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Lesebefehl Nachhaltigkeitsberichte

Handel

Wer soll all die Nachhaltigkeitsberichte lesen?

future wurde 1986 von umweltbewussten Unternehmen gegründet und als Plattform für unternehmerische Eigenverantwortung gegründet. future-Vorstand Sabine Braun macht sich Gedanken über die EU-Initiative zu Nachhaltigkeitsberichtspflicht bei allen Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern:

Europäische Berichtspflicht: Transparenz als Selbstzweck?

Wie es aussieht, kommt sie – nicht nur als Vorschlag der EU-Kommission auch das EU-Parlament scheint willens, die Nachhaltigkeitsberichtspflicht durchzuwinken. Investoren und Kunden sollen dadurch besser informiert und die Betriebe zugleich noch wettbewerbsfähiger werden. Ob die einen tatsächlich besser informiert werden wollen und die anderen aus mehr Transparenz wirklich den vielbeschworenen betriebswirtschaftlichen Nutzen ziehen, darf – zumindest in der angestrebten Breite – bezweifelt werden. Vor allem aber, ob der Nachhaltigkeit damit wirklich gedient ist. Auch wenn viele Nichtregierungsorganisationen ob der anscheinend bald bevorstehenden Transparenz ganz euphorisch sind, bleiben andere – darunter auch langjährige und überzeugte Begleiter der Entwicklung von Konzepten der unternehmerischen Verantwortung – skeptisch. Sie sehen diese Entwicklung noch in vollem Gange und bei weitem noch nicht als so selbstverständlich und abgeschlossen an, dass sich daraus eine pauschale Verpflichtung quer durch alle Branchen und Unternehmensgrößen ableiten und mit guten Argumenten begründen ließe.

Staatliche Gängelei

Natürlich passt die Berichtspflicht wunderbar ins Bild der zuletzt wieder deutlich zunehmenden staatlichen Regulierung. In Bereichen, wo es um die Verletzung von sozialen und ökologischen Mindeststandards geht, haben Gesetze ihre Berechtigung, ja geht es bis heute oft nicht ohne deren Androhung. Wenn aber allen Mittelständlern mit einer Größe von über 500 Mitarbeitern – ohne Anschauung ihres Geschäftsmodells, ihrer Kundenstruktur und ihrer Leistungen – eine zusätzliche bürokratische Pflicht aufgebürdet wird, darf man getrost von staatlicher Gängelei sprechen. Indem die Pflicht zur Transparenz damit begründet wird, dass Kunden und Investoren solche verlangen würden, zeigt sich doch gerade, dass der Markt es selbst richten kann beziehungsweise auch sollte, wenn der Transparenz tatsächlich eine gewisse Wirksamkeit im Markt unterstellt wird. Denn dort, wo Kunden die gewünschten Informationen nicht erhalten, können sie ihre Veto durch Nichtkauf ablegen. Und der Nachwuchs kann dort, wo er keine Nachhaltigkeitsinformationen vorfindet, auf eine Bewerbung verzichten...

Unnötige Last

Kein Unternehmen, zumal in unserem verantwortungsbewussten und wettbewerbsfähigen Mittelstand, wird sich den Erwartungen seiner Stakeholder, so sie denn da sind, verschließen. Und die Investoren üben schon heute auch ohne Hilfe der Politik mächtig Transparenzdruck auf die großen börsennotierten Unternehmen aus, von denen folglich auch immer mehr Nachhaltigkeitsberichte vorlegen. In kleinen und mittleren Unternehmen – und von solchen sprechen wir bei einer Größenordnung von über 500 Mitarbeitern beziehungsweise über 40 Millionen Euro Jahresumsatz – sind Investoren dagegen keine zentrale Zielgruppe. Und dass Banken jene Unternehmen, die einen Nachhaltigkeitsbericht vorlegen, bei der Kreditvergabe wohlwollender behandeln, ist eindeutig mehr Wunsch als Wirklichkeit. Unternehmen, die aus Überzeugung oder aus Wettbewerbsgründen Transparenz schaffen wollen oder müssen, tun dies schon heute. Jene, die keinen Druck spüren, werden durch eine Berichtspflicht unnötig belastet und zur lieblosen Erfüllung einer überflüssigen Pflicht getrieben – die zu erwartende Flut solcher Berichte dürfte dem Ansehen des Themas nicht dienlich sein und weitere kreative Entwicklungen womöglich ausbremsen. Und wer bitte mag sich als Kunde vorstellen, all diese Berichte tatsächlich zu lesen, um dann aufgeklärte Kaufentscheidungen zu treffen – vom täglichen Lebensmittelkauf über die Anschaffung von Möbeln und Kleidung bis hin zur Wahl des Urlaubshotels. Viele, wenn nicht gar die meisten sind schon mit schlichten Siegeln überfordert und arbeiten sich selten so tief in die Materie ein, dass sie sich besser informiert fühlen. Meist herrscht doch der Eindruck vor, in einer unbeherrschbaren Informationsflut unterzugehen.

Lesebefehl dazu!

Wer also soll sie lesen, die Berichte, wer erfassen, sortieren und bewerten? Selbst in großen Konzernen, die solche zunehmend von ihren Zulieferern verlangen, müssten die Kapazitäten dafür ausgebaut werden. Denn dann sind nicht nur die Informationen von Lieferanten zu prüfen, die weltweit und womöglich sogar in Risikoländern fertigen lassen, sondern auch jene deutscher Mittelständler mit ein, zwei inländischen Standorten. Oder sollen deren Berichte ungelesen in die Schublade wandern? Um überhaupt einen Hauch der intendierten Wirkung zu erzielen, müsste man der Verpflichtung der Unternehmen zur Transparenz noch eine Verpflichtung der Zielgruppen zur Rezeption beiseite stellen. Doch die Beschaffungsstellen der EU sowie der nationalen Regierungen und Ministerien können ja nach eingeführter Berichtspflicht mit gutem Vorbild vorangehen... Am Ende dürfte vor allem den Beratern gedient sein. Auch viele Diplomarbeiten und Forschungsprojekte werden von einer Berichtspflicht profitieren. Schließlich sind dann zahllose Vergleiche zwischen den Berichten aus unterschiedlichen Ländern, Branchen und Unternehmensgrößen möglich – zumindest ist die Rezeption der bereitgestellten Nachhaltigkeitsinformationen bei einer Zielgruppe damit gesichert.

Lesestoff:

EU-Kommission will Nachhaltigkeitsberichtpflicht

Sabine Braun, www.future-ev.de

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