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Milchforum: Handel wehrt sich

Handel

Milch: Nachfrage braucht keine Quote

An diesem Mittwoch geht der Milchgipfel im Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) mit dem Handel in die nächste Runde. Dr. Gerd Müller, Parlamentarischer Staatssekretär des BMELV, beschreibt auf dem Berliner Bauerntag die Konstellation, die es zu harmonisieren gilt: 120.000 Bauern stehen 100 Molkereien gegenüber, die mit fünf Lebensmitteleinzelhändlern die Marktgespräche führen. Hohe Milchpreise hätten bei dieser Konstellation wenig Chancen auf Dauerhaftigkeit. Die steigenden Betriebskosten schlagen derzeit mit fünf Cent je Kilogramm Milch zu Buche. Hier werde etwas geschehen müssen und Dr. Müller stellte sogar eine Änderung des Kartellrechts in Aussicht, Anbietergemeinschaften zuzulassen.

01.06.1962: Beginn der vom EWG-Ministerrat am 14.01..1962 beschlossenen Gemeinsamen Agrarpoliti8k (GAP).
15.11.1964: EWG-Ministerrat einigt sich auf erste gemeinsame Getreidepreise (Senkung der deutschen Preise um 10 bis 15 Prozent).

Keine Abkehr vom Quotenausstieg
Müller machte allerdings auch klar, dass es keine Abkehr vom Quotenausstieg gebe, den die EU für das Jahr 2015 beschlossen hat Milchforumund die der Bundesverband der deutschen Milchviehhalter (BDM) hätte durch seinen Lieferstopp eine aktive nachfragegesteuerte Mengenregelung installiert. Die Aufhebung der Quote beschert den Milchbauern eine größere Preisvolatilität, die von der Politik nicht ausgeglichen werden kann, so Müller: Ein Cent Preisdifferenz entspreche rund 280 Millionen Euro. Die Bauern müssen lernen, auf den Markt zu reagieren. Dabei könnten neue Preismodelle bei den Molkereien helfen, den Bauern höhere Preise zu zahlen.
Die Milchbauern müssen ihre Vermarktung unternehmerisch selbst in die Hand nehmen, forderte Kees Wantenaar, Vorstandsvorsitzender der Campina-Molkerei aus den Niederlanden. Die Milchproduktion hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Zu Beginn der 1980er Jahren waren Laufställe für die Kühe noch weitgehend unbekannt. So wie sich die Bauern um die Produktion und deren Optimierung gekümmert hätten, so müssten sie sich auch um die Vermarktung kümmern. Die Bauern werden auch in Zukunft „nur Milch“ produzieren können, wohingegen die Vermarktung mit neuen Produkten sich immer neue Märkte sucht. Hier müssten die genossenschaftlichen Miteigentümer mitreden können, so Wantenaar. Die Milch hat aufgrund der Durchlässigkeit der Grenzen kein Alleinstellungsmerkmal. Neue Produkte hingegen schon.

Wichtige Exportaussichten
Von den insgesamt 28,6 Millionen Tonnen Milch, die in deutschen Molkereien verarbeitet werden, werden ca. 44 Prozent im Ausland verkauft. In dieser Zahl sind sowohl die Verkäufe in die europäischen Nachbarländer als auch auf dem Weltmarkt enthalten. Mittlerweile wird Butter am Weltmarkt wieder zu höheren Preisen angeboten als vor dem Starken Anstieg der Butterpreise Mitte 2007. Auch n den USA sind die Preise für Käse, Butter und Magermilchpulver wieder deutlich angestiegen. In den ersten vier Monaten 2008 hat die EU mehr Milchpulver exportiert als im Vorjahreszeitraum, aber weniger Butter und Käse. So die aktuellen Meldungen des DBV und der ZMP. Auf dem Milchforum sagte der CDU-Abgeordnete Peter Bleser: Würde der Export wegfallen, dann „ersaufen wir in unserer Milch“.
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Wantenaar warnte die Vertreter der Landesbauernschaften. Deutschland könne in einer EU nicht alleine eine Marktregelung beibehalten. Diskussionen über Saldierungen und Marktregelungen seinen „Diskussionen von gestern“.
Chancen hingegen bietet die künftig steigende Nachfrage nach Milch. Russland sei für Campina ein lohnender als China.

21.12.1968: „Mansholt-Plan“: Die finanzielle Förderung soll auf entwicklungsfähige Betriebe beschränkt, die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten mittelfristig auf die Hälfte vermindert und in zehn Jahren durch Strukturwandel das Marktgleichgewicht hergestellt werden.
26.10.1970: „Ertl-Program“ zur einzelbetrieblichen Förderung als Gegenvorschlag zum „Mansholt-Plan“.

