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Migranten und Konsum - Teil I

Handel

Besondere Verbraucherbildung für Migranten?

Wer kennt sich als Deutscher im Tarifdschungel der Mobilfunkdienste aus? Welche Aussagekraft hat ein Lebensmitteletikett oder kennt wirklich jeder den Unterschied zwischen Widerruf und Kündigung? Im russischen gibt es für diesen feinen Unterschied nur ein einziges Wort. Fänden Sie sich mit diesen Dingen zurecht, wenn Sie beispielsweise nach Griechenland umsiedeln würden? Wen würden Sie um Rat fragen und wem vertrauen?

„Traditionelle Lebensformen, die sich aufgrund von Familienorientierung und segregierten Wohnvierteln reproduzieren, beeinflussen das Verhalten von Migranten als Verbraucher. Daraus ergibt sich ein besonderes Bedürfnis nach Beratung – aus der Perspektive der Standards der Mehrheitsgesellschaft auch ein Bedarf an Verbraucherbildung und Aufklärung.“
Studie Lima Curvello

So geht es vielen Migranten in Deutschland, die sich hier im Alltag zurecht finden müssen, was schon uns nicht immer selbsterklärend ist. Tatiana Lima Curvello hat im Auftrag der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) gestern in Berlin ihre Studie „Verbraucherinformationen in der Einwanderungsgesellschaft – Ergebnisse einer Bestandsaufnahme“ vorgestellt. Die Soziologin führt in Berlin das Zentrum „Transfer interkulturelle Kompetenz“. Ihre Studie hat bei Einwanderern aus der Türkei und bei Aussiedlern und Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion die Konsumkompetenz analysiert, wo ein Fehlen zu erheblichen Problemen führt und erste Ansätze aufgezeigt, wo Verbraucherinformationen und -beratungen verbessert werden könnten.

Verbraucherbildung tut Not
Im Jahr 2000 hat die EU das Leitbild des durchschnittlich verständigen und informierten Verbrauchers aufgestellt. Doch, so Uwe Hüser vom vzbv , „die Realität sieht anders aus.“ Die Märkte sind heute so ausdifferenziert und unübersichtlich, dass gerade Migranten falsche Versicherungen abschließen, überteuerte Mobilfunktarife abschließen oder sich fehl ernähren. In dem im Juni aufgestellten nationalen Integrationsplan fehle die Verbraucherbildung vollständig.

„Sprachbarrieren sind das größte Hindernis einer effizienten Beratung. Auf die Sprachschwierigkeiten mit Sprachmittlern zu reagieren, bringt ein Dilemma mit sich: einerseits erreicht man die Zielgruppe, andererseits reproduziert man ethnische Segregation.“
Studie Lima Curvello

Dabei ist die“ Verbraucherbildung die zentrale Aufgabe zur gesellschaftlichen Integration“, begründet Günter Piening, Beauftragter des Berliner Senats für Integration und Migration, den hohen Stellenwert des Themas. Über Gesamtberlin gesehen haben rund 40 Prozent der Jugendlichen einen Migrationshintergrund. Die erste Generation hat schwer in Niedriglohnbeeichen gearbeitet. Das zeitigt heute Altersarmut und Frühinvalidität. Die Jugendlichen sind unternehmerisch risikofreudiger, allerdings auch „arbeitsloser“. Migranten verfügen über starke familiäre Netzwerke, die ihnen mehr Orientierung geben als die hiesigen Regelinstitutionen. Behörden, aber auch Verbraucherzentralen haben wenig Kenntnisse über den Konsum der Migranten. Nach Piening kommen die Themen Finanzen, Energie und Klimaschutz sowie Ernährung kaum vor.

Empfehlungen und Umsetzungen
Einige Zusammenfassungen über die Studie sind in den Kästchen widergegeben. Tatiana Lima Curvello hat darüber hinaus noch Empfehlungen gegeben. Die Annährung an die Zielgruppe ist wesentlich, wobei die direkte Kontaktaufnahme zu den Migrantengruppen am erfolgreichsten sei. Es müssen Formate der Verbraucherinformation entwickelt werden, die durchaus innovative Arrangements beinhalten dürfen. Die Soziologin warnt vor Kommunikationswegen, die ethnische Strukturen verfestigen. Als Umsetzung empfehle sich ein Pilotprojekt mit Rückmeldungen, so dass sich ein selbst Lernendes System ergibt, welche Inhalte am erfolgreichsten sind und Basis für dringend weiteren Forschungsbedarf bietet.

Die Gruppen sind im Wandel
Sowohl Bülent Arslan vom imap Institut aus Düsseldorf und Viktor Hahn vom Büro für interkulturelle Arbeit der Stadt Essen haben auf die Notwendigkeit hingewiesen, Türken und Aussiedler nicht als homogene Gruppe zu sehen.
So haben die türkischen Gastarbeiter bis in die Mitte der 1990er Jahre hinein noch überwiegend wieder zurück in die Türkei gewollt. Deshalb gab es in Deutschland eine Konsumzurückhaltung und rund die Hälfte der Einkommen landeten auf dem Sparbuch, um sich bei der späteren vzbv Handybroschüre auf türkischRückkehr meist eine Immobilie leisten zu können.
Das habe sich deutlich geändert und die junge Generation will ihren Lebensmittelpunkt hier in Deutschland aufbauen und konsumiere entsprechend. Das vergleichbare Durchschnittseinkommen liege aber mit 1.948 Euro fast 600 Euro niedriger als bei den deutschen Haushalten.
Die erste Generation Türken in Deutschland komme aus Anatolien, wo es nur ein geringeres Bewusstsein für gesunde Ernährung, Umweltschutz oder fairen Handel gebe. Das beginne sich jetzt hier zu wandeln, weil die Elterngeneration zucker- und herzkrank ist, beschreibt Arslan den erwachenden Wissenshunger. Weil mehrere Generationen noch zusammen leben, stehen kulturelle Werte weiterhin hoch im Kurs. Ethnomarketing und Ethnobusiness gewinnen innerhalb der Migrantengruppe bei Einzelhandel, Gastronomie und Freizeit an Bedeutung.
Bedarf an Aufklärung habe im Finanzbereich der Schaden in Milliardenhöhe aufgezeigt, als betrügerische Holdings aus der Türkei Finanzierungen im Schneeballsystem angeboten haben, dass alleine aus sprachlichen Gründen von den deutschen Verbraucherzentralen erst sehr spät wahrgenommen wurde.

„Verbraucherzentralen und Beratungsstellen für Migranten bewegen sich in fachlichen und organisatorischen Bezugssystemen. Es stellt sich die Frage, woher im System Verbraucherschutz der Impuls kommen soll, um diese Grenzen aufzurechen.“
Studie Lima Curvello

Fußball und Musik sind in den lokalen türkischen Fernsehstationen die Sendungen, die den hohen TV-Konsum hervorrufen. Das allerdings sei auch „eine irre Chance“, so Arslan, für die Verbraucherkommunikation. Und ein kostengünstiger Weg.

Morgen lernen Sie im zweiten Teil die Konsumgruppen der russischsprachigen Migranten kennen und welche Erfahrungen die Verbraucherzentralen bislang mit diesem Thema gemacht haben: https://herd-und-hof.de/handel-/migranten-und-konsum-teil-ii.html   

Roland Krieg; Foto: Broschüre vzbv "Telefon- und Handyrechnung" in deutsch und türkisch

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