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Nachhaltiger Konsum

Handel

„Nachhaltigkeit ist der neue Luxus“

Sparen wollen alle – meist aber erst, wenn es teuer wird. Steigen die Betriebskosten, kauft man auch schon einmal eine Energiesparlampe. Am Benzinverbrauch sparen, weil der Atlantik wärmer geworden ist und Deutschland schon kleinere Tornados zu verzeichnen hat – da fällt es den meisten schwer, eine Verbindung herzustellen. Nachhaltigkeit, eine zukunftsgerichtete Ertragserwartung, die auch nicht auf eine Rendite, sondern auf das bloße Bewahren von Ressourcen zielt, setzt schon mehr Verständnis und Differenzierungsvermögen beim gegenwärtigen Konsum voraus als die reine Bedürfnisbefriedigung.
So ist die Diskussion um nachhaltigen Konsum und Lebensstil, zu dem die Bundestagsfraktion der Grünen am Samstag in Berlin einluden, auch eine grundlegende Diskussion um Werte.
Wohnen, Mobilität, Altersvorsorge, Börsenhandel und Einkaufen können bereits vielfältig nachhaltig gestaltet werden, aber Verbraucher sind noch als „Suchende“ unterwegs, die richtigen Angebote zu finden. Deswegen will Fraktionsvorsitzende Renate Künast die LOHAS als Multiplikatoren ansprechen, den nachhaltigen Lebensstil auf eine breitere Basis zu stellen: „Nachhaltigkeit als der neue Luxus“ und „Lebensstilwandel ohne Askese“.

Suche nach Werten
Dr. Clemens Dirschel von der Evangelischen Kirche Deutschland sieht in Tatsache einer Wertediskussion ein existierendes „Ethikvakuum“. Beim derzeitigen billigen Konsum „spart der Verbraucher zuerst an sich selbst“. Man habe zwar das preiswerteste Gut, aber keine weiteren Werte mit dem Kauf verbunden: „Wir haben keine glücklichmachende Werteorientierung“. Beim Einkauf fehle die Ethik gegenüber den anderen, die das Produkt hergestellt haben. Oftmals wird erst dann nach zusätzlichen Werten gefragt, wenn die Menschen persönlich betroffen sind: Wenn die Kinder da sind und eines davon Neurodermitis hat.
Das Thema Gentechnik wird bei Nahrungspflanzen viel diskutiert, aber wenn es auf nachwachsende Rohstoffe angewendet wird, dann werde es schon eher toleriert. Es fehle an der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem Thema.
Dr. Dirschel möchte auch von dem Wort „Verbraucher“ wegkommen, denn das alte Wort „Kunde“ beinhaltet viel mehr: Der Kunde erkundigt sich, ist informiert und „kundig über sein Werteverhalten“. Wenn der „Kunde König ist“, dann wird er als Entscheidungssouverän angesprochen: Über das Produkt und seine Fertigung. Askese möchte der Kirchenvertreter mehr als „besinnliche Lebensweise“ denn als Enthaltsamkeit verstehen.
Hingegen zeigten für Sven Giegold die „Trendkonsumenten“ der frühen 1980er Jahre in Birkenstocksandalen und selbst gestrickten Wollpullovern nicht die gewünschte Wirkung. Da wurde für den Mitbegründer der Nichtregierungsorganisation attac zu viel „Askese“ transportiert. Er sieht den doppelten Boom einer steigenden Bedeutung an Nachhaltigkeit, aber eben auch das Wachstum der Discounter. Kritik richtete Giegold an die Zielgruppendefinition der Grünen: „Einem Hartz IV – Empfänger, nachhaltigen Konsum über Wellness und Gesundheit nahe zu bringen ist zynisch!“
Kritik gab es auch an der Kirche, von der sich Giegold nicht nur ethische Reflektion wünscht, sondern auch mehr politische Einmischung, wie „Jesus am Tempelberg“ gezeigt habe. Seiner Erfahrung nach haben „junge Menschen die tiefe Sehnsucht aus der Ellenbogengesellschaft auszubrechen.“ Dr. Dirschel hingegen sagt: „Für die meisten Menschen reicht es, wenn jemand stellvertretend arbeitet.“ So haben die Kirchen in ihren Pachtverträgen hinterlegt, dass auf diesem Land keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden dürfen.

„Die Dose des Zorns“?
Für den nachmittäglichen Ernährungsworkshop brachte Buchautor Dr. Hans-Ulrich Grimm eine große Dose Früchtetee von Hipp mit. Auf der Vorderseite ist ein buntes Bild mit verschiedenen Früchten abgebildet, aber das Etikett auf der Rückseite zeigt, dass nur Hibiskus als Ganzes im Tee vorhanden ist: Die restlichen Früchte werden durch Aromen vertreten, was der Journalist als Verbrauchertäuschung wertet. Marketingbild und Etikettenaufdruck stimmen nicht überein. Einen rechtlichen Etikettierungsverstoß konnte jedoch niemand erheben.
Dr. Angelika Wendt von McDonalds bestätigte, dass „laut Definition und laut Gesetz keine Gentechnik“ im Schnellrestaurant eingesetzt werde. Bei 150.000 bayrischen Betrieben, die Fleisch an McDonalds liefern, kann aber niemand garantieren, dass in den letzten sieben Jahren keine Futtermittel verwendet wurden, die keine gentechnisch veränderten Bestandteile beinhalteten. Die Hamburgerkette ist gerade dabei, eine geschlossene „Hühnerschiene aufzubauen, die 100 Prozent GVO-frei ist“.
Wer also nach der Haus- oder Büroarbeit einen Hamburger isst und dann noch einen Früchtetee kauft: Wie groß muss der ethische Beipackzettel sein, dass man für sich, seine Kinder, die Produzenten und die Umwelt alles richtig macht?
Die Grenzen sind nicht einfach zu ziehen, denn auf der diesjährigen BioFach musste die Ökobranche auch festhalten, dass Bio nicht automatisch fair ist. Die gesamte LKW-Flotte MacDonalds ist ausschließlich mit Bio-Diesel aus Rapsöl unterwegs, was nicht jeder Logistiker aus der Ökobranche umgesetzt hat. Tiefenpsychologe Jens Lönneker schreibt bei der Informations- und Reizüberflutung der Konsumwelt, Aldi eine seelentröstende Funktion zu: man kann aus dem täglichen Einkauf eine riesengroße Aktion machen – man muss es aber nicht.

Wer ist Hauptakteur?
Die politischen Realitäten wiesen am vergangenen Wochenende mal wieder gegen die Verbraucher: Bundespräsident Horst Köhler stoppte das Verbraucherinformationsgesetz, weil die Bundesregierung ihre eigene Föderalismusreform vergessen hatte und den Gemeinden per Gesetz Aufgaben übertragen wollte. Das Gesetz, das Verbrauchern besseren Zugang zu Informationen geben wollte, liegt wieder auf Eis.
In Berlin wurden über 90 Tonnen Gammelfleisch gefunden, wobei der Medienfokus weniger auf das überlagerte Putenfleisch zielt, sondern auf die Informationspanne in der Berliner Gesundheitsverwaltung. Spätestens am 09. November hätte die Leitung des Senats über den Septemberfund informiert werden müssen. Senatorin Katrin Lompscher bekam erst am letzten Freitag den Bescheid.
Sind solche Verhaltensweisen reformierbar oder muss sich „Grün leben – Konsum und Lebensstil für morgen“ in einem Paralleluniversum weiterentwickeln? Da fragte Herd-und-Hof.de bei Ulrike Höfken nach, verbraucherpolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen und Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: „Eben nicht!“ Auf der einen Seite seien alle Verstöße, Kriminelles und ordnungspolitische Rahmenbedingungen ein politisches Thema. Gleichzeitig müsse aber wie bei einer Handreichung die Bewegung von den Individuen mitgetragen werden. Die Politik könne das nicht von oben durchsetzen. Die Menschen haben nicht nur beim Einkauf die Wahl, sondern auch bei der Wahl.

Letztlich gibt es bei der Ausrichtung des Konsums kein Patentrezept für das Gleichgewicht der mehrarmigen Waage. Politik, Handel, Marketing, Erzeuger und Verbraucher können sich nicht jeweils auf die anderen verlassen. Möglicherweise ergeben sich die meisten Fragen von selbst, wenn der Warenpreis die ökologische Knappheit widerspiegelt (Sven Giegold) oder Ressourcenbelastungen durch Steuern gesteuert würden, wie es Dr. Felix Prinz zu Löwenstein vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft fordert.
Solange kann jeder selbst entscheiden, was er nicht nur in den Bereichen Ernährung, sondern auch beim Wohnen, in der Mobilität und bei der Energie umsetzen kann. Klein anfangen, wie bei der britischen Initiative www.wearewhatwedo.de, die 50 kleine Schritte vorschlägt, die Welt zu verändern, statt zu verbessern.
Oder die Initiative der Aktionsgemeinschaft katholischer Organisationen und Verbände der Diözese Rottenburg-Stuttgart und des Aktionsbündnisses Gentechnikfreie Landwirtschaft Baden-Württemberg www.mein-nein.de

Roland Krieg

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