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Interview mit Marlehn Thieme

Handel

Marlehn Thieme, Vorsitzendes des Rates für Nachhaltige Entwicklung, im Gespräch

In Berlin zog der Rat für Nachhaltige Entwicklung ein Zwischenfazit zu einem Jahr Nachhaltigkeitskodex. Vor diesem Hintergrund hat Herd-und-Hof.de ein Interview mit der Vorsitzenden des Rates, Marlehn Thieme, zum Thema Nachhaltigkeit geführt.

HuH: Sehr geehrte Frau Thieme, ohne den Begriff Nachhaltigkeit kommen Handel, Produzenten und Politik nicht mehr aus. Um Verbindlichkeiten zu schaffen hat der Rat für Nachhaltige Entwicklung vor einem Jahr den deutschen Nachhaltigkeitskodex aufgestellt. Die Unternehmen können von ihren Finanzanlagen bis zum Gesamtgewicht ihres Abfalls vielfältige Leistungsindikatoren offen legen. Wie weit ist die Implementierung nach einem Jahr vorangeschritten?

Marlehn Thieme: Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex hat einen guten Start hingelegt. Es ist ein steter Fluss von Entsprechenserklärungen, mit denen Unternehmen entsprechend der Kriterien des Nachhaltigkeitskodex den Stellenwert von Nachhaltigkeitsthemen in ihrem jeweiligen Kerngeschäft offenlegen. Sie tun das auf sehr unterschiedliche Weise, und das ist genau das, was wir wollen: die 33 Unternehmen zeigen, wo sie in ihrem Prozess stehen. Die sehr unterschiedlichen Herausforderungen werden damit sichtbar und vergleichbar – auch mit den Wettbewerbern. Nun gilt es, noch mehr Unternehmen für den Nachhaltigkeitskodex zu gewinnen, damit er als Vergleichsinstrument wirklich wirksam werden kann.

HuH: Zur Messung der Nachhaltigkeit mangelt es nicht an Indikatoren und Systemen. Am Ende muss der Verbraucher sie in seinem Lebensalltag abholen. Der nachhaltige Warenkorb zeigt bereits eine große Menge an verschiedenen Produktlabeln, die teilweise auch schon eine reiche Vergangenheit haben. Nur ein Teil ist den Verbrauchern bekannt und jedes Jahr kommen neue hinzu. Ist die Nachhaltigkeit schon zu einem undurchdringlichen Labyrinth geworden?

Marlehn Thieme: Ein Labyrinth ist es, ja, undurchdringlich dagegen nicht. Ich denke, es kommt darauf an, bei Nachhaltigkeit, wie in jedem anderen Bereich im Leben auch, einen persönlichen Kompass zu entwickeln. In dieser komplexen, vernetzten Welt ist es wichtig, sich der eigenen Werte bewusst zu sein und danach zu handeln. Das bringt einen grundlegenden Bildungsauftrag mit sich, nämlich die Menschen zu kritikfähigen Persönlichkeiten zu machen, die auf Basis von Informationen Entscheidungen treffen. Das ist ein Ziel, auf das Bildung in allen Lebensaltern einzahlen muss. Dass sich Motive, auch Konsummuster verändern, ist legitim. Der Nachhaltige Warenkorb unterstützt dabei, einen Wertekompass für den Konsumdschungel zu entwickeln und damit durch den Markt zu navigieren.

HuH: Logos beginnen sich zu kannibalisieren. Mittlerweile gibt es schon drei Tierwohllabel [1], dann die verschiedenen Bio-Siegel und Neuland. Am Ende blickt der Verbraucher nicht mehr durch?

Marlehn Thieme: Da sprechen Sie etwas Wichtiges an – die Label werden mehr und überschneiden sich, das ist richtig. Dennoch gibt es nicht das eine allein selig machende Nachhaltigkeitslabel, das alle Dimensionen abdeckt. Doch auch der Labeldschungel lichtet sich, wenn man sich mit ihm befasst. Mit unseren Anforderungen an Label hinsichtlich Glaubwürdigkeit, Transparenz, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit, haben wir schon viele aussortieren können. Im Nachhaltigen Warenkorb wurden nur die Label aufgenommen, die diese Hürde geschafft haben. Den eigenen Schwerpunkt, welcher Aspekt mir besonders wichtig ist, mich berührt und bewegt, muss ich, die Leserin und der Leser, selbst setzen.