Rudolf Heidhues, Vorstandsvorsitzender der Humana Milchunion sieht im freien Markt mehr Chancen als Risiken. Der Milchpreis werde zwischen Ackerbau und Energiepflanzen seinen kostendeckenden Preis noch finden. Er beklagte den Egoismus der Molkereien. Jetzt wollen sie sich gegen den Handel gemeinsam positionieren, aber in der Hochpreisphase waren Fusionen tabu.
„Der Schlüssel liegt in der Menge“, fasste DBV-Milchpräsident Udo Folgart zusammen. Derzeit lehnen die meisten Bauernverbände die Quotenerhöhungen der EU ab, doch die Perspektiven für den Milchmarkt liegen in der steigenden Nachfrage. Der Milchsektor, so hieß es in der Diskussion werde überleben – nur nicht alle derzeitigen 120.000 Milchbauern. Die müssten erst lernen mit dem freien Markt umzugehen, denn in der Vergangenheit hat es immer einen Mechanismus gegeben, der die Milchbauern aufgefangen habe.

AbL mit langem Atem
Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft gibt die Hoffnung nicht auf. Für sie geht es bei der Milch nicht nur um den Preis. „wir müssen weitermachen“, sagte Geschäftsführer Georg Janssen zu Herd-und-Hof.de in Berlin. Gerade nach der ungerechten Preisentwicklung nach 2007 und nach dem Ende des Milchlieferstreiks. Frankreich hat jetzt die Ratspräsidentschaft übernommen und könnte sich als wichtiger Partner in der EU umstimmen lassen, wie Kanada für eine aktive Mengenregelung zu votieren. Dass die Verbraucher angesichts steigender Belastungen für Mobilität und Energie möglicherweise andere Sorgen haben, weiß Janssen. Zusammen mit den Verbraucherzentralen versuchen sie Verständnis zu wecken, dass Weidewirtschaft und regionale Wirtschaftskreisläufe nicht zum Nulltarif zu heben sind: „Wir brauchen einen langen Atem.“

Export, Wellness und Nährwertkennzeichnung
Einen schweren Stand auf dem Milchforum hatte Walter Pötter, Generalbevollmächtigter der Lidl Stiftung als Vertreter des Handels. Pötter war jedoch mit belastbaren Daten der ZMP gut gewappnet, um die „Schuld“ der Milchpreismisere auf mehrere Schultern zu verteilen. Die deutsche Milch wird nahezu zu 100 Prozent in Deutschland abgesetzt. Nur 40 Prozent erreichen den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) , die anderen 60 Prozent gehen zu Großverbrauchern und der Industrie. Dort werden 40 Prozent der Milch exportiert.

Produkt

LEH

Industrie

Marktanteil an Molkereiprodukte

Trinkmilch

13 %

15 %

28 %

Käse

15 %

29 %

44 %

Butter und Milchpulver

6 %

13 %

19 %

Trinkjoghurt

7 %

2 %

9 %

Q: ZMP

Die Industrie ist der größere Abnehmer und daher stärkere Preisbildner am Markt. Zudem hat Milch in seinen verarbeiteten Produkten einen wesentlich höheren Rohstoffanteil als beispielsweise Getreide im Brötchen. Daher schlagen Preisänderungen bei der Milch stärker auf den Endpreis für die Verbraucher durch.
Im Rahmen des Wellnesstrends wird Margarine stärker beworben als tierische Fette. Margarine gibt es in Verpackungen mit „20 Prozent mehr Inhalt“, cholesterinsenkenden Zusätzen und mittlerweile auch mit Omega-3-Fettsäuren. Hier komme die Butter nicht mit.
Zudem gab Pötter zu bedenken, das mit der neuen Nährwertkennzeichnung Milch und Molkereiprodukte mehr rote und gelbe Farbunterlegungen erhalte als die pflanzliche Konkurrenz. Alles zusammen fördere weder das Image noch den Absatz von Milch und Molkereiprodukten. Sinkende Preistendenzen verursachen auch Verbraucherpräferenzen. Für ein Kilo Gouda braucht man rund neun Kilo Milch, für ein Kilo Parmesan sind es 16 kg.

Juni 1977: Einführung der Nichtvermarktungs- und Umstellungsprämie bei Milch
30./31.03.1984: Weitreichende Beschlüsse des EWG-Ministerrats – u.a. Senkung der Marktordnungspreise um 1 Prozent, Einführung der Milchquoten, Herauskaufaktion und Abbau des positiven Grenzausgleichs

In der Summe brauchen Export, industrielle Nachfrage, und höherwertige Verbraucherpräferenzen einen preiswerten Rohstoff Milch. Pötter hielt den Milchbauern aber auch einen Ausweg bereit: Es sollte eine Marketinggesellschaft gegründet werden, die ähnlich mancher Qualitätsmolkerei, die Qualität des Produktes hervorhebt und vermarktet und die Wertschöpfung durch Kommunikation an den Verbraucher auf ihre Seite holt.

Roland Krieg; Zeittafel: Aus: 60 Jahre DBV; dbk 6/08; Foto: roRo

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