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Lebensmittel in der Pandemie nur marginal verteuert

Handel

Was das Virus im Lebensmittelmarkt verändert hat

Die Grundversorgung ist sicher. Von Beginn an haben die Fachmagazine auf die Sicherheit der Lebensmittelversorgung hingewiesen. SARS-CoV-2 trifft den Marktbereich eher am Ende der Wertschöpfungskette: Beim Einkauf der Konsumenten. Die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) hat am Dienstagnachmittag die verschiedenen Aspekte aufgeführt, die das Virus bisher nachweislich in den Frischemärkten hervorgerufen hat. Trotz Hamsterkäufe sind die „Corona-Effekte“ bislang nur marginal.

Außer-Haus-Verzehr

Hans-Christoph Behr ist der Spezialist für die Frischemärkte und hat neben den Konsumverschiebungen auch Preise und Mengeneffekte beschrieben.

Seit Jahren boomt der Außer-Haus-Markt. Mit Veränderung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse essen die Menschen immer weniger zu Hause. Der Kaffee to-go mit einem Hörnchen hat bei den jungen Menschen das Frühstück ersetzt und sind in den urbanen Zentren rund um die Uhr an allen Ecken zu finden. In der Nähe von Büro- und Geschäftszentren haben sich Restaurants auf „Business-Karten“ spezialisiert und bieten mittags zu Kantinenpreisen internationale Küche an. Im Zuge dieses Wachstums ist die Einkaufsmenge im Lebensmittelhandel (LEH) bei nahezu allen Produkten außer Frischkäse und Frischgemüse rückläufig. Produkte wie Kartoffeln und Fleisch wurden schon 2017 zu über 50 Prozent als Tiefkühlware an den Außer-Haus-Bereich verkauft. Vor allem Convenience-Produkte wie fertig geschnittene Salate, Ready-to-eat- Schnittlauchröllchen aber auch Obststücke auf Quark werden in den immer größer werdenden „Schnippelküchen“ des LEH verarbeitet und angeboten [1].

Diese Produkte gibt es im Haushalt nicht. Aktuell ist mit dem Schließen von Gastronomie und Hotellerie dieser Absatz erst einmal weggebrochen. Eine Verlagerung über den LEH an den Kunden hält Dr. Behr für schwierig. Produkte, wie die Schnittlauchröllchen müssen erst beworben und dann akzeptiert werden. Das entspricht einer kostenintensiven Markteinführung, die langfristig angelegt sein muss. Firmen, die sich auf Convenience spezialisiert haben sind derzeit von der Pandemie am ehesten betroffen. So viele geschälte Kartoffeln, die beispielsweise von der Gastronomie aufgenommen werden, essen die Verbraucher als Frischware nicht.

Die Hamsterwochen

Die wöchentlichen Verkaufsmengen zeigen zwei Einkaufsspitzen. Im ersten Quartal 2019 haben vier bis fünf Prozent der Kunden Mehl gekauft. Das hat sich in diesem Jahr bis einschließlich der achten Kalenderwoche nicht verändert. Ab der neunten Woche allerdings hat sich die Zahl der Haushalte, die Mehl in den Einkaufswagen legten, verdoppelt. Das Virus hatte sich in Deutschland ausgebreitet. Auch bei Kartoffeln und Zwiebeln gab es deutliche Mehrverkäufe. Bei lagerfähiger Ware, wie bei Äpfeln, machte sich ein Mehreinkauf nur marginal bemerkbar. Da SARS-CoV-2 ein „Grippe-Virus“ ist, haben die deutschen Kunden das Virus gleich mit Orangen in Verbindung gebracht. Die Zitrusfrüchte verlieren eigentlich ab März ihre saisonalen Marktanteile. Ab der neunten Woche hingegen hat sich die Verkaufsmenge auf leicht gestiegenem Niveau stabilisiert.

Frischeprodukte wie Fleisch landeten erst ab der 12. Kalenderwoche vermehrt auf den Bons. Bei Bananen gibt es keinen sichtbaren „Corona-Effekt.“

Ein zweites  Hoch bei der Verkaufsmenge war in der 11. und 12. Kalenderwoche der Aufruf zum und das Umschwenken der Firmen auf Home-Office. Spätestens jetzt mussten auch die Einzelhaushalte ihren Kühlschrank befüllen. Davor hielt er mal einen Joghurt und einen Weißwein kühl.

Aufmerksame Kunden haben bemerkt, dass in der 13. Kalenderwoche, Ende März, die Regallücken wieder kleiner wurden. Die einen hatten sich genug bevorratet, bei den anderen war der Kühlschrank jetzt auch voll. Der LEH hat in den vier bis fünf vergangenen Wochen dem größten Versorgungs-Skeptiker gezeigt, dass die Regallücken am nächsten Tag wieder voll sind. Den Wandel zu einer ruhigen 13. Kalenderwoche wird im vorgelagerten Bereich als „eine Vollbremsung“ bei der Arbeitsbelastung vermerkt..

