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Ist die Stadt nur Abwesenheit von Land?

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Herausforderung Zukunftsstadt

Vor 20 bis 30 Jahren begann der Zug ins Grüne. Wer es sich leisten konnte, suchte sich „sein Haus am See“ und verließ die Stadt. Das Wohnen im Grünen, nicht nur am Wochenende, wurde Status. Steigende Mobilitätskosten sind heute ein Grund, wieder zurück in die Stadt zu ziehen. Was die Menschen mitbringen? Natur und Landwirtschaft. Die Stadt wird mit Natur, Gärten und Nutztieren möbliert.

Die westeuropäischen und nordamerikanischen Städte hatten den Vorteil, dass ihre Infrastruktur wie die Stromversorgung, Wasserver- und Abwasserentsorgung mitgewachsen sind. Die Berliner S-Bahn begleitet Stadtbewohner ein Stück weit in das Brandenburger Umland. Die „Megacities“ in Südostasien, Afrika und Südamerika wachsen durch Zuzug ohne begleitende Infrastruktur und stehen vor ganz elementaren Bedürfnissen, wie die Lebensmittelversorgung und Einhaltung der Hygiene [1].

Doch Probleme bekommen die Städter auch in Deutschland. 75 Prozent der Menschen leben in Städten, die 75 Prozent Anteil am bundesdeutschen Energieverbrauch aufweisen, führte Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung (BMBF) im neuen Berliner Dienstgebäude an der Spree. Sie eröffnete das Wissenschaftsjahr 2015 mit dem Thema „Zukunftsstadt“. Zusammen mit China widmen sich die Akteure auch um Megacities und deren Entwicklung.

Aufgabenvielfalt

Der Hitzesommer 2003 hat es gezeigt. Zwischen den Häuserschluchten staut sich die Wärme und belastet vor allem die ältere Bevölkerung. Die Klimatisierung der Stadt mit Windschneisen und kühlenden Parks wird wichtiger. Städte verbrauchen große Mengen an verschiedenen Ressourcen und beanspruchen eine abgestimmte Logistik: Textilien und Lebensmittel, Hausgeräte und Freizeitartikel müssen an- und ausgeliefert werden. Der Stau im Berufsverkehr kostet Kraftstoff und Zeit. Ärzte bleiben lieber in der Stadt, weil sie hier mehr Patienten in einem Kiez vorfinden als auf dem Land, wo die Wegstrecken weiter sind. Geht der Stadtaufbau mit einem Dorfabbau einher? Wobei doch mit Mitteln der zweiten Säule der Agrarpolitik die Menschen auf dem Land gehalten werden sollen?

Bundesforschungsministerin Prof. Johanna Wanka
und Staatskretär Florian Pronold (BMBU), Foto: roRo

„Der Trend geht in die Stadt“, stellt Florian Pronold, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium, fest. Aber er fragte auch: „Wie kriegen wir mehr „grün“ in die Stadt bei Verringerung des Flächenverbrauches?“ [2].

In Deutschland zieht das verdichtete Wohnen in der Stadt neue Aufreger nach sich: Lärm aus der Kita, Lärm von der Skateboard-Bahn und Lärm selbst vom traditionellen Kiezfest stören mittlerweile Nachbarn und Anwohner. Im Wissenschaftsjahr sollen die Menschen mit einer „Lärm-App“ überall und jederzeit die sie störenden Dezibel messen, erläuterte Prof. Wanka - und einsenden. Das BMBF will daraus während des Wissenschaftsjahres eine Lärmkarte erstellen und sogar eine Stadtsinfonie komponieren.


