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Paris braucht Umsetzung

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Klimafinanzierung: Viel ist nicht genug

Heute stellt Frans Timmermans als Vizepräsident der EU-Kommission zusammen mit der Präsidentin Ursula von der Leyen dem Europaparlament den Green Deal vor. Gestern war er in Madrid und sagte, dass die vor vier Jahren vereinbarten Klimaziele von Paris sich nicht von allein einstellen, sondern eine Umsetzung durch die Regierungen brauchen. Im nächsten Jahr findet die Klimakonferenz in Glasgow statt. Bis dahin haben sich die Länder Zeit gegeben, ihre Fortschritte zu melden oder ihre Ziele nach oben anzupassen, sollte zu wenig erreicht sein.

Timmermans berichtete über den Green Deal, mit dem die EU spätestens im Frühjahr 2020 ein Klimagesetz vorlegen will. Die EU hat im Jahr 2018 etwa 21,7 Milliarden Euro für die Anpassung an den Klimawandel an Drittstaaten ausgegeben. Das sind 40 Prozent aller öffentlicher Gelder, die zusammen kamen, so Timmermans. Die EU will damit andere zur Nachahmung auffordern.

Glasgow im Blick

Italien und Mexiko hatten in Madrid ebenfalls die nächste Konferenz in Glasgow im Blick. Beide Länder fordern eine Ausbildung für Klima und Umwelt bei Kindern. Die künftige Generation müsse mit dem Wissen über den Klimawandel ausgestattet werden. Für eine verbindliche Zielsetzung wollen die beiden Länder bis Glasgow eine Mehrheit gefunden haben. Italiens Bildungsminister Lorenzo Fioramonti hat die italienischen Jugendlichen im Blick, die auch zwischen Alpen und dem Mittelmeer freitags für mehr Klimapolitik auf die Straßen gehen. „Junge Menschen fordern von ihren Regierungen mehr Ernsthaftigkeit in der Klimapolitik.“ Außerdem jährt sich im nächsten Jahr der Earth Day, mit dem in 175 Ländern jeweils am 22. April Wertschätzung für die Umwelt und nachhaltiger Konsum eingefordert wird, zum 50. Mal. Der Earth Day startete 1970 in den USA mit mehr als 20 Millionen Menschen.

Metereologe Jörg Kachelmann hat am Dienstag in einem Interview mit dem Digital-Magazin des Raumfahrtskonzerns OHB die Wissenslücken ebenfalls beklagt. Vor allem Deutschland sei „eine globale Zentrale des Aberglaubens“, was die öffentliche Diskussion erheblich erschwere. „In den Schulen wird etwa immer noch kaum über Wetter- und Klimaveränderungen auf der Erde gesprochen“, mahnt Kachelmann. Das reiche bis in die Politik hinauf. Dort gebe es „häufig den Willen, jedes einzelne Wetterphänomen dem Klimawandel zuzuordnen.“ Schließlich gehe es beim Thema Klimawandel um viel Geld und Meteorologen wissen vieles über das Wetter noch nicht. Kachelmann fordert eine neue Generation von Wettersatelliten mit größerer Bandbreite.

Textilien und Solarenergie

Ebenfalls wurde das einjährige Jubiläum der Kommuniqués gefeiert, dass die letzte Klimakonferenz in Kattowice hervorbrachte. 86 Modefirmen vereinbarten Rahmenbedingungen, die für nicht mehr als 1,5 Grad Celsius Erderwärmung sollen können. Im Wesentlichen wollten die Firmen fossile Energien ersetzen. Der Sporthersteller Nike hat sich beispielsweise zum Ziel gesetzt, klimaneutral zu werden [1].

Einfacher ist der Bau von Solaranlagen. Die Europäische Investitionsbank hat am Dienstag 26 Millionen Euro Darlehen für die spanische Firma IM2 Energía Solar veranschlagt. Damit sollen insgesamt 15 neue Solarfarmen in Spanien gebaut werden. Mit dem Projekt „Solar Storm 200“ sollen inden Provinzen Andalusien, Valencia und Murcia 218 MW saubere Energie produziert werden.

Grüner Wasserstoff

Bundesumweltministerin Svenja Schulze forderte auf der Klimakonferenz mehr internationale Zusammenarbeit für synthetische Brenn-, Kraft- und Grundstoffe aus Ökostrom. Dieser Komplex wird als „Power-to-X“ bezeichnet. Die Ministerin will ein internationales Netzwerk aufbauen. Wasserstoff werde nur „grün“, wenn er aus Wind- und Sonnenenergie erzeugt wird [2]. „Diese können perspektivisch national wie international einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und für den Aufbau einer klimaneutralen Wirtschaft leisten. Wir müssen jetzt die Kriterien setzen, mit denen wir einen umwelt- und klimafreundlichen Einsatz sichern - und zwar global. Wir dürfen nicht die Fehler wiederholen, die einst bei den Biokraftstoffen gemacht wurden“, sagte Schulze.

