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Milch in der Krise

Handel

Forderungen an die Politik, Molkereien und den Handel

>Im Vorfeld des Milchforums auf dem Deutschen Bauerntag in Rostock demonstrierten rund 100 Milchbauern vor der Rostocker Stadthalle gegen den ruinösen Preisverfall bei Milch und Milchprodukten. Ihren Unmut über die angespannte wirtschaftliche Lage äußerten sie auf Plakaten und Milchkannen. Zur Hilfe zogen auch Milchkühe über den Platz.
Bauernpräsident Gerd Sonnleitner und der Vorsitzende des Fachausschusses Milch, Otto-Dietrich Steensen, übergaben einen Forderungskatalog an die Politik und Molkereien, der die "Perspektiven für die Milchwirtschaft" aufzeigt.

Sahniger Wirtschaftsfaktor
Die EU ist mit 142 von insgesamt 500 Millionen Tonnen Milch der größte Produzent der Welt. Weltweit werden rund 42 Millionen Tonnen als Milchpulver gehandelt, von denen die EU einen Anteil von 30 Prozent hat. 40.000 Beschäftigte erzielen in der deutschen Milchwirtschaft einen Umsatz von über 20 Milliarden Euro. Von 380.000 Bauern erzeugen 120.000 Milch und investieren bis zu 6.000 Euro in einen Kuhplatz.
Innerhalb der EU steht Deutschland mit fast 28 Millionen Tonnen (23 Prozent) an der Spitze und verweist die Franzosen mit 20 und Großbritannien mit 12 Prozent auf die Plätze.
Der Knackpunkt: Die Vollkosten in der Milchproduktion bewegen sich für die deutschen Bauern auf durchschnittliche 32 Cent je Kilogramm Milch. Nur die Besten können die Kosten auf 28 Cent drücken. Seit Jahren allerdings fällt der Milchpreis für die Erzeuger und liegt aktuell bei etwa 26,5 Cent. Wer Milch produziert, muss Gewinne aus anderen Betriebszweigen, sofern vorhanden, verrechnen.

Forderungen des DBV
Die Politik soll auf die von der EU geplante Quotenerhöhung verzichten, zumal die erlaubte Produktionsmenge sowieso bereits bei 120 Prozent des Verbrauchs liegt. Des Weiteren soll die Quotendisziplin strenger kontrolliert werden. Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) solle nur noch Preise im Angebot haben, die auch die Produktionskosten decken und die Molkereien sollen ihre Verhandlungsposition gegenüber dem LEH stärken und höhere Preise durchsetzen. Da weltweit die Nachfrage nach Milch und Milchprodukten steigt, sei eine Exportoffensive notwendig. Die Einhaltung der Quotendisziplin und die Aussetzung des Saldierungssystems auf Betriebsebene zöge stabilere Preise nach sich.

Die mehrarmige Waage
Das Milchforum auf dem Bauerntag verdeutlichte gestern welche mehrarmige Waage in der Balance gehalten werden will.
Die Erzeuger: Die Bauern schimpfen auf die Preise. 540 Betriebe überschreiten ihre erlaubte Produktionsmenge zu 15 Prozent und weitere 490 Betriebe zu 10 Prozent, beklagte Albert Große Frie, Vorstand der Humana Milchunion. Diese Milch wird quasi den Molkereien vor die Tür gestellt, die verarbeitet, verkauft und verzehrt werden muss. In Italien, Spanien und Frankreich gelangt "Schwarzmilch" auf den Markt, welche die "erlaubte" Milch verdrängt.
Die Bauern klagen über zu hohe Produktionskosten. Krankheitsbedingt scheiden Hochleistungstiere im Bundesdurchschnitt bereits nach 2,5 Nutzungsjahren wieder aus der Produktion aus. Fruchtbarkeitsstörungen, Klauenprobleme und Eutererkrankungen sind die wesentlichsten Krankheitsbilder. Tiere mit weniger Leistung können gesünder bleiben und brauchen nicht so schnell ausgetauscht zu werden.
Die Verarbeiter: Campina ist eine Genossenschaft und ein weltweit handelndes Unternehmen. Zwar soll die Milchabnahme und Bezahlung für den Erzeuger an seine Produktionsbedingungen gebunden sein, also kostendeckend, aber als erste Aufgabe und Herausforderung für die Zukunft nannte Bert Jansen, Vizepräsident von Campina Kostensenkung und internationales Wachstum.
Der Weltmarktpreis für Milch liegt bei etwa 22 Cent.
Der LEH: Hubertus Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels nimmt die Discounter Aldi und Lidl in Schutz. Wenn sie an einem einzelnen Tag Aktionsprogramme mit Milchprodukten fahren, sei das nicht das Problem. Der Milchüberschuss sei das Problem. Aldi hat niedrige Kosten, ist ein harter Verhandlungspartner und nimmt große Mengen ab. Somit kann er dauerhafte Niedrigreise anbieten und verhalte sich marktkonform.
Aber: Der LEH hat ein Flächenproblem. Etwa 50 Prozent der genutzten Fläche sind überflüssig und kosten unnötig Miete und Betriebskosten. Dadurch steigt der Kosten- und Wettbewerbsdruck.
Die Politik: Die Verbraucher schimpfen über die hohen Ausgaben der EU für die Landwirtschaft. Stellvertretend hatte Herman Versteijlen, Abteilungsleiter Milch der EU Kommission, einen schweren Stand. Die Verbraucher vergessen, dass Infrastruktur und Gesundheit auch sehr viel Geld kostet, aber aus den nationalen Töpfen bezahlt werden. Im Vergleich zu diesen Geldern falle die Agrarsubvention deutlich geringer als gefühlt aus. Der EU-Export ist in den vergangenen Jahren bereits von 40 auf 25 Prozent zurückgegangen und entlaste die Exportkasse. Diese Zurückhaltung käme auch nicht den Entwicklungsländern zugute, denn Australien, Neuseeland und Ozeanien haben sich dieses Handelsvolumen erobert. Zudem wollen alle exportorientierten Länder in die EU liefern, weil das Preisniveau hier rund 30 Prozent über dem Weltmarktpreis liege.
Eine Preissenkung, auch mit Hilfe zusätzlicher Quote, als Selbstverteidigungssystem der EU?
Die Verbraucher: Zwischen 40 und 50 Prozent der Lebensmittel werden mittlerweile über die Discounter vermarktet. Trotzdem belegen Befragungen immer wieder, dass der Verbraucher bereit ist, ein paar Cent mehr für kostendeckende Preise zu bezahlen. Aber Pellengahr führte auch an, dass 43 Prozent aller Haushalte nach Abzug aller Kosten inklusive Lebensmitteleinkauf, nur noch 100 Euro zur freien Verfügung stehen. Um diesen Brosamen streiten Urlaubsanbieter, Kulturschaffende und Bauern.

Der Königsweg
Natürlich gibt es keinen Königsweg für diese Lösung. Bedenkenswertes führte jedoch Fritz Grillitsch, Präsident vom Österreichischen Bauernbund an. Der Preis für sein Produkt ist mittlerweile die geringste Einkommensquelle für Bauern geworden. Man solle sich nur einmal vorstellen, dass alle Subventionen und Direktzahlungen wegfallen und die Vollkostenrechnung auf die Lebensmittelpreise durchschlagen. In Österreich gibt es eine Diskussion "was die Lebensmittel, die Mittel zum Leben, wert sind".
Auf den Einkaufszettel passen viele Produkte, aber längst nicht mehr alle Argumente des Milchmarktes.

Roland Krieg

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