Margret Mergen (Oberbuergermeisterin von Baden-Baden), Bundesforschungsministerin Johanna Wanke, BMUB-Staatssekretaer Florian Pronold und Prof. Michael Krautzberger (v.l.n.r.); Foto: roRo

Technische Lösungen vorhanden

Das Thema „Zukunftsstadt“ im Wissenschaftsjahr hat einen Vorläufer. Seit zwei Jahren gibt es die Nationale Plattform Zukunftsstadt – weil das Thema drängt. Sprecher Professor Michael Krautzberger unterstreicht, dass die Gebäude von heute auch noch in 40 Jahren bestehen werden. Aber die Kohlendioxidemissionen sollen dann reduziert sein. Bauen im Bestand, Veränderungen im Bestand lautet also die Devise. Technisch sind nahezu alle Lösungen vorhanden, sagten Wanka, Pronold und Krautzberger unisono. Dennoch müssen zwei Fragen geklärt werden: Nicht jeder Keller braucht ein eigenes Blockheizkraftwerk. „Das ist unökonomisch“, so Krautzberger. Das Umweltministerium forscht schon seit Jahren nach Quartierslösungen, bei denen mehrere Wohnhäuser an ein gemeinsames BHKW angeschlossen sind. Die zweite Frage: Wer finanziert die Veränderungen? „Gewinne und Verluste müssen fair verteilt werden“, fordert Krautzberger.

Bienen und Fische in der Stadt

„Mehr grün“ klingt plausibel, reicht aber nicht aus, um die „Zukunftsstadt“ zu beschreiben. Es geht nicht nur um Architektur und Gebäude, sagt Pronold, es geht um den Menschen, der in der Mitte der „Zukunftsstadt“ leben und arbeiten soll. Daher geht es auch um seine Ansprüche an Natur und Ernährung. „Ernten in der Stadt“ ist ein Schwerpunkt im Wissenschaftsjahr. Bienen finden auf Balkonen und Kleingärten oft schon mehr blühende Pflanzen als im Sommer auf den Feldern des Landes. Ganz neue Systeme, wie der „Tomatenfisch“ sind in der Entwicklung, und können einen Teil der Ernährung auch ohne Bauern liefern [3].

Wettbewerb

Bundesministerin Wanka rief zu einem Wettbewerb der Kommunen auf. Städte wie Bonn oder Gemeinden wie der Landkreis Harz können ihre Ideen für eine Zukunft des bebauten Raumes einsenden, die sie mit den Bürgern gemeinsam entworfen haben.

Triangelum

Im EU-Projekt „Triangelum“ wollen Forscher, unter anderem der Fraunhofer Gesellschaft, „Großstädte smart und lebenswert“ machen. Intelligente Stadtquartiere sollen in den kommenden Jahren in Manchester, Eindhoven und Stavanger verwirklicht werden. „Dazu setzen wir wegweisende Konzepte für nachhaltige Energieversorgung, Mobilität und Informationstechnologie um“, führt Alanus von Radetzki vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation aus. Schlüssel sind Informations- und Kommunikationstechniken, die einzelne Segmente miteinander vernetzen sollen. Im „Manchester Corridor“ leben rund 72.000 Studenten. Dieses Viertel soll zu einem Smart-City-Quartier werden: „Es ist geplant, ein autarkes Energienetz aufzubauen, welches das gesamte Stadtquartier mit Wärme und Strom versorgt“, berichtet von Radecki. Nach drei Jahren sollen die Ideen in weiteren Städten umgesetzt werden [4].

Bausteine der Zukunftsstadt

Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech hat verschiedene Bausteine zusammengestellt, die für die Zukunft der Stadt wichtig werden. Darunter fällt auch das Thema Sicherheit. Vernetzte Infrastrukturen bieten Kriminellen und Terroristen neue Angriffspunkte. Da dies kaum zu vermeiden sei, müssen die Netze „resilient“ ausgelegt werden. Sie müssen schnell auf kritische Angriffe reagieren können und ihre Funktionalität behalten und aus jedem Angriff lernen.

Die Forscher sehen auch die Rückkehr der Fabriken in die Städte als Option an. Fabriken seien als Industrie 4.0 allerdings keine „Schmuddelkinder mehr“, sondern stehen umweltfreundlich mitten in der Stadt. Das biete die neue Chance, mehr individuelle Produkte anzubieten [5].

