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Handel

Altes Fleisch und Struktursklaven

> Während der BioFach in Nürnberg gingen die Berichte durch die Medien, dass deutsche Fleischer arbeitslos werden, weil Billigbrigaden aus den neuen EU-Ländern mit Werkverträgen in den Schlachthöfen arbeiten. Die Biobranche beschäftigte sich nicht mit diesem Thema. Zur Zeit ist der Discounter real in den Schlagzeilen, weil Fleisch mit überschrittenem Haltbarkeitsdatum neu verpackt wieder in der Angebotstruhe liegt.

Dienstleistungsfreiheit
Während die Gewerkschaft NGG von 26.000 freigesetzten Arbeitern spricht, die durch die Werkverträge der Osteuropäer von ihrem Arbeitsplatz verdrängt werden, spricht der Verband der Fleischwirtschaft VDF nur von überhaupt insgesamt 17.000 Beschäftigten in deutschen Schlachtbetrieben. Die Zahl der tatsächlich Betroffenen wird sich nur schwer ermitteln lassen. Die Form der Werkverträge ist, so der VDF, ?historisch gewachsen. Ursprünglich waren Einzelselbstständige an den meist kommunalen Schlachthöfen tätig. Mit dem Übergang in die Privatisierung und Strukturveränderungen bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel vor Ort setzten sich Werkverträge mit deutschen und ausländischen Subunternehmen vor ca. 15 Jahren als weit verbreitete Form der Arbeitserledigung in der Fleischwirtschaft durch.?
Gert Andres, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit stellt am 27.02. auf diesbezügliche Fragen im Bundestag fest: ?Die Dienstleistungsfreiheit war schon wesentlicher Bestandteil der Römischen Verträge und ist auch einer der Grundpfeiler der Verträge, über die wir jetzt verhandeln.? Wenn sich die Gewerkschaft NGG darüber beschwert, dass seit dem 01. Mai 2004 Ost-Dienstleister in den Westen kommen, so ist das nur die halbe Wahrheit: Natürlich geht es auch in die andere Richtung.
Es liegt also nicht an den Dienstleistungen im Allgemeinen, sondern an dem was NGG und VDF gleichermaßen bemängeln: ?ein unrechtmäßiges Ausleben von Werkbedingungen?. Miese Unterkünfte, Billiglohn, der oft nicht einmal bezahlt wird und überlange Arbeitszeiten.
Wenn die Dienstleistungsverhältnisse also nur ein Symptom sind, dann müssen die Ursachen deutlich definiert werden: ?Übernahmen und Konzentrationen haben in den letzten Monaten stark zugenommen. Ziel ist die Verringerung der Kosten innerhalb der Produktionskette, um den Preisdruck des Lebensmitteleinzelhandels zu begegnen. Der Konzentrationsprozess ist in anderen Ländern wesentlich weiter fortgeschritten, so dass die dortigen Unternehmer jetzt verstärkt auf den deutschen Markt drängen. Der deutsche Fleischsektor, eher noch mittelständisch strukturiert, steht der großen Finanzkraft internationaler Konzerne wie Bestmeat (Niederlande) und Danish Crown (Dänemark) gegenüber. Bestmeat (seit Februar 2005 ?Vion?) hat bereits das bayrische Fleischunternehmen Moksel und Nordfleisch (NFZ) übernommen.? Damit beschreibt die NGG welche Strukturen entstehen, die Fleisch als Billigware über Discounter anbieten können. Mittlerweile werden rund 40 Prozent des Fleisches im Discount gehandelt.

Neues Altfleisch
Supermarkt-Frischfleisch hat offensichtlich eine so geringe Gewinnmarge, dass es auch nach überschreiten der Mindesthaltbarkeit immer noch verkauft werden muss. So haben zwei real-Märkte in Hannover, der real-Zentrale in Mönchengladbach und eine neu vom Verbraucherministerium NRW in Verdacht gesetzte Filiale in Minden altes Fleisch neu verpackt und als frisch verkauft. Dazu Ministerin Bärbel Höhn: ?Wer Fleisch umetikettiert, der betrügt. Es ist wichtig, dass in einem solchen Fall hart durchgegriffen wird. Etikettenschwindel kann zu ernsthaften Erkrankungen der Verbraucherinnen und Verbraucher führen, wenn verdorbene Ware verkauft wird. Die Hersteller und Einzelhändler stehen hier in besonderer Pflicht. Sie tragen ein hohes Maß an Verantwortung für die Gesundheit ihrer Kunden. Gerade bei Frischfleisch und insbesondere bei Hackfleisch müssen sie die größtmögliche Sorgfalt garantieren. Wir werden unsere intensiven Kontrollen vor allem bei solchen sensiblen Nahrungsmitteln weiter verstärken. Wir müssen aufpassen, dass die Methode billig, billig, billig nicht zu Lasten der Legalität und Qualität geht.?

Traditionelles Handwerk
Auf der BioFach war das Thema kein Gesprächsgegenstand, weil es die Biobranche nicht betrifft. Aber auch das konventionelle Fleischerhandwerk wird nicht berührt. Wenn der Metzger schon weiß, was der Kunde beim Betreten des Geschäftes kaufen will, dann existiert ein Vertrauensverhältnis, dass er nicht aufs Spiel setzen wird. Billigbrigaden mit schlechten Arbeitsverhältnissen gibt es nur in der industriellen Fleischproduktion. Umetikettierungen sind vornehmlich in anonymen Discountern möglich, wenn das Fleisch auf jeden Fall noch verkauft werden muss, um ein bisschen Ertrag zu erwirtschaften. Es ist egal, ob Ökofleisch oder konventionell: Die beiden Themen sind Ausdruck einer Industrie, die durch das Verbraucherverhalten mit entsteht, wenn beim Einkauf nur auf den Preis geschaut wird.

VLE

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