Klimaindex

Germanwatch und das New Climate Institute haben in Madrid den Klimaschutz-Index 2020 vorgestellt. Da die Mehrheit der Industrie- und Schwellenländern sinkende Emissionen aufweisen, sieht Autorin Ursula Hagen von Germanwatch eine Chance auf einen bevorstehenden Wendepunkt. Viel werde aber von China und dem Ausgang den US-amerikanischen Wahlen abhängen, räumt sie ein. Australien, die USA und Saudi-Arabien hingegen haben derzeit keine ernsthafte Klimapolitik.

Der Zwischenschritt Madrid für den Fortschrittsbericht in Glasgow im nächsten Jahr markiert aber kein einziges Land, das sich auf seine Pariser Klimaziele hinbewegt. „Während Deutschland noch relativ gut beim Fünf-Jahres Trend der Erneuerbaren im Energiemix und der Bewertung der internationalen Klimapolitik abschneidet, bekommt es weiterhin nur mäßige Noten für die nationale Klimapolitik und schneidet schlecht bei Emissionen und Energieverbrauch pro Kopf ab“, erläutert Prof. Niklas Höhne vom NewClimate Institute [3].

Schwachpunkt ist derzeit Afrika. Nach einer neuen Studie des Mercator Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gehe die Emissionsentwicklung in den 40 Ländern südlich der Sahra in die gegenteilige Richtung. Bis 2025 könnten neue Kohlekraftwerke mit einem jährlichen Ausstoß von 100 Millionen TonnenKohlendioxid in Betrieb gehen. Bereits im Zeitraum 2005 bis 2015 stieg der durch Kraftwerke und Industrieanlagen bedingte CO2-Ausstoß in dieser Region um jährlich 6 Prozent“, berichtet Jan Steckel, Leiter der Arbeitsgruppe Klimaschutz und Entwicklung am MCC. Wenn auch auf niedrigsten Niveau, steigen die Emissionen in Angola, dem Kongo und Mosambik weltweit am stärksten.

„In Subsahara-Afrika gibt es einen enormen Bedarf an billiger und verlässlicher Energie, die Region steht jetzt am Scheideweg“, warnt MCC-Kollege Michael Jakob [4].

BW und Kalifornien

Umweltminister Franz Untersteller aus Baden-Württemberg warb in Madrid für das vor vier Jahren gegründete Klimaschutzbündnis seines Landes mit Kalifornien. Mittlerweile haben sich mehr als 230 Städte und Regionen angeschlossen. Die Generalversammlung fand auf der COP 25 in Madrid statt. Zusammen umfasst das Bündnis über 1,5 Milliarden Menschen und 45 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft. Insgesamt liege das Einsparpotenzial der „Under2 Coalition“ für Treibhausgase bei 4,6 bis 5 Gigatonnen. Das sei mehr als die EU jährlich an Treibhausgasen ausstoße. Das finanzielle Budget der Under2 Coalition betrage derzeit knapp neun Millionen Euro, berichtete Untersteller [5].

… und die Schweiz

Nicht in Madrid, aber in Brüssel hat der EU-Rat mit Bern den Anschluss der Schweiz an das Europäische Emissions-Handelssystem ab dem 01. Januar 2020 beschlossen. Damit ist die Schweiz das erste Drittland im Handel mit Emissionszertifikaten. Der Prozess hat neun Jahre gedauert.

Holz

Derweil tagte in Berlin die Holzwirtschaft in Zusammenarbeit mit dem Rat für nachhaltige Entwicklung , dem Naturschutz und Designern unter dem Motto „Charta für Holz 2.0 im Dialog“. Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Uwe Feiler, will mehr Innovationen aus dem Rohstoff Holz nutzen: „„Viele Produkte, die heute noch aus erdölbasierten oder endlichen mineralischen Rohstoffen bestehen, können durch holzbasierte Produkte aus nachhaltiger Forstwirtschaft ersetzt werden. Ob als moderne und umweltschonende Textilfaser, als natürliche Alternative zu Mikroplastik in Kosmetik, in Form von biologisch abbaubaren Verpackungsfolien für Lebensmittel oder auch als rückbau- und recyclingfähiger Baustoff im Hochhausbau – das ökologische, technische aber auch wirtschaftliche Potenzial innovativer Produkte aus Holz ist enorm.“ Holz sei im rohstoffarmen Deutschland eine der bedeutendsten Quellen.

Lesestoff:

[1] Bericht über Emissionen von Zulieferern: https://herd-und-hof.de/handel-/unternehmen-fordern-lieferkettengesetz.html

[2] https://www.bmu.de/download/aktionsprogramm-ptx-power-to-x/

[3] Klimaschutz-Index: https://www.germanwatch.org/de/17281

[4] Steckel, J., et al.: Coal and Carbonization in Sub-Saharan Africa, 2019, Nature Climate Change https://www.nature.com/articles/s41558-019-0649-8

[5] https://www.under2coalition.org/

Roland Krieg

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