Eine vergleiche Angebotskonzentration gibt es beim Weizen: Hier sind es 74 Prozent aus fünf Ländern. So stehen bei den hohen Getreidepreisen die wenigen großen Getreideexporteure auf der Gewinnerseite.
Auch die Weltfinanzinstitutionen gehören zur Phalanx der ungleichen Rahmenbedingungen dazu. Haiti musste seine Importzölle für Reis auf drei Prozent herunterschrauben. Das war Bedingung für die Gewährung eines Kredites. Heute sind drei von vier Reismahlzeiten in der Karibik importiert.
Die EU muss für die Erzeugung von Fleisch Futtermittel wie Mais, Soja, Weizen oder Sorghum importieren und verbraucht Flächen, auf denen die Entwicklungsländer eigene Nahrungsmittel anbauen könnten.

Hausaufgaben machen
Heike Höffler von der Universität Leipzig hat bis vor zwei Monaten noch im kenianischen Landwirtschaftsministerium gearbeitet. Sie promoviert gerade über die Relevanz der Wertschöpfungsketten auf die ländliche Bevölkerung. Am Beispiel Kenia zeigte sie auf, dass Probleme auch vielfältig selbst gemacht sind.
Die Landvertreibungen seit den Wahlen Ende 2007 haben die Menschen gerade von den kühlen und fruchtbaren Hochebenen verjagt. Die aktuelle Pflanzsaison haben die Kenianer verpasst und werden in der kommenden Erntezeit ihr
Versorgungsproblem auf die hohen Agrarpreise noch aufsatteln.
Noch bevor die steigenden Lebensmittelpreise die Menschen trafen, lähmten die hohen Ölpreise bereits die Versorgung. Auf dem Land hat sich der Preis für ein Busticket in die nächste Stadt verdoppelt. Dort müssten aber die Bauern Saatgut oder Pflanzenschutzmittel kaufen. Kenia partizipiert wie Ostafrika generell nicht am Boom der Mineralstoffexporte. Kenia hat keine – muss aber Öl importieren.
Zusammen mit Tansania und Uganda könnte Ostafrika untereinander Handel treiben und sich mit Grundnahrungsmitteln gegenseitig aushelfen. Das aber scheinen die heiligen Kühe der Innenpolitik zu sein. Die Familie des kenianischen Landwirtschaftsminister kontrolliert die Lagerbestände des staatlich aufgekauften Mais. Er verteilt ihn dann, wenn sich die Bevölkerung keinen mehr leisten kann und gewinnt an politischem Prestige.

Die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul sagte gestern in Rom, dass besonders die Kleinbauern gefördert werden müssten, um die Armut zu reduzieren. In der Vergangenheit wurde der nachhaltige Anbau in der Landwirtschaft vernachlässigt und sollte wieder auf der internationalen Agenda stehen. Im Rahmen des Rechts auf Nahrung forderte Wieczorek-Zeul den Zugang der Kleinbauern zu Land, Wasser und Saatgut sowie zu medizinischer Versorgung und Ausbildung. Es gebe zahlreiche Hinweise, dass Spekulanten an der Preissteigerung für Reis mitbeteiligt seinen. Diejenigen, die auf Kosten hungernder Menschen spekulieren brechen Menschenrechte, sagte die Ministerin.

Landwirtschaft braucht Zeit
Heike Höffler steht kurzfristigen Agrarhilfen skeptisch gegenüber. Sie werden zwar in Kenia diskutiert, aber sie passen nicht in die lange Vegetationsperiode landwirtschaftlicher Produkte. Kenia hat den Maispreis hoch gehalten, aber dadurch sind in der Vergangenheit keine produktiven Betriebe auf dem Land entstanden. Die jetzt wieder diskutierten Hochertragssorten haben in der Vergangenheit keine Produktivitätssteigerung hervorgebracht.

USA setzt auf Grüne Revolution
Der amerikanische Landwirtschaftsminister Ed Schafer erinnerte in in Rom an die grüne Revolution, die mehr als eine Milliarde Menschen das Leben gerettet hätte. Vergleichbares hält Schafer für notwendig, die künftigen Herausforderungen zu meistern: Investitionen in Düngertechnik und Saatgut, Pflanzen stabiler für den Klimawandel zu machen und Hybridpflanzen verwenden.
Eine Woche vor dem Gipfel sagte Schafer dem japanischen Fernsehen, dass die USA eine zehn Jahre lange Erfahrung mit dem Anbau von genetisch verändertem Soja hat. Neben dem verringertem Gebrauch von Düngemitteln und Wasser, sehen die Sojabohnen besser aus und hätten die Nahrungsversorgung sicherer gestellt. Europa importiere bereits jährlich für eine Milliarde US-Dollar genetisch veränderte Futtermittel. Schafer hält die Gentechnik für unabdingbar, den künftigen Bedarf zu decken.

Hunger, so wurde in der Diskussion deutlich, ist heute in den Vordergrund gerückt, weil die Unruhen ein globales Sicherheitsproblem aufwerfen. Deutlicher als wenn in abgelegenen Regionen Kleinbauern demonstrieren, so Marita Wiggerthale.
Wohl deshalb gibt es aus fast allen bundesdeutschen Ministerien fast gleichlautende Positionspapieren, die mit denen in Rom diskutierten Vorschlägen übereinstimmen. Die kurzfristige Hilfe soll in Form von Transferzahlungen und Schulspeisen nicht mehr die eigene Marktentwicklung beeinträchtigen. Darüber hinaus stehen die Investitionen in den ländlichen Raum, in die Landwirtschaft und für die Kleinbauern im Vordergrund. Thomas Michel von der gtz sieht diesen Paradigmenwechsel weltweit. Darüber hinaus müssten die Länder in der Lage sein, sich gegen schwankende Weltmarktpreise abzusichern. Schutzzölle sollten zeitlich begrenzt das Land vor Billigimporten schützen.
FAO WelternährungstagungDer Handelsabkommen müsste nach Wiggerthale die Rahmenbedingungen für die Entwicklungsmöglichkeiten der Länder berücksichtigen. Die industrialisierte Landwirtschaft hilft weder dem ländlichen Raum noch den Kleinbauern.
Die Rolle der Bioenergie bleibt undurchdringlich. Die Zahlen über den Anteil der nachwachsenden Rohstoffe an den steigenden Lebensmittelpreisen liegen zwischen drei Prozent (USA) und 30 (Oxfam). Michel sieht in der so genannten zweiten Generation der Bioenergie ein nachhaltigeres Potenzial.
Höffler und Michel hatten gegen die Romantik der Entwicklungshilfe auch noch Argumente parat. Jährlich kommen 80 Millionen Menschen neu auf die Welt, die auch ernährt werden wollen. Ohne Hochertragssorten sei das nicht zu bewerkstelligen. Nur mit regionalen Sorten und Bioprodukten könne man dieser Herausforderung nicht begegnen.
Die hohen Agrarpreise bringen auch Gewinner in den Entwicklungsländern hervor. In Ghana kann eine Kooperative aus allein erziehenden Müttern ihren Reis endlich wettbewerbsfähig zur importierten Ware anbieten und verzeichnet deutliche Absatzsteigerungen, verzeichnete Marita Wiggerthale. Es gebe nur ein Ziel: Lebensmittel wieder selbst anbauen.

Roland Krieg; Foto: FAO; Eröffnungstag

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