HuH: Hilft ein „Dach-Label“ für die Zertifizierung der verschiedenen Logos?

Marlehn Thieme: Das ist eine aktuell sehr lebhaft geführte Diskussion, deren Ergebnis noch völlig offen ist. Ich denke, es geht nicht ohne eine Bewertung von Dritten, ob die gute Lösung ein Dach-Label ist oder eine staatliche Akkreditierungsstelle für Siegel und siegelähnliche Signets; das muss mit den verschiedenen Anspruchsgruppen diskutiert werden. Dazu gehören für mich Konsumenten und Nichtregierungsorganisationen, Produzenten und Handel genauso wie Politik und Verwaltung. Die öffentliche Hand steht bei der öffentlichen Beschaffungen vor derselben Frage, wie jeder, der Geld ausgibt: welchen Siegeln kann ich vertrauen? Und: welches Unternehmen ist so zuverlässig und ordentlich in seiner Art zu wirtschaften, dass ich mit ihm zusammenarbeiten kann und will? Bei der Frage braucht es also im besten Fall eine Lösung, die sowohl für die Bürger als auch Beschaffer in anderen Kontexten tragfähig ist.

HuH: Es scheint, dass die Nachhaltigkeit mit deutscher Gründlichkeit betrieben wird. Angesichts von Durchfall durch chinesische Tiefkühlerdbeeren und katastrophalen Arbeitsbedingungen in der internationalen Textilindustrie: Lässt sich der letzte Subunternehmer vor Ort in Übersee überhaupt noch in eine Nachhaltigkeitskette integrieren?

Marlehn Thieme: Ich glaube, es kann gelingen, die globale Organisationsstruktur der Wirtschaft verlässlich zu organisieren. Meines Erachtens sind wir in einem Übergang. In der vor allem regional geprägten Wirtschaft und Wertschöpfung sah man sich in die Augen und stellte die Leute, die man brauchte, selbst an. Wir sind nun durch eine Phase der globalisierten Wirtschaft gegangen, die durch die Verlagerung von Arbeitskraft und Produktionsstufen und damit Risiken in andere Länder profitiert hat und sich an den verminderten Risiken durchaus auch unter wirtschaftlichen Aspekten erfreut hat. Mittlerweile steigen die Risiken aber genau durch diese Praxis. Deshalb spielt Transparenz und die Frage nach verlässlichen Bewertungssystemen für glaubwürdige Informationen momentan eine so große Rolle. Berichterstattung wie die mit Hilfe des Nachhaltigkeitskodex wird eine zunehmend große Rolle spielen, auch um die Lieferkette im globalen Maßstab verlässlicher zu machen – und das nicht nur, um Risiken zu minimieren, sondern auch Chancen zu erschließen, die in der vorsorgenden Befassung mit gesellschaftlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Themen rund um den Globus liegen. Das zahlt auf die Bindung der Mitarbeiter, Kunden und letztlich auch den Wert eines Unternehmens ein.

HuH: Zur Einhaltung der Lebensmittelsicherheit geht die größte chinesische Molkerei dazu über, die Milch selber zu produzieren [2]. Führt die Nachhaltigkeitsdiskussion zur Vertikalisierung der Produktion? Alles in einer kontrollierbaren Hand, statt viele dezentrale Produzenten?

Marlehn Thieme: Ich glaube, die Antwort auf diese Frage wird so vielfältig sein wie die Unternehmenswelt. Die eine Lösung, die für alle passt, gibt es nicht. Wichtig ist, unternehmerische Entscheidungen zu treffen, von denen ich als Unternehmerin, als Unternehmer überzeugt bin. Ob sich Kunden, Konsumenten und Investoren auch überzeugen lassen, muss sich dann zeigen.

