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Lieber vegetarisch?

Handel

Seltsam bekannter Fleischskandal

>Nach dem Fund von 60 Tonnen Gammelfleisch forderte NRW-Verbraucherminister Eckard Uhlenberg am Wochenende "harte Strafen für kriminelle Händler".

Kontrolleure finden Gammelfleisch
Bei einer Routineuntersuchung amtlicher Fleischkontrolleure der Stadt Gelsenkirchen tauchten in einem Kühlhaus Ende Oktober 2005 rund drei Tonnen Roastbeef auf, bei dem das angegebene Haltbarkeitsdatum abgelaufen war. Es stellte sich heraus, dass jemand das Haltbarkeitsdatum gefälscht und um ein Jahr verlängert hatte. Die Stadt Gelsenkirchen stellte das Fleisch sicher und das Chemische und Staatliche Veterinäruntersuchungsamt Münster stellte fest, dass es nicht mehr verkehrsfähig ist: Für den menschlichen Verzehr ungeeignet. Daraufhin wurde in dem Kühlhaus weitere Einlagerungsware gefunden, die bereits 2002 als Putenhackfleisch eingefroren wurde. Die Ware war überlagert, zeichnete sich durch Geruchsabweichungen und Ausbildung von oberflächlichem Gefrierbrand aus. Die Stadt Gelsenkirchen vermeldete, dass Zweifel an der Verkehrsfähigkeit der Produkte bestehen und schaltete am 16. November die Staatsanwaltschaft Essen ein. Die noch im Handel befindliche Ware wurde mit einer Rückrufaktion bei den Lieferbetrieben zurückgeholt. Was bereits verkauft wurde, ist sehr wahrscheinlich schon verzehrt worden. Gelsenkirchen geht davon aus, dass keine Gesundheitsgefahr besteht, stellt aber fest, dass nach Artikel 14 der EG-Verordnung 178/2002 "für den Verzehr durch den Menschen ungeeignete Lebensmittel in den Verkehr gebracht worden sind". Betroffen sind Hamburg und der Spreewald.

Der Skandal des Skandals
Das seltsam Vertraute an den Meldungen des Wochenendes sind die Parallelen, die Gelsenkirchen mit Deggendorf, verdorbenen Geflügelfleisch aus Lastrup in Niedersachsen und real verbindet. Alles innerhalb eines halben Jahres. Vor krimineller Energie ist niemand gefeit. Wenn sich diese allerdings in kurzer Zeit derart häuft, dann liegt der Verdacht nahe, dass das Umetikettieren Methode ist - Dunkelziffer unbekannt. Der Skandal liegt also nicht in dem einen Fall, dass ein Krimineller das Vertrauen der Menschen missbraucht, gute und gesunde Lebensmittel verzehren zu können, sondern das 2005 als das Jahr eingeht, dass jemand munter weitermacht, obwohl es bereits vergleichbare "Skandale" gegeben hat. Ist das Risiko entdeckt zu werden so gering? Sind die Gewinnmargen so niedrig?
Die Finanzmittel der staatlichen Lebensmittelkontrollen werden immer weniger, so dass der Überwachung eine gute Arbeit bescheinigt werden kann, aber auch eine lückenhafte. Dabei müssen Verbraucher dem System nicht ohnmächtig ausgeliefert sein. Das Reformhaus machte schon Werbung für eine vegetarische Ernährungsform. Jeder hat es in der Hand: Die Tierschutzorganisation "Provieh" "rät allen Verbraucherinnen und Verbrauchern, vielmehr ihr individuelles Ernährungsverhalten stetig zu überprüfen und vom Fast-Food vermehrt auf biologisch erzeugte und entsprechend gekennzeichnete Nahrungsmittel umzusteigen".

Strukturprobleme
Am interessantesten ist nicht die Frage, warum gibt es diese kriminelle Energie, sondern vielmehr, in welchem Milieu kann sie gedeihen? Anonymer Handel von großen Chargen, die mehrfach den Besitzer wechseln, ohne dass der Händler die Ware sieht. Verkäufer, die Lebensmittel als Ware sehen, die sie nur von der Palette in die Kühltruhe packen, ohne den Kunden zu kenne, der sie wieder herausnimmt. Die Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette haben sich der Ware entfremdet. Gemüse, Obst, Fleisch: es ist beliebig geworden.
Es hat auch früher den Metzger gegeben, der Großkunde beim Bäcker gewesen ist. Die allermeisten aber haben ihre Kunden gekannt. Sie wussten was der Kunde kaufen möchte, wenn er den Laden betritt. Kinder bekamen eine Scheibe Wurst über die Theke gereicht, wozu Manager heute mit dem Begriff "Customer Relation Management" einen Satz Power Point Folien benötigen. Die Kundenbindung ist abhanden gekommen - und mit ihr die Produktbindung.
Auf der Herbsttagung des Bund der ökologischen Lebensmittelwirtschaft sprach Bioland Vorstand Thomas Dosch von "Bio mit Bezug": Mit einem "Gesicht" der Produkte kann der Verbraucher wieder einen Bezug zum Betrieb aufbauen. Das klappt auch mit Bananen aus Übersee. Das muss, wem es nicht gefällt, nicht unbedingt der ökologische Landbau sein, sondern klappt auch bei der konventionellen Direktvermarktung in der Region. Billiges Fleisch aus dem Discounter hat keinen Bezug. Handeln muss der Verbraucher.

Roland Krieg

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