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Palmöl: Vom Autoreifen bis zur Margarine

Handel

Der Erfolg von nachhaltigem Palmöl in Deutschland

Palmöl: Die meisten Menschen bekommen epidermales Gruseln bei der Vorstellung, wie sich die Ölpalme plantagenartig in den Regenwald ausdehnt. Die Bandbreite der Argumente gegen Palmöl reicht von multinationalen Konzernen, über den Verlust von Regenwald und Habitatverluste für den Orang-Utan. Marktratgeber gestalten ganze Sendungen darüber, wo Palmöl überall drin ist und Konsumenten es vermeiden.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist der Anstieg der weltweiten Palmölproduktion von 45 Millionen Tonnen im Jahr 2000 auf 76 Millionen Tonnen im Jahr 2019. Dahinter steht vor allem der steigende Verbrauch an Speiseölen, die aus Soja, Erdnuss, Oliven, Raps, oder eben aus der Ölpalme erzeugt werden. Wer sich an asiatischen Garküchen am Straßenrand verpflegt, sieht, wie viel Speiseöl verbraucht wird. In Deutschland ist die Palette ungleich größer: Sie reicht vom Autoreifen bis zur Margarine [1].

Palmöl ist daher so erfolgreich, weil der Ertrag des Ölbaumes zwischen zwei und fünfmal so hoch wie aus andere Ölpflanzen ist. Im Sinne der Effektivität kann Palmöl den steigenden Bedarf der Weltbevölkerung ausgleichen helfen.

RSPO

Das macht Palmöl nicht automatisch nachhaltig, wie die Gegenargumente zeigen. Weltweit hat sich einiges getan. Es gibt einen Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) [2], über das 2019 das Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) eine Studie veröffentlicht hat [3]. Allerdings war der Vergleichsstandard mit einer Biozertifizierung auch sehr hoch. Und: Von den RSPO-Standards könnten die Bio-Auditoren noch etwas lernen.

FONAP

Vor fünf Jahren wurde in Deutschland das Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP) gegründet, um ebenfalls zertifiziertes Palmöl unter die Konsumenten zu bringen [4]. Am Dienstag wurden auf der Generalversammlung 2020 die aktuellen Zahlen aus der vierten Forschung über das Projekt von Dr. Peter Hawighorst vorgestellt. Insgesamt gibt es fünf Verwendungssektoren. Pandemiebedingt liegen die Daten für die energetischen Sektor erst im Dezember vor, wenn die Studie als Ganzes veröffentlicht wird.

Palmöl und Palmkernöl

Bei den Rohstoffen wird zwischen Palmöl und Palmkernöl unterschieden. Die Früchte der Ölpalme liefern das Palmöl, das etwas mehr als die Hälfte des gesamten Ölertrags ausmacht. Es wird vor allem in der Nahrungsmittelindustrie eingesetzt. Ähnlich wie Kokosfett wird es bei Erwärmung flüssig, bei Temperaturen unter 23 Grad fest. Daher wird es gerne als Glasur verwendet. Das Original weist durch einen hohen Carotingehalt eine rötliche Färbung auf, die durch Raffination und Bleiche entfernt wird. Ohne diese Prozesse kommt das so genannte „Rote Palmöl“ in den Handel, das fettlösliche Vitamine (A, D, E, und K) besser aufnehmen helfen soll. Der etwa 25 kg schwere Fruchtstand besteht aus bis zu 4.000 Früchten, in denen die Kerne heranwachsen. Dieser Kern ist botanisch eine Nuss und ummantelt das Endosperm aus dem das Palmkernöl gewonnen wird.  Die Früchte überstehen das Pressen für die Palmölgewinnung, werden von den Schalen befreit und bis auf acht Prozent herunter getrocknet. In der Schraubenpresse wird das Palmkernöl gewonnen [5].   

Verbrauch in der Welt und in Deutschland

Der Verbrauch an beiden Ölen aus der Ölpalme steigt seit Jahren weltweit sprunghaft an. In Deutschland ist der Konsum allerdings rückläufig. Dafür steigt die Nachfrage nach zertifizierten Palmölen an, wie Hawighorst in der Studie belegt. Hierin unterscheidet sich der deutsche vom Weltmarkt.

Neben dem energetischen Sektor werden Palmöl und Palmkernöl in den Sektoren Lebensmittel, Futtermittel, Wasch- und Reinigungsmittel sowie Kosmetik und in der Chemie mit dem Sektor Pharmazie genutzt.

Im Bereich Lebensmittel sind bereits 90 Prozent des Palmöls zertifiziert, bei Futtermittel mittlerweile 25 Prozent, der Anteil an Waschmittel und Kosmetik kommt auf 68 und die Chemie auf 36 Prozent. Hawighorsts Blick auf Untersektoren weist beispielsweise für Margarinen 100 Prozent zertifiziertes Palmöl aus.

Für die Lebensmittelindustrie werden rund 250.000 Tonnen Palmöl, in der Futterwirtschaft etwa 150.000 Tonnen pro Jahr eingesetzt. Die vier Segmente kommen zusammen auf 440.000 Tonnen. Etwa 13.000 Tonnen sind nach Bio-Standards zertifiziert.

Die Entwicklung des zertifizierten Palmöls ist für Hawighorst „eine sehr beeindruckende Entwicklung“.  In den vergangenen fünf Jahren ist auch die Nutzung im Bereich der Futtermittel von drei auf 25 Prozent angesprungen.

FONAP

Zu Beginn von FONAP war das Netzwerk den meisten Betrieben unbekannt. Das hat sich seitdem deutlich verändert. FONAP übernimmt die Rolle als Netzwerk, informiert und berät Unternehmen bei der Zertifizierung, wie beispielsweise der von RSPO, der Rainforest Alliance oder der vom International Sustainability and Carbon Certification. Als Erfolgstreiber verzeichnet Hawighorst die Politik und den Handel mit seinen Kunden. Je näher die Lieferkette an den Verbraucher liegt, desto durchdringender ist der Anteil des zertifizierten Palmöls. Der geringe Anteil an Bio-Palmöl wird mit zunehmender Nutzung von Bioprodukten und verarbeiteten Produkten nach Hawighorst ebenfalls weiter steigen.

„Wir hätten gerne mehr Marktakteure“ bekannte Almut Feller, Vorstandsvorsitzende von FONAP. Schon bei der Gründung war das Forum Nachhaltiger Kakao ein Vorbild. Dessen Rohstoff sei aber „mystischer“ und komme zu Ostern und Weihnachten regelmäßig in die Presse. Palmöl sei ein komplexer Markt mit vielen Teilnehmern, die zum Teil nur einen Anteil von 0,3 Prozent an der deutschen Palmölnutzung halten. Bei den FONAP-Mitgliedern dürfen die Verbraucher sicher, sein dass sie zu 100 Prozent zertifiziertes Palmöl nutzen. Für Feller ist es wichtig die positiven Eigenschaften von Palmöl zu kommunizieren und den Verbrauchern deutlich zu machen, was die Zertifikate bedeuten. So beinhaltet der RSPO-Standard auch Arbeits- und Menschenrechte, sowie ländliche und soziale Entwicklung und das Thema Landrechte als Extrapunkt.

RSPO hat nach Dr. Erik Meijaard von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) schon viel verbessert. Nicht nur die Ölpalme, nahezu alle Ölpflanzen in den intertropischen Regionen haben negative Auswirkungen auf die Umwelt. Doch bis 2050 wird sich der Bedarf an Palmöl weltweit nahezu verdoppeln. Die Menschen nutzen es für das tägliche Kochen, für Reinigungsmittel und Seifen. „Palmöl ist ein Teil des täglichen Lebens“, sagte er auf der Videokonferenz. Eine Verdoppelung des Ertrags ist nicht mehr möglich. Weltweit wächst die Ölpalme bereits auf einer Fläche so groß wie Großbritannien. Angebot und Nachfrage müssen mit Nachhaltigkeitsaspekten wie sauberes Wasser und Sicherung des Regenwaldes ausbalanciert werden. Eine Zertifizierung sei unumgänglich.

Die Lage vor Ort

Den letzten Satz würde auch Dr. Matin Qaim von der Universität Göttingen unterschreiben. Sicher, die Standards haben noch Luft nach oben, die Definition eines Standards und das Monitoring sind nach seinen Beobachtungen vor Ort noch verbesserungswürdig. Palmöl wird in Indonesien, das mit Malaysia das meiste Palmöl erzeugt, zu 40 Prozent von Kleinbauern erzeugt. Von denen sind nur zehn Prozent zertifiziert. In Sumatra hat sich das Anbaumodell des Smallholder in an nucleus estate nicht durchgesetzt [6]. Seitdem die Kleinbauern sich aus dem Vertragsanbau selbstständig gemacht haben, müssten sie jetzt einzeln zertifiziert werden. Für ein Gruppenzertifikat braucht es eine Organisation als Erzeugergemeinschaft oder Kooperative, die für die Umsetzung der Standards bei jedem Mitglied verantwortlich ist, erklärte Qaim. Weil die Ölpalme am Maximum ihres Ertragspotenzial wächst, käme die notwendige Ausdehnung der Anbauplantagen der gleichen Ölmenge mit ein Bio-Zertifikat  nur nach genauer Beachtung neuer Zielkonflikte in Betracht.

Matin Qaim berichtet auch: Die Nachhaltigkeitsdiskussion in der EU wird als „grüner Stempel“ wahrgenommen. Als Anforderung für Exporte nach Europa, aber nicht als Vorbild für die eigene Produktion oder Exporte in andere Länder. Die Indonesier sähen überwiegend den EU-Finger, der auf negativen Auswirkungen zeige. Die Europäer müssten die Beteiligten vor Ort mit ins Boot nehmen [7].  

