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27, 36, 40 Cent

Handel

Die Suche nach dem Marktgleichgewicht

Die Mengenbegrenzung nach den Milchseen der frühen 1980er Jahre, ständigen Milchquotenerhöhungen und Exporterstattungen für Molkereiprodukte sind kein Zeichen für funktionierende Märkte. Der Markt hat sich radikal geändert: keine Lagerbestände von haltbaren Milchprodukten mehr, Exporterstattungen auf Null gesetzt, mehr Länder fragen nach Milchprodukten westlichen Lebensstils. Für Dr. Monika Wohlfahrt von der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle ZMP sind die Milchpreise ganz klar marktgesteuert.
Gestern haben über 10.000 Bauern in München für höhere Preise demonstriert. Vor einigen Monaten bekamen sie noch 27 Cent für das Kilo Milch, aktuell sind es bereits bis zu 36 Cent auf dem konventionellen Milchmarkt und der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) peilt die 40-Cent-Marke an.

Nachfragemarkt - Angst vor dem Markt
Die ZMP hat in ihrer Marktanalyse neben dem Weltmarkt auch noch die EU besonders charakterisiert: Verbrauch steigt, Produktion stagniert. Die Milchquote reicht für eine Sättigung des Weltmarkt nicht aus und werde zudem von einigen Ländern noch nicht einmal gänzlich ausgeschöpft. Die extremen Niederschläge in England minderten den Milchertrag, gestiegene Futterkosten in anderen Ländern erschweren den Einsatz von Kraftfutter und senken damit die Produktion. Nicht nur die der Milch, sondern vor allem die der Butter, weil der Fettgehalt in der Milch zurückgeht.
Die Bauern sind in einer guten Position. Zur Zeit sichert die Quote das Angebotsdefizit. 2015 soll sie fallen und der Deutsche Bauernverband hat sich auf dem Bauerntag in Bamberg ebenfalls für den Ausstieg aus der Quote nach Fahrplan entschieden.

Die gestiegene Nachfrage weckt Stimmen, die Quote früher fallen zu lassen. Landwirtschaftsminister Horst Seehofer, gestern auch in München, aber nicht bei seinen Bauern, will hingegen die Quote aufrechterhalten. Das hatte vor kurzem auch der bayrische Landwirtschaftsminister Josef Miller noch einmal klar geäußert: „Man muss kein ausgewiesener Milchmarktexperte sein, um zu wissen, dass es mit der stabilen Markt- und Preissituation bei Milch rasch zu Ende ist, wenn alle Beteiligten ungebremst produzieren oder die vorhandenen Kapazitäten voll ausschöpfen.“

Der BDM forderte gestern, dass die Milchquote verändert weiter geführt werden soll: Flexibel an die Absatzmöglichkeiten des Marktes angepasst.

Den Betrieb sichern
Nach den Buchführungsergebnissen 2005/2006 im Agrarpolitischen Bericht der Bundesregierung konnten die Milchbauern nach Obst- und Gartenbau mit 11,1 Prozent Plus zwar deutlich zulegen, erzielen jedoch bei der ganzen Arbeit trotzdem nur 35.752 Euro Gewinn je Unternehmen. Der niedrigere Milchpreis galt bislang als Einkommensmindernd. So ist die Forderung des BDM nach 40 Cent je Kilo berechtigt, wenn auch „kostendeckend“ keine ökonomische Forderung sein kann. Um investieren zu können, Schulden abzubauen und die Altersversorgung zu sichern, müssen Bauern Gewinne erwirtschaften.
Die gerade gestiegenen Milchpreise werden bereits wieder durch höhere Energiepreise oder Futtermittelkosten aufgezehrt. Innerhalb von zwei Jahren stieg der Preis für einen Doppelzentner Futterweizen von 8 auf 18 Euro.