HuH: Vor rund 20 Jahren wurde die Nachhaltigkeit überwiegend anhand von Umweltbedingungen beschrieben. Mit der Aufnahmen von sozialen Aspekten – sind die Regeln komplexer geworden und die Leistungsmerkmale überhaupt noch zu kontrollieren?

Marlehn Thieme: Dass sich der Blick auch auf gesellschaftliche Belange geweitet hat, war ein evolutionärer Prozess, in dem nun, in den letzten zehn Jahren, der wirtschaftliche Aspekt eine immer größer werdende Rolle spielt. Ich vermute, es ist das Wesen des Menschen, dass er immer neue Herausforderungen sucht. Was geübt ist, wird Standard und die Herausforderung liegt woanders. Wir gewöhnen uns auch zunehmend an die globalisierte Wirtschaft und das Netzwerkdenken, das mediale globale Dorf, in dem wir Mitgefühl für Schicksale anderswo entwickeln. Die Wirtschaft ist für den Menschen da, das sollten wir nicht vergessen. Keine Regel wird gemacht ohne die artikulierte oder schweigende Zustimmung der Menschen – und sie kann auch wieder geändert werden, wenn klar wird, dass sie nicht zum erwünschten Ziel beiträgt. Für mich als Christin ist klar, dass sich der Anspruch friedlichen Zusammenlebens und sozialer Gerechtigkeit nicht nur im nationalen Kontext materialisieren darf, sondern für alle Menschen weltweit gilt. Gelten Menschenrechte universal oder national? Ich denke, die Frage ist geklärt, und dem müssen Unternehmen in ihrer Verantwortung gerecht werden.

HuH: Arbeitsstandards oder Umweltbelange: Können sie nicht schnell zu einem nicht-tarifären Handelshemmnis werden? Kann die Nachhaltigkeit auch „gute“ Unternehmen vom Markt ausschließen?

Marlehn Thieme: Das kommt auf die Perspektive an, was ich unter einem „guten“ Unternehmen verstehe. In meinen Augen ist ein Unternehmen nur gut, wenn es an sich gut ist, wirtschaftlich erfolgreich ist und zum Wohlstand beiträgt, eine intakte Umwelt befördert und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. Viele Unternehmen leisten das nicht, wenn man genauer hinsieht. Und viele Unternehmen leisten das, ohne es vor sich herzutragen. Einen Rahmen zu schaffen, in dem dieser Vergleich möglich ist und gleiche Ansprüche für alle formuliert werden, scheint mir hilfreich für die Debatte um nachhaltiges Wirtschaften zu sein. Deshalb gibt es den Deutschen Nachhaltigkeitskodex.

HuH: Die Welthandelsorganisation könnte die Ubiquität der Nachhaltigkeit sicherstellen. Doch statt die so genannte Doha-Runde zu beenden, sprießen überall bilaterale Freihandelsabkommen in der Handelsarchitektur. Ist der multilaterale oder der bilaterale Ansatz der effektivste?

Marlehn Thieme: Der bilaterale Ansatz ist der realitätsnahe – der unter gegebenen Umständen der einzig gangbare. Der multilaterale wäre bei entsprechender Durchsetzung und wirksamen Kontrollinstanzen der effektivere, aber eben auch schwierigere. Dafür braucht es einen langen Atem!

Vielen Dank für das Gespräch

Die Fragen stellte Roland Krieg

Lesestoff:

Den Rat für Nachhaltige Entwicklung finden Sie unter www.nachhaltigkeitsrat.de

Dort wurde im Oktober die vierte überarbeitete Auflage des Nachhaltigen Warenkorbes eingestellt. www.nachhaltiger-warenkorb.de

Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex ist hier zu finden: www.deutscher-nachhaltigkeitskodex.de

[1] Neue Tierwohl-Label. Mittlerweile hat Kaufland mit der Tierschutzorganisation Vier Pfoten bei ganzen Hühnchen nachgezogen.

[2] Auslandsinvestitionen sollen chinesische Milch sicherer machen

Roland Krieg; Foto: Rat für Nachhaltige Entwicklung

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