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Sommerlochmilchpreisdiskussion

Handel

Handel will Preise für Molkereiprodukte erhöhen

Lebensmittelketten haben deutliche Steigerungen bei Milch und Milchprodukten angekündigt und bereits durchgeführt. Das Kilo Butter soll 1,40 Euro und das Kilo Quark um 50 Cent teurer werden.

Preise hoch oder normal?
Seit 2000 sind die Erzeugerpreise von 32,7 auf 27,3 Cent je Kilogramm Milch gefallen. Nach einer sechsjährigen Talfahrt erzielen die Bauern in diesem Jahr erstmals wieder ein Plus von etwa 15 Prozent. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer hält dagegen die gestern geäußerten Preiserwartungen des Handels für überzogen und teilte mit: „Die derzeitigen Steigerungen der Erzeugerpreise für Milch rechtfertigen keinesfalls eine derartige Belastung der Verbraucher durch die Lebensmittelketten. Die Bauern bekommen mittlerweile einige Cent mehr für ihre Milch und das ist nur gerecht. Ich sehe keinen Grund, daraus die Preisspirale im Endprodukt um bis zu 50 Prozent nach oben zu drehen.“ Der Handel beziehe die Milch heute zu vergleichbaren Preisen wie 1975, assistierte sein Staatssekretär Dr. Gerd Müller.
Im letzten Jahr haben die Bauern nach Angaben der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) rund 29 Cent für einen Liter Milch erhalten. Die Molkereien haben ihn zu 49 Cent an den Handel abgegeben und dort war er im Durchschnitt für 55 Cent für den Verbraucher erhältlich. Dazwischen liegen Entgelte für Erfassung, Transport, Logistik, Kühlung, Erhitzen und Verpackung. Plus Gewinnspanne des Handels und Mehrwertsteuer. Viele Gründe teurer zu werden.

Langer Vorlauf
Der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV) Helmut Born begründet den Preisanstieg mit dem Weltmarkt: „Der Sog bei Nahrungsmitteln vor allem aus dem asiatischen Raum ist jetzt der unmittelbare Treibsatz für die Milchpreisentwicklung.“ Dies gehe vor allem auf die Nachfrage aus China, Russland, Indien und Ostmitteleuropa zurück.
Zwei Indikatoren haben in diesem Jahr bereits steigende Preise deutlich angekündigt. Üblicherweise liegen die Preise für abgepackte Butter und Blockbutter recht dicht zusammen, wobei abgepackte Butter wegen zusätzlicher Kosten für Ausformen und Verpackung etwas höher bewertet wird, teilte die ZMP im letzten Monat mit. Seit April 2007 habe jedoch der Blockbutterpreis die verpackte Ware deutlich übertroffen. Die Butternotierung in Hannover zeigte einen Kilopreis für verpackte Butter in Höhe von 2,80 € - der für Blockbutter schnellte auf 3,60 Euro hoch. Eine Angleichung wird erfolgen müssen. Ursache für die großen Differenzen sind unterschiedliche Vertragslaufzeiten. Blockbutter wird meist im Tagesgeschäft gehandelt, verpackte Ware unterliegt mehrmonatigen Vertragsabschlüssen. Die ZMP hatte daher schon angekündigt, dass ab August Angleichungen eintreten werden, weil Verträge mit abgepackter Butter zur Verhandlung anstehen.
Zum anderen treibt die wachsende Nachfrage auf dem Weltmarkt tatsächlich die Preise nach oben, so dass die EU bereits im Juni alle Exporterstattungen für Milch und Milchprodukte erstmals in ihrer Geschichte auf Null gesetzt hat. Gibt es keine Differenz zwischen EU- und Weltmarktpreis mehr, dann schlagen höhere Preise bis in die EU durch.