Bauern in Bewegung
In diesem Sommer haben bereits rund 500 der 8.000 Bauern bei Campina zum Jahresende gekündigt und wechseln zur Milchunion Hocheifel und zur Eifelperle. Mit ihnen wechseln 185 Millionen kg Milch die Molkerei.
In der Bayern MeG sind bereits über 21 Erzeugergemeinschaften zu einer Vermarktungsorganisation zusammengeschlossen, um den Molkereien Paroli zu bieten.
Noch mehr Markt in die eigene Hand soll das „Milk Board“ den Bauern bringen. Das war zentraler Gegenstand der gestrigen Demonstration. Das „Milk Board“ soll als überregionale Großvereinigung von Milcherzeugern, mehr Spielraum bei der Erzeugung und dem Absatz von Milch gegenüber Molkereien und Handel geben. Dazu müsste es aber nach Art. 1, Abs. 1 des Marktstrukturgesetzes als Erzeugergemeinschaft anerkannt werden.
Dagegen hatte Bayern noch im Juli argumentiert, dass das Milk Board Erzeugung und Absatz nicht nach dem Marktstrukturgesetz bündelt, weil es nur gemeinsame Verkaufsregeln vorsehe. Die antragstellenden Milchviehalter seinen zudem bereits in anderen Erzeugergemeinschaften aktiv und eine Doppelmitgliedschaft sei ausgeschlossen.

Vorbild des deutschen „Milk Boards“ ist das European Milk Board (EMP). Das konnte Ende Juni bei seiner Mitgliederversammlung mit Irland, Schottland und Wales drei neue Mitglieder begrüßen und bündelt jetzt die Interessen von 75.000 Milchbauern. In Irland sind die Milchpreise bereits auf 38 Cent gestiegen, bleibe jedoch noch bei den Genossenschaften hängen, berichtete die Bauernstimme. Obwohl 80 Prozent der irischen Milch in 165 Länder verkauft werden, spricht sich die Irish Milk and Cream Suppliers Association für einen effektiven Außenschutz und eine Mengenregelung aus.
nach Bauernstimme 7/2007

Der BDM hingegen verkündete gestern, dass es Signale aus dem Ministerium gebe, das „Milk Board“ doch genehmigen zu wollen.
Hier werden aber die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Die ZMP analysierte, ob die steigenden Milchpreise von Dauer sein könnten: Sie stellten zwar einen Anreiz dar, die Produktion zu erhöhen, dämpfen aber auch gleichzeitig die Nachfrage. Beide Reaktionen können die Preise wieder nach unten ziehen.

Kühe brauchen keinen Mais
Die Futterpreise steigen wegen des Biogasbooms. Mais kann nur einmal geerntet werden: Der Abnahmepreis entscheidet, ob er in den Fermenter der Biogasanlage wandert oder in den Futtertrog.
Höhere Erzeugerpreise entbinden den Produzenten jedoch nicht von der Pflicht, kostengünstig zu produzieren. Hier kann die traditionelle Grünlandwirtschaft ihre relative Vorzüglichkeit wieder erlangen. Bei der Milcherzeugung aus der Grundfutterwirtschaft sind die Futterkosten nach Angaben der ZMP nicht so stark gestiegen. Gibt es noch andere Diskussionsfelder neben „Milk Board“ und Milchquote? Vielleicht ist jetzt ein günstiger Zeitpunkt in den Mittelgebirgen in die Milchproduktion einzusteigen?
Kann der Bedarf an erneuerbarer Energie über den Getreidepreis quotengleich die Milchmenge steuern? Erwirtschafteten dann wachstumswilligen Betriebe mit großer Quote bei deren Abschaffung, über die Menge noch einen Ertrag, wenn sie teure Futtermittel einsetzen müssen? Und gleichzeitig erzielen Grünlandbauern Erträge bei hohen Preisen mit kostengünstigerem Raufutter und halten mit ihrem geringeren Ertrag das Angebot niedrig?
Früher oder später wird es auf der Verbraucherseite zu Preiskorrekturen kommen, prognostiziert die ZMP. Wächst die Weltwirtschaft weiter, dann bleiben die Preise längerfristig über dem durchschnittlichen Niveau der vergangenen Jahre.

VLE

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