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Mincemeat ist erstes Opfer des Brexits

Handel

Wie erfolgreich ist der Brexit-Deal?

Nach der überraschenden Einigung zwischen Brüssel und London ist es Heiligabend doch noch zu einem Abkommen für die Post-Brexit-Zeit gekommen. Dass Premier Boris Johnson das Abkommen als Sieg deklariert, ist seinem Brexit-Kampf geschuldet. Das Investigativ-Portal „Guido“ hat ein Dokument veröffentlicht, dass aus dem Unterhaus stammen soll und bei 65 Aspekten 28 Punkte für die Briten als „Sieg“ verbucht. Das sind 43 Prozent. Bei 26 fairen Kompromissen blieben für die EU lediglich elf „Siege“ übrig.

Die richtige Bewertung

Über die Bewertung darf gestritten werden. So wird das fehlende Sanitärabkommen über Veterinäraspekte und Pflanzen als Kompromiss bewertet, weil sowohl das Königreich als auch die EU ihre Standards behalten. Doch wer mit Pflanzenmaterial auf den dringenden Austausch zwischen Ländern angewiesen ist, dürfte das als beidseitigen Verlust bezeichnen.

Politikanalyse

Langsam haben auch die ersten Wissenschaftler den Vertrag unter die Lupe genommen und werfen einen tieferen Blick auf das Abkommen. Zum Beispiel Marley Morris vom Institut for Public Policy Research (IPPR).

Nach Morris ist der wirkliche Brexit Teil des Deals, unabhängig voneinander Handelsangelegenheiten zu regeln. Die Parlamentarier beider Seiten dürfen nicht-bindende Vorschläge für eine Änderung des Abkommens machen.

Der quoten- und zollfreie Handel der bisherigen Güter gilt dem IPPR zwar als Erfolg, doch die formulierte Herkunftsbezeichnung als Vorbedingung für die Zollausnahme bleibt komplex. In manchen Branchen sind die Produkte global zusammengesetzt, so dass genau dokumentiert sein muss, ob es sich um ein britisches oder EU-eigenes Produkt handelt. Und die Zollformalitäten sind dennoch sowohl eine Hürde für den Marktzugang als auch ein Kostenfaktor, der auf die Preise wirkt. Die Ursprungskennzeichnungen für Lebensmittel werden von Großbritannien und der EU gegenseitig anerkannt.

Für die britischen Konsumenten ist dieser Teil der wichtigste, da sonst Importzölle Lebensmittel verteuert hätten. Vier Fünftel der Lebensmittel kommen aus der EU. Doch sorgenfrei macht das nicht. John Allen vom größten britischen Lebensmittelhändler Tesco warnt, ohne Verbesserung der ökonomischen Situation in Großbritannien werde es langfristig doch schlimmer, als wenn das Königreich in der EU geblieben wäre.

Im Servicebereich sind europäische Unternehmen zwar den britischen gleich gestellt, aber beispielsweise im Segment der audio-visuellen Technik gibt es Ausschlüsse. Bei den Eigentumsrechten haben beide Seiten ein Abkommen erreicht, dass über den WTO-Standard hinausgeht. Im Finanzsektor sind nach der Lobby-Gruppe „TheCityUK“ mehr als 40 Einzelpunkte nachzuverhandeln, damit der Finanzstandort London erhalten bleibt.

Vor dem Hintergrund des allgemeinen Klimawandels  werden Gas und Strom auch mit Interkonnektoren in beide Richtungen ungehindert fließen. Das gilt vor allem für die Offshore-Windparks, die Strom nach Großbritannien und der EU liefern.

Fischerei

Entlang der Übergangsphase von fünfeinhalb Jahren steigt die britische Quote am Fang in den heimischen Gewässern. Beide Seiten müssen sich jährlich abstimmen. Nach Morris braucht es dazu unbedingt eine Schlichtungsstelle. Europäische Fischereifahrzeuge dürfen bis sechs Meilen an die britische Küste herankommen. Johnson feiert den Fisch-Deal größer als er ist. Die Angaben im Text beziehen sich auf Prozente, nicht auf Tonnen oder Werte. Ausgangsbasis ist das Jahr 2021, so dass es lange dauert, einer Seite eine positive Veränderung zuzuschreiben. Es gibt Stimmen, die eine komplette Neuverhandlung der Fischereirechte aus dem Vertrag herauslesen, wenn der Handel insgesamt auf seine Gleichgewichtigkeit überprüft werde. Verbesserungen für die britische Seite liegen also in der Zukunft.

Freihäfen

Großbritannien hat derzeit keine Freihäfen. Mit dieser Auszeichnung können Produkte dort zu anderen Regularien und Zöllen importiert und exportiert werden. Bis 2012 waren Southampton, Liverpool, Glasgow Prestwick Airport und der Hafen von Tilbury als Freihafen markiert. Neben einigen Abgeordneten aus dem Unterhaus hat sich Finanzminister Rishi Sunak für eine Neuauflage von Freihäfen ausgesprochen.