Zweiter Runder Tisch Futtermittel?

Dr. Eva Ursula Müller ist mit der Entwicklung des zertifizierten Fettes ebenfalls zufrieden. Sie leitet im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Abteilung Nachhaltigkeit und nachwachsende Rohstoffe. Den großen Sprung bei Futtermitteln führt sie auf den runden Tisch des Jahres 2019 zurück. Danach ist der Deutsche Verband Tiernahrung (DVT) als FONA-Partner neu beigetreten. Vielleicht gibt es noch einmal einen zweiten Runden Tisch, sagte sie. Denn das Thema Nachhaltigkeit wird auf der politischen Bühne in Brüssel immer wichtiger. Nach Müller wird es neue Politikansätze geben und kommt bei zertifiziertem Palmöl zu dem Schluss: „Deutschland ist Vorreiter.“ [8]

Lieferkettengesetz

Als energetischen Rohstoff kommt für die Deutsche Umwelthilfe Palmöl nicht in den Tank von Verbrennungsmotoren. „Es ist ein grundsätzliches Problem, ein so wertvolles Produkt wie Palmöl einfach zu verbrennen“, sagte Sascha Müller-Kraenner von der DUH. Die Ölpalme ist eine effektive Frucht und solle „nicht verdammt werden“. Ein freiwilliger Ansatz für die Zertifizierung funktioniere nur dort, wo die Hersteller auf ihre Reputation achten. Müller-Kraenner nutzte die Generalversammlung 2020 für eine Erinnerung der Politik an den Abschluss des Lieferkettengesetzes. Ein großes Potenzial für nachhaltige Produkte ist das Beschaffungswesen der öffentlichen Hand. Mittlerweile ließen sich entsprechende Regeln nach Beschaffungsrecht in die Ausschreibung einbauen.

Jutta Stute von der BASF will das unterstützen: „Die Zertifizierungsziele für 2020 sind erfüllt für 2025 festgelegt.“ Die Chemie nutz überwiegend Palmkernöl und zerlegt es in seine Bestandteile, um neue Grundstoffe aufzubauen. Dazu benötige die BASF bis zu zehn verschiedene Lieferanten und führt bis zum fertigen Produkt zehn bis 12 Prozessschritte durch. Im Bereich der Lebensmittel sei die Zertifizierung leichter durchzuführen. Für die Chemie wäre ein Massebilanzmodell hilfreicher. Doch Nachhaltigkeitsforderungen werden an die Lieferanten weiter gegeben.

Lesestoff:

[1] Der sensibelste Teil eines Autoreifens ist seine Lauffläche. Für dessen Produktion brauchen die Reifenhersteller  Stearinsäure. Sie ist ein Bestandteil verschiedener Kautschukmischungen. Stearinsäure wird aus tierischen oder pflanzlichen Fetten gewonnen. Dunlop beispielsweise verwendet nach Aussage in einem Blog-Beitrag keine tierischen Fette wie Hammeltalk oder Schweineschmalz mehr, sondern ist auf Palmöl für „vegane Reifen“ umgestiegen.  Für die Laufflächenmischung wird Palmöl in Verbindung mit Reisschalen eingesetzt.

[2] https://rspo.org/

[3] RSPO oder Bio-Suisse? https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/palmoel-nachhaltig-nur-aus-bioanbau.html

[4] FONAP wird bei der GIZ angesiedelt: https://herd-und-hof.de/handel-/forum-nachhaltiges-palmoel-gegruendet.html

https://www.forumpalmoel.org/

[5] (2008) Palmkernöl/palmöl. In: Lexikon der pflanzlichen Fette und Öle, Springer, Vienna; ISBN 978-3-211-75606-5

[6] Forschungsarbeit mit einem Beispiel in Tansania: Brüntrup, Michael: Nucleus-outgrower schemes as an alternativ to traditional smallholder agriculture in Tanzania: Food Security 10, 807-826 (2018) https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs12571-018-0797-0

[7] Höhere Zölle für indonesisches Palmöl stehen zwar im politischen Kurs, dürften aber nur wenig Effekte im asiatischen Raum hervorrufen. Was Indonesien an Exporten nach Europa verliert, überkompensiert der Palmölimport von China (https://herd-und-hof.de/handel-/palmoel-update-indonesien.html ) Außerdem steigert Indonesien durch eine höhere Beimischungsquote den Anbau von Ölpalmen aus eigenem Antrieb und hat mit Indien ein Memorandum of Understanding für höhere Palmöl-Exporte unterzeichnet (https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/indonesien-will-mehr-palmoel-produzieren.html )

[8] „Alte Diskussion im Europaparlament 2016: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/kann-palmoel-ueberhaupt-nachhaltig-sein.html

Roland Krieg

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