Die Marktanalysen der AMI zeigen, dass nicht alle Haushalte gehamstert haben. Bei Mehl stieg der Absatz um 123,7 Prozent, die Käuferreichweite aber nur um 81,7 Prozent. Auch bei H-Milch und Butter sind vergleichbare Relationen zwischen Menge und Käuferreichweite zu verzeichnen. Bei Kondensmilch beispielsweise nicht. Es wurde zwar 21,1 Prozent mehr verkauft, aber nur von 1,4 Prozent mehr Haushalten. Es gibt nur wenige Haushalte, die Kondensmilch überhaupt noch nutzen. Bei Geflügel- und Rindfleisch hat sich der Mehrverkauf mit einer Vergrößerung der Käuferreichweite die Waage gehalten. Da wurde nicht gehamstert.

Andere Effekte

SARS-CoV-2 ist nicht die einzige Motivation, Lebensmittel zu kaufen. Welche Effekte bei Obst und Gemüse wirklich auftreten, bleibt abzuwarten. Saisonale Effekte bei Obst und Gemüse überlagern in der Regel andere Auswirkungen. Bei Salatgurken gibt es nachweislich keinen Virus-Effekt: Der LEH hat die grünen Gemüsestangen zum Angebot mit Stückpreisen von 0,49 Euro beworben oder die Preise stabil gehalten. Bei Gurken ist der Mehrverkauf auf die positiven Preiseffekte zurückzuführen.

Der geringere Verkauf von Schweinefleisch hängt mit der Teuerungsrate aus dem Vorjahr zusammen. Die Afrikanische Schweinepest in China hat die Schlachtpreise für Schweine nahezu verdoppelt und die Ware für Verbraucher bereits 2019 nachhaltig verteuert. Das gilt weiterhin. Die Kaufzurückhaltung ist nicht auf das Virus zurückzuführen.

Der Normalpreis

Die Gurke und das Schweinefleisch haben gezeigt: Die Preise schwanken auch ohne Pandemie. Waren beispielsweise die preiswerten Käsesorten in den unteren Regalen ausverkauft, so gab es die Markenware ausreichend in der oberen Regalhälfte. Die Preisanalyse der AMI zeigt, dass Eier, Eier, Obst, Gemüse, Kartoffeln und Käse im März sogar preiswerter als im Februar waren. Was teurer wurde schwankt zwischen einem und vier Prozent Mehrkosten. Brot und Backwaren blieben auf gleichem Preisniveau. Gegenüber dem Vorjahresmonat hingegen ist der Warenkorb Lebensmittel außer bei Kartoffeln insgesamt teurer geworden. Diese Teuerungsrate setzt sich bereits aus der Vor-Pandemiezeit fort. Der Februar war rund fünf Prozent teurer als der Januar, und der etwa drei Prozent teurer als der Dezember.

In der Summe sind nur vereinzelte Mengeneffekte und nur wenig Preiseffekte auf das Virus zurückzuführen.

Ausblick

Das wird aber nicht so bleiben. Vor allem die arbeitsintensiven Agrarbereiche bekommen den Mangel an Facharbeitern zu spüren. Hans-Christoph Behr warnt, dass die vielen freiwilligen Helfer die Saison-Arbeitskräfte mangels Kenntnisse nicht einfach ersetzen werden. Das gilt auch für die Obst- und Gemüsespezialisten in Italien und Spanien. Dort fehlen ebenso Saison-Arbeitskräfte. Die gesamte Obst- und Gemüsebranche in Europa und in der Welt arbeitet unter gleichen veränderten Bedingungen. In diesem Markt wird der Import kein Defizit der heimischen Produktion ausgleichen können.

In einer Blitzumfrage während des Webinars, hielt lediglich ein Viertel der Teilnehmer eine Veränderung der Ernährungsweise für die Zeit nach der Pandemie für möglich. Behr weiß aber genau, was es sein würde. Die Zeit zu Hause werden viele nutzen, um ihr Essen selbst zuzubereiten. Viele werden vielleicht den Spaß am Kochen finden. Das könnte sich später als neues Verbraucherverhalten durchsetzen.

Und Ostern? „Wird in diesem Jahr ein bisschen unauffälliger ausfallen“, prognostiziert der Marktspezialist. Die „Osterferien“ dauern bereits an und wegen Einschränkung der sozialen Kontakte fallen die Verwandten- und Familienbesuche aus. Auch das schicke Abendessen in einem Restaurant fällt flach.

Lesestoff:

[1] Schnippelküchen in die Läden geholt; https://herd-und-hof.de/handel-/die-schnippelkueche-in-den-laden-geholt.html  

Roland Krieg

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