Die EU wird keine Freihäfen einrichten und würde das auch von London nicht erwarten. Brüssel sieht in Freihäfen den Einstieg in eine Wettbewerbsverzerrung und als Tor für illegale Aktivitäten wie der Geldwäsche. Allerdings gibt es in Großbritannien einige Sonderwirtschaftszonen für Gewerbeansiedlungen. Freihäfen galten lange als „Trump-Karte“ im Spiel mit der EU. Boris Johnson hat eine öffentliche Konsultation für die Errichtung von Freihäfen gestartet. Das Magazin „Techround“ für die britische Startup-Szene hält die Option für möglich, falls die britische Wirtschaft nicht schnell genug wächst.

Schottland

Für ein neues Referendum in Schottland ist zwar die Zusage von Premier Boris Johnson notwendig. Aber, so heißt die Politikanalyse, wenn der Brexit bis zur nächsten regulären Wahl des Unterhauses 2024 nicht gut läuft, oder die Torys schon vorher deutlich an Unterstützung verlieren, dann könnten die Schotten mit der Scottish Nation Party um Nicola Sturgeon einen größere Stimmanteil in Westminster erhalten und den Wechsel in die EU erzwingen. Großbritannien wird von der EU sowieso über mögliche neue Mitglieder informiert, hat aber, dann auch gegen Schottland, kein Vetorecht.  

Das erste Brexit-Opfer: Mincemeat

Die britische Spezialität geht auf das 12. Jahrhundert zurück und muss nicht, wie die Bezeichnung verheißt, aus Fleisch bestehen. Wenn allerdings Fleisch dabei ist, wird das Hackfleisch statt mit Salz oder Rauch mit Zucker konserviert. Auch Honig und Alkohol werden seither verwendet. Sie alle verhindern das Bakterienwachstum und machen Mincemeat haltbar. Im 20. Jahrhundert wurde das Fleisch durch Nierenfett von Rindern ersetzt. Heute wird es mit getrockneten Früchten und Gewürzen vor allem zu Weihnachten gegessen.

Seit dem 01. Januar 2021 dürfen verschiedene Fleischprodukte nicht mehr aus Großbritannien in die EU importiert werden. Dazu zählen gekühltes rohes Hackfleisch, gekühlte Rohwürste oder Mincemeat aus Geflügelfleisch. Großbritannien war das einzige Land in der EU, das Rohwürste ins Ausland verkaufte. Nick Allen von der Britischen Vereinigung der Fleischverarbeiter sah das Ergebnis voraus. Er glaubt, dass es den Briten gelingt, ein Gesundheitszertifikat für Mincemeat für den Export in die EU zu bekommen. Wenn es gelingt britische Wurst in alle Teile der Welt zu verkaufen, sollte das auch in die EU gelingen, sagte er.

LEH im letzten Quartal

Die britischen Konsumenten haben es in den beiden letzten Monaten 2020 noch einmal richtig krachen lassen. Im November-Lockdown und im Weihnachtsgeschäft ist der Verkauf von Lebensmitteln um 11,4 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode angestiegen. Der englandweite Kassenbon trägt die stolze Summe von 11,7 Milliarden britischer Pfund. Fraser McKevitt von Kantar Worldpanel sagte am Dienstag, dass die Briten an den Festtagen normalerweise rund vier Milliarden Pfund in die Gastronomie tragen. Diese Summe wurde 2020 in das Festessen zu Hause investiert.

Der 21. Dezember war der geschäftigste Tag und aus 15 Millionen Haushalten ging mehr als die Hälfte der britischen Bevölkerung einkaufen.  Allein an dem Tag gaben sie 819 Millionen Pfund aus. Auch wenn keine Gäste eingeladen wurden, landeten wie im vergangenen Jahr rund sechseinhalb Millionen Truthähne auf den Tellern. Es wurden 19 Prozent mehr Schweinefleisch, 20 Prozent mehr frischer Fisch und sieben Prozent ganze Hühnchen gekauft. Immerhin haben die Briten auch zehn Millionen Pfund für Gemüse und damit elf Prozent mehr als im Vorjahr ausgegeben. Nur beim Pudding blieben die Briten zurückhaltend wie im Vorjahr: Der steht immerhin mit 22 Millionen Pfund auf der Rechnung.

Seit langem sind Tesco, Sainsbury´s und Morrison mit einem Plus von über elf Prozent die Gewinner der Weihnachtseinkäufe. Sie nehmen die Plätze eins, zwei und vier ein. Der dritte Asda legte nur um acht Prozent zu. Auf Platz fünf liegt Aldi und hat in den vergangenen 12 Wochen nur um 6,3 Prozent zugelegt. Lidl auf Platz sieben hat mit einem Plus von 15 Prozent einen der höchsten Anstiege verzeichnet.

Roland Krieg

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