Die Gebäude in der Stadt

Städte wie Goslar sind in der Innenstadt mit Fachwerkgebäuden aus Lehm und Holz geschmückt. Modernisierungen sollen junge Familien für das Wohnen in den alten Gebäuden interessieren. Wohnsilos der 1960er Jahre harren der energetischen Gebäudesanierung, die Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem neuen Anlauf auch steuerlich fördern will [6].

Einfacher ist die Umsetzung klimagerechten Bauens beim Neubau. Gleich in der Nachbarschaft von Bundesministerin Johanna Wanka auf dem Weg zum Hauptbahnhof entsteht ein Bürogebäude, das auf dem Bauzaun große Taten verspricht: „Das grünste Bürogebäude Berlins.“ In diesem Sommer soll das Gebäude mit 30.000 Quadratmeter Bürofläche Restaurants und Cafés fertig gestellt sein. Projektentwickler ist die niederländische OVG Real Estate. Das Versprechen einzuhalten wurde von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) im Oktober 2012 mit dem Goldstandard vorzertifiziert. 86,8 Prozent der grünen Versprechen waren erfüllt.

Das Gebäude mit Blick auf das Regierungsviertel erreicht eine hohe Energieeffizienz durch integriertes Blockheizkraftwerk, Lüftungsanlagen mit 75 Prozent Wärmerückgewinnung, energetisch optimierten Kälteanlagen, einer Fassade mit besten Dämmwerten sowie einer Drei-Scheiben-Verglasung. Auch an die Arbeiter im Gebäude wird gedacht. Die intensive Ausnutzung des Tageslichtes, Blend- und Sonnenschutz, eine tageslichtabhängige Zuschaltung von Kunstlicht, optimaler Schallschutz und angenehme Raumakustik soll einen hohen Aufenthaltskomfort gewährleisten. Die natürliche Lüftung in jedem Büro, intelligente Temperatursteuerung sowie Vermeidung von Zugluft gehören ebenso dazu. Genauso die Verwendung von nachhaltigen Materialien [7]. Das Gebäude am Humboldthafen gehört ist damit nicht nur das grünste Gebäude Berlins, sondern gehört zu den zehn nachhaltigsten Bürogebäuden in Deutschland. Die Niederländer sind Spezialisten auf diesem Gebiet. 2014 bekam ihr Bürogebäude für Deloitte in Amsterdam vom „Building Research Establishment“ (BRE) die Auszeichnung für das nachhaltigste Bürogebäude der Welt. Unter Verwendung smarter Technologie erreicht das Gebäude 98,36 Prozent aller Bewertungspunkte. Unter anderem ist das Gebäude energieneutral. Dabei hat die Universität Amsterdam geholfen. Auf dem Dach sind Solarpaneele auf 4.100 Quadratmeter installiert. Ebenso auf allen Flächen der Südseite, die keine Fenster sind. Wasser ist der beste Wärmespeicher. Dazu wurde 130 Meter unter dem Gebäude ein Aquifer angelegt. Der reicht aus, um das ganze Gebäude zu heizen oder zu kühlen.

Lesestoff:

Zukunftsstadt, Nationale Plattform Zukunftsstadt und zum Wettbewerb geht es über das BMBF: www.bmbf.de

[1] Deutschland hilft Megacities bei der Mülltrennung

[2] Berlin will Elisabeth-Auen bebauen

[3] Vom Fisch im Reisfeld zur Aquaponik in der Stadt

[4] www.fraunhofer.de/wissenschaftsjahr-2015-zukunftsstadt

[5] www.acatech.de/zukunftsstadt

[6] Gebäudesanierung: Neuer Anlauf im Bundesrat

[7] Die DGNB (www.dgnb.de) hat bereits 2009 ein Lebensmittelmittelgeschäft in Berlin ausgezeichnet

Roland Krieg; Fotos: roRo

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