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Potato Power

Handel

Imagewandel für die Kartoffel gesucht

Seit Montag trifft sich in Hameln die europäische Kartoffelwelt. Vor der Leistungsschau der europäischen Kartoffeltage auf dem Rittergut Bockerode, tauschten sich Fachleute und Wissenschaftler auf dem Kartoffelkongress über die aktuellen Trends der Knollen aus.

Das Kartoffelherz Europas
In Niedersachsen liegen nur etwa ein Prozent der europäischen Kartoffelanbaufläche, aber es fallen neun Prozent der europäischen Kartoffelernte an. Für sein Bundesland rechnete Landwirtschaftsminister Hans Heinrich Ehlen einen Selbstversorgungsgrad von über 500 Prozent vor, weswegen Niedersachsen als Gastgeber der Potato Europe 2006 auch das Herz der europäischen Kartoffelwirtschaft ist. Mit über 120.000 Hektar liegt das Bundesland weit vor dem Anbauzweiten Bayern mit 50.000 Hektar (2005) und hat rund die Hälfte der deutschen Kartoffeläcker.
Hier haben sich Spezialtechnik, Kartoffelzüchter und wichtige Verarbeiter niedergelassen und halten rund 2.000 Arbeitsplätze in der Ernährungsindustrie. Stärkeindustrie und Alkoholproduktion aus Kartoffeln sind dabei noch nicht einmal mitgerechnet. Der Minister prophezeit aber der Branche einen tiefgreifenden Schrumpfungsprozess in ganz Europa. In Deutschland wurden 2003/2004 erstmals mit umgerechnet 34,3 Kilogramm Kartoffeln mehr Erdknollen in veredelter Form als Pommes, Chips und Tiefkühlware verspeist als frische Speisekartoffel (32,5 kg).
In Polen wiederholt sich der Prozess im Zeitraffer: Vor den ersten Beitrittsgesprächen gab es rund 1,5 Millionen Kartoffelbauern. In den letzten 15 Jahren hat sich deren Zahl glattweg halbiert, beschreibt Europakommissar für öffentliche Politik Russell Mildon die Entwicklung. Zwar haben die Polen mit 130 kg immer noch den höchsten Verbrauch an Kartoffeln, aber auch dort werden Pasta und Reis die Produktion zurückdrängen. In Westeuropa wandert die Hälfte, in Polen gut zwei Drittel der Knollen in die Futtertröge.

Veredelung als Chance
Auch die Kartoffelwirtschaft muss nach neuen Märkten suchen. Als Rohstoff für Bio-Ethanol wird die Kartoffel wohl keine große Rolle spielen, prophezeit Mildon. Aber als Stärkelieferant für die Industrie kann sie wieder wichtig werden. Dabei wird es sich herausstellen, dass die Produktion bei den wenigen Ländern bleibt, die nachhaltig Erträge von über 40 Tonnen je Hektar erzielen können: Die Benelux-Länder, Deutschland, Großbritannien und die USA.
Die Kartoffelexperten setzen frische Hoffnungen auf die chinesische Karte. China produziert zwar in der Summe die meisten Kartoffeln auf der Welt, aber sie ernten jeweils nur die Hälfte der europäischen Erträge. Den Produzenten wird das Konsumentenverhalten entgegenkommen, dass immer weniger Zeit für die Nahrungszubereitung aufgewendet werden wird und die Konsumenten „conveniente“ Nahrung als Fertiggericht bevorzugen. Dr. Prüfe von der Centralen Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) sieht darin nicht nur einen kurzfristigen Trend. Minister Ehlen glaubt daran, dass an dem Handelstrend und bei der Veredlung der Produkte der Anbauer selbst kaum an der zusätzlichen Wertschöpfung partizipieren kann, aber Pommes, Chips, TK-Rösti bringen Verarbeitern und Handel eine sichere Zukunft.

Gewaltige Imageprobleme
Auch in Großbritannien gibt es erhebliche Entfremdungen und Missverständnisse über die eigene Nahrung. So glauben Kinder vereinzelt, dass Kartoffeln auf Bäumen wachsen und auch nicht, dass die beliebten Chips aus Kartoffeln hergestellt sind, bedauerte Helen Priestley von der Britischen Kartoffelvereinigung. Um der Kartoffel wieder ein besseres Image zu geben, gibt es die Kampagne „Potato Power“, die unter anderem zusammen mit der BBC daran arbeitet, dass Wort „Couch Potato“ aus dem Oxford Dictonary streichen zu lassen: „Die Bedeutung ist beleidigend.“ Britische Konsumenten geben an, dass Reis und Pasta gesünder seien als die Kartoffel. Sie hätte mehr Fett als Reis und mit Abstand die meisten Kohlenhydrate. Solange sie allerdings nur gekocht wird, stimmt das nicht.
Vergleichbares hat Dr. Prüfe von der CMA ebenso für den deutschen Markt ermittelt. Am beliebtesten ist die Kartoffel bei älteren Haushalten, wo die Kinder bereits aus dem Haus sind. Zwei bis drei Mal die Woche kommt sie in der Größenordnung 500 bis 1.500 g pro Person auf den Tisch.
Der Kartoffel hängt noch das Image des Arme-Leute-Essens an. So möchte die CMA die Kartoffel für drei Kundenkreise wieder frisch bewerben: Die „Managing Mother“ im Alter zwischen 29 und 49, berufstätig und mit Kind, die Fast Food Generation und die Ernährungsbewussten sollen ein neues Image kennen lernen.

Marketing mit Gratisgeschenken
Welches Kartoffelprodukt dabei aber im Vordergrund steht, wurde nicht explizit genannt. A. Jürges aus dem Vertriebsbereich von Agrarfrost, dass zu Stöver mit seinen 400 Kartoffelvertragsbauern auf 7.000 Hektar gehört, sieht Absatzchancen ebenfalls nur als verarbeitetes Produkt. Im Tiefkühlbereich haben Kartoffeln genauso wie Pizza einen Anteil von 16 Prozent (Gemüse mit 25 Prozent auf Platz 1). Die Fritten stellen darin den Hauptanteil von 62 Prozent, die zu über 40 Prozent über die Discounter (ohne Aldi) vertrieben werden.

Deshalb muss der Handel hart kämpfen. So berichtet Jürges, dass 1.000 g TK-Fritten bei Aldi 0,59 Euro kosten. Bei Agrarfrost kosten 750 g bereits 1,19 € und bei dem Wettbewerber McCain liegt der Preis bei 1,29 Euro je 750 g-Packung. Bei diesen Preisvergleichen muss sich der Handel einiges einfallen lasen, um Kunden zu gewinnen. Das geht nicht mehr über die Pommes. Agrarfrost bietet dabei eine eigens gestaltete Frittengabeln mit Logo an, einen kostenfreien Lottotipp oder bei den beliebten Kartoffelpuffern 100 g Apfelmus gratis.

Unika
Während die Salzkartoffel weltweit an Boden verliert, bereitet sich unter anderem Deutschland darauf vor, mit innovativer Technik und neuen Produkten den Export zu stärken. Das hat tiefgreifende Auswirkungen auf die gesamte Kartoffelwirtschaft. Um sich diesen Anforderungen zu stellen hat sich am 30. Oktober 2001 in Hamburg die „Union der deutschen Kartoffelwirtschaft“ (UNIKA) gegründet. Gründungsmitglieder waren der deutsche Bauernverband und der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter. Die Ausstellung auf dem Rittergut Bockerode läuft noch bis zum 07. September (www.potatoeurope.com).

Roland Krieg

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