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Starkes Wachstum bei Fairtrade-Produkten

Handel

Handel als Träger des FairTrade-Gedankens

Jetzt ist die Generation, die mit fair gehandeltem Kaffee aufgewachsen ist, groß geworden. Sie blicken zurück und fragen: Und was ist mit Tee?

Bis zur Antwort hat Fairtrade schon einen langen und mühsamen Weg zurückgelegt. Geschäftsführer Dieter Overath hat am Montag jedoch überraschend glänzende Wachstumszahlen vorlegen können. Das Mutterland der fair gehandelten Produkte, Großbritannien, liegt mit 30 Euro pro Kopf zwar noch in einer anderen Liga, doch hat Deutschland den zweiten Platz eingenommen. Pro Kopf haben die Bundesbürger pro Jahr doch schon zehn Euro für Produkte aus Kooperativen des Südens gekauft. Die Gesamtverkäufe stiegen von acht auf 12,3 Millionen Euro. Das Siegel hat vor zehn Jahren noch bei insgesamt 58 Millionen Euro Umsatz gelegen und im Geschäftsjahr 2014 mit jährlich zweistelligen Wachstumsraten ein Volumen von 826 Millionen Euro erreicht. Die Steigerung von 26 Prozent ist die höchste in der 23-jährigen Geschichte des Vereins, den zu Beginn nur die Besucher der Weltläden kannten.

Ohne Handel geht es nicht

Das starke Wachstum resultiert aus einem höheren Bewusstsein der Konsumenten beim Einkauf, gepaart mit einer stärkeren Präsenz der Produkte in den Geschäften. Fair gehandelte Produkte sind in die Breite gegangen. Wenn Aldi fairen Honig listet, dann wächst die Abverkaufsrate gleich um 200 Prozent. Kunden finden in nahezu jedem Laden mindestens ein fair gehandeltes Produkt. Die Palette reicht vom traditionellen Kaffee bis hin zu Süßwaren und Gewürzen.

Das allerdings ist auch der Grund, warum es keinen fair gehandelten Tee gibt. Die Erfolgsgeschichte Kaffee wäre ohne den Einstieg einer der großen Röstereien nicht möglich gewesen. Bei Tee zeigen die großen Firmen noch ihre kalte Schulter.

Die großen Vier

Kaffee konnte trotz jahrzehntelanger Tradition im letzten Jahr weiter zulegen. Mit einem Plus von 18 Prozent wurden insgesamt 16.500 Tonnen Kaffee nach Deutschland geliefert und verkauft. Von den 60 Millionen Euro an Direkteinnahmen bekamen die Bauern fünf Millionen Euro Fairtrade-Prämie.

Das größte Wachstum verzeichneten die Bananen. Der Absatz stieg um 62 Prozent auf 51.180 Tonnen. Alle Bananen stammen zudem aus dem Ökoanbau. Dieter Overath wartet noch immer auf den ersten Händler, der die erste konventionell erzeugte Banane aus dem fairen Handel listet. Diversifizierung ist auch in diesem Sektor wichtig.

Auf dem dritten Platz steht Kakao, der durch die Teilnahme an der Kakao-Initiative des Bundesentwicklungsministeriums seinen Absatz versechsfachen konnte.

Am Beispiel Rosen zeigt Overath die Effekte in den Erzeugerländern auf. Deutschland ist mit 336 Millionen langstieligen Rosen der größte Markt. Faire Rosen haben einen Marktanteil von 25 Prozent erreicht. In Ostafrika hat das Engagement der Kunden die „Spielregeln verändert“. Mittlerweile haben 90 Prozent der Frauen in den Gewächshäusern für Blumen einen festen Arbeitsvertrag inklusive Mutterschutz und Krankengeld. In den Firmen, die konventionell vermarkten, liegt der Anteil bei nur zehn Prozent. Die Arbeitsplatzsicherung bezieht sich auch auf einen sorgsameren Umgang mit Pflanzenschutzmitteln.

Larry Attipoe von Fairtrade International unterstreicht die direkte Hilfe des fairen Preisaufschlages. Dort wo die Budgets der Länder nicht für Schulen oder Trinkwasserbrunnen reichen, legen die Kooperativen aus dem fairen Handel die fehlenden Gelder zu. Das resultiere nicht nur in zusätzlicher Infrastruktur, sondern stärke das Bewusstsein und die Eigenständigkeit der Menschen vor Ort. „Fair Trade lädt die Menschen zur Eigenverantwortung auf“, sagt Attipoe.

Mehr als ein Marktmodell

Für Vorstand Heinz Fuchs ist Fair Trade daher auch mehr ein Entwicklungs- als ein Marktmodell. Vor Ort entstehen demokratische Strukturen und Marktmacht. So wird zunehmend die Beratung der Kleinbauern, die 80 Prozent der fair gehandelten Waren produzieren, an die Menschen vor Ort abgegeben. Selbstertüchtigung heißt das im Soziologen-Jargon.

Was vor Jahrzehnten klein begann, beschäftigt mittlerweile die ganze Welt. Ende des Jahres will die Weltgemeinschaft in New York verpflichtende Sustainable Development Goals (SDG) unterzeichnen, die nicht nur für die Produzenten-, sondern auch für die Konsumentenländer gelten. Fuchs fürchtet nicht, dass die relative Vorzüglichkeit des fairen Handels darunter leidet. „Das ist unser Ziel“, sagt er zu Herd-und-Hof.de. Er freut sich auf die Diskussion, die SDG in Deutschland in nationale Programme umzusetzen. Der faire Handel zeige ja, dass entlang der gesamten Wertschöpfungskette alle vom Erzeuger über den Händler bis zum Konsumenten an dem Erfolg gemeinsam beteiligt sind.

Vorbedingung: Fairtrade

In dem Maße, wie sich die Märkte an einstigen Nischenmodellen zu orientieren beginnen, wird sich der Handel künftig generell verändern müssen. Niemand aus der jüngsten Bauerngeneration in den Südländern „will noch für zwei US-Dollar am Tag“ auf einer Plantage arbeiten. Die jungen Menschen ziehen lieber mit ungewissem Ausgang in die Stadt. Gleichzeitig werden durch die neuen Anforderungen für eine biobasierte Wirtschaft die Ressourcen knapp. Billige Rohstoffe wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Dann wird die Rohstoffsicherung eine Frage der fairen Handelsbedingungen und vielleicht wieder für Jungbauern attraktiv. Vorzeichen sind erkennbar, wenn sich Kooperativen im fairen Handel gebrauchte Mühlen zulegen, um durch die eigene Vermahlung von Kaffee einen höheren Anteil an der Wertschöpfung zu generieