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Nachhaltigkeit im LEH

Handel

Viele Bausteine, aber kein Königsweg

Klaus Wiegand war bei der Rewe Gruppe und bei der Metro im Management beschäftigt, bevor er sich Ende der 1990er Jahre nicht-ökonomischen Zielen widmete. Den Deutschen Handelskongress in Berlin ermahnte er, sich neu zu positionieren.

Ausbildungsthema Nachhaltigkeit
Wiegand warnte vor Kriegen um knappe Ressourcen, bevor wir die Auswirkungen des Klimawandels überhaupt erst richtig spüren würden. Mit Abfällen, Schadstoffen und Emissionen übernutze er die verfügbaren Ressourcen bereits um 20 Prozent. Bedrohlich werde die Situation durch die Schwellenländer, die ihren Wohlstand mit Wachstum generieren und des Bevölkerungswachstums. Trotz mehrere Weltgipfel hätten weder Nichtregierungsorganisationen noch die Politik einen Wandel herbeigeführt, weil das in einer Demokratie durch Wachstum und Innovation alleine nicht gehe.
Täglich frische Blumen aus Afrika, Büsumer Krabben, die zum pulen nach Marokko gefahren werden, seine Ergebnisse falsch berechneter Energiepreise. Sein Anliegen ist die ökologisch aufkommensneutrale Steuerreform, die dem Massentransport von Massenprodukten quer durch Europa Einhalt gebieten könnte. Mit seiner Stiftung ist er dabei, ein 12-bändiges Werk zum Thema Nachhaltigkeit zusammen mit dem Wuppertal-Institut didaktisch so aufzubereiten, dass es als Lehrwerk Verwendung findet. „Zukünftig dürfen keine Führungskräfte mehr ohne Nachhaltigkeitsstudium in die Praxis gehen“.

Bausteine sind genug da
Der Handelskongress zeigt deutlich, dass das Thema in den Vorstandsetagen angekommen ist. Die Otto Gruppe bietet seit Jahren schon nachhaltig produzierte Baumwoll- und Holzartikel an, so Direktor Dr. Johannes Merk. Mittlerweile hat die Business Social Compliance Initiative auch bereits 93 Mitglieder und Jan Eggert, Hauptgeschäftsführer der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Außenhandels (AVE), verspricht kurze Korrekturzeiten.
Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen Bekenntnis und der Realität, grenzt Prof. Dr. Helmut Merkel, Vorstand von Arcandor, ein. Das Thema hat bei den Kunden derzeit Konjunktur, es zeige sich allerdings noch keine Bewußtseinsänderung. Die Umsetzungsgeschwindigkeit ist langsamer als der Klimawandel.

Lidl und Basic
In der letzten Woche haben sich der Discounter Lidl und der Biosupermarkt Basic wieder getrennt. Zuerst hatte sich der Aufsichtsrat des Bioladens von Finanzvorstand Johann Priemeier getrennt. Dann kam am 09. November das Aus: „Die psychologische Wirkung des Einstiegs in das Kapital unserer Gesellschaft wurde unterschätzt“, teilte Basic am Freitag mit. Lieferanten hatten ihre Warenlieferung an Basic eingestellt. Die gesamte Branche hatte sich von Beginn an gegen die Liaison gewehrt.
Wird in fünf Jahren das Modell ökologischer Produkte in einem effizienten Massenmarkt auf den Sommer 2007 zurückblicken: „Damals waren beide noch getrennt?“
roRo

Rewe-Chef Alain Capparos sprach von der preiswerten Doppelmoral der Konsumenten, die für 19 Euro nach Barcelona fliegen wollten. Und das ist der Punkt: Neben den Bausteinen bleibt der Handel seltsam vage, wenn es um die konkrete Umsetzung geht. Sollen und können die 19 Euro verboten werden? Wie lange würde der Handel solche Kontingente anbieten, wenn alle Verbraucher diese als unmoralisch und falsch nicht nutzen würden? Gäbe es dieses Angebot, wenn alle Manager nachhaltig geschult wären?
Labels und Marken stehen für den Verbraucher bereit, sich zu entscheiden, so Dr. Merck. Das wird aber nicht reichen. Möglicherweise sind die steigenden Energiepreise der Katalysator der Entwicklung. Durch eine weitere Verteuerung könne innerhalb der nächsten beiden Jahre der Lernprozess schmerzhaft umgesetzt werden müssen, insgesamt genügsamer zu leben, so Dr. Merkel. Gelte der ökologische Preis, dann sind wohl viele Annehmlichkeiten von heute nicht mehr zu realisieren.

Den Handel nicht alleine lassen
Die Wertschöpfungskette Essen und Trinken beginnt in der Landwirtschaft, geht über verarbeitende Industrie zum Handel weiter und endet beim Verbraucher. Wer ist der Träger der Entwicklung aus der Klima- und Ressourcenkrise?
Die Herbsttagung des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft hat die relative Vorzüglichkeit der ökologischen Landwirtschaft gezeigt, aber auch, dass sie nicht der Königsweg ist. Der Handelskongress in Berlin hat gezeigt, dass der Handel vieles anbieten kann, aber auch auf die Kunden reagieren muss. Denn ob der schönen Worte und Visionen während der Diskussion, schüttelte eine Vertriebsleiterin heftig den Kopf: Der Händler muss am Ende des Tages schauen, ob die Kasse stimmt und kann sich nicht auf die freiwillige Bereitschaft des Kunden verlassen, die teuer eingekauften ökologischen Waren zu kaufen.
Die jüngste Studie von Ernest & Young hat gezeigt, dass zwar 80 Prozent aller Konsumenten Bio lieben – aber bei weitem nicht umsetzen. Ist es aus Verbrauchersicht falsch, bei einem knappen Budget das Angebot von 19 Euro pro Flug anzunehmen? Im Gefangenendilemma sitzt nicht nur der Handel. Die Bringschuld ist auf alle verteilt.

Lesestoff:
Die Business Social Compliance des Deutschen Außenhandels finden Sie unter www.bsci-eu.org
Die Asko Europa Stiftung von Klaus Wiegand ist in Saarbrücken: www.asko-europa-stiftung.de

Roland Krieg

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