Der Handel testet was geht
Verbände haben in diesem Jahr bereits mehrfach getestet, ob sich höhere Verbraucherpreise durchsetzen lassen. Jetzt ist der Handel dran. Hubertus Pellengahr, Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, rechnet wegen Preissteigerungen noch weiter mit Preisreaktionen bei Butter.
Auf der anderen Seite des Ladentisches steht aber der Verbraucher, der die Preise hinnehmen kann – nicht muss. Seehofer appellierte gestern an die mündigen Verbraucher „ihre Macht auszuspielen und preisbewusst einzukaufen.“

Wert auf Lebensmittel
Mit weniger als 12 Prozent Anteil im durchschnittlichen deutschen Budget nimmt der Ausgabenanteil für Lebensmittel den niedrigsten Prozentsatz in der Geschichte ein. Die Dumpingphase in den letzten Jahren, gerade auch für Frischmilch, musste einmal verlassen werden. Insgesamt wird sich das Preisgefüge für Lebensmittel nach oben bewegen. Helmut Born nennt den zunehmenden Anbau von nachwachsenden Rohstoffen als weiteres Element für Preissteigerungen. Die Ära der Flächenstillegungen geht langsam zu Ende, weil jeder Hektar gebraucht wird: Für die Erzeugung von Energie oder Lebensmittel. Mit einem neuen Preisgleichgewicht.
Zudem fragen Verbraucher stärker nach der Herkunft und der Qualität der Ware und sind eher bereit, für ehrliche Preise gutes Geld zu bezahlen. Das setzt Transparenz voraus, wie viel der Ausgaben auch tatsächlich bei den Erzeugern ankommen. Und da wird die neue Milchpreisrunde möglicherweise nicht so ergiebig für die Bauern sein. Den positiven Preissignalen aus den Molkereien müssen sie Ausgabenveränderungen im Energiebereich gegen rechnen, die sich auf die Preise für Mineraldünger und Futtermittel auswirken. Futterbaubetriebe sind nach Angaben des aid infodienst von den Entwicklungen des Biogasbereiches betroffen. Deren Betreiber konkurrieren um den knappen Produktionsfaktor Boden und Milchviehbetriebe müssten höhere Pachtpreise akzeptieren, um auch zukünftig über die notwendigen Ackerflächen zu verfügen.

Auf und Ab des Marktes
Die Diskussion über höhere Preise erinnert an eine Sommerlochdiskussion. Politiker und Verbände begrüßten und verurteilten die Preisrunde gestern nach individuellem Gusto querbeet. Am Jahresende wird sich zeigen, was von den Preiserhöhungen übrig bleiben wird – auch mit Hilfe des Verbraucherverhaltens.
Nicht zum Sommerloch hingegen gehören die langfristigen Markttrends, die im Hintergrund ablaufen. Aber auch hier wird sich zeigen, was nach der aktuellen Hausse übrig bleiben wird.
Vor kurzem galt die angebotsverknappende Dürre in Australien noch als Preistreiber auf dem Weltmarkt. Das Nachbarland Neuseeland hingegen hat für das Wirtschaftsjahr 2006/2007 einen neuen Produktionsrekord von 15 Millionen Tonnen Milch erzielt. Das ist ein Plus von drei Prozent. Die ZMP vermeldet, dass die neuseeländischen Bauern auch für das kommende Jahr optimistisch in die Zukunft schauen.
Gerne wird China als neuer Absatzmarkt für Milch und Molkereiprodukte angesehen. Ministerpräsident Wen Jibao verkündete schließlich: „Ich habe einen Traum – einen Traum, jeden Chinesen, besonders unsere Kinder, mit einem halben Liter Milch am Tag zu versorgen.“ Allein, Milch ist kein traditionelles Getränk im Reich der Mitte. US-Forscher haben herausgefunden, dass 90 Prozent der Amerikaner chinesischer Abstammung an Laktase-Unverträglichkeit leiden. Sie haben dann Verstopfung oder Durchfall.
In den letzten sechs Jahren stieg der Milchkonsum in China auf 25,6 kg pro Kopf, was rund einem Viertel des Weltdurchschnitts entspricht. In China investieren derzeit vor allem Danone aus Frankreich, Fonterra aus Neuseeland, Parmalat aus Italien und Nestlé aus der Schweiz.
„Wenn die Energiepreise weiter nach oben marschieren, laufen auch die Nahrungsmittelpreise“, prognostizierte gestern Helmut Born. Allerdings muss es nicht zwingend zu einer Wettbewerbssituation zwischen nachwachsenden Rohstoffen und Milchproduktion kommen. Wandert der Mais eher in den Fermenter der Biogasanlage als in den Futtertrog, dann geht, so ein Bauer auf dem Bamberger Bauerntag, die Milchproduktion wieder in ihre traditionellen Grünlandgebiete der Mittelgebirge zurück?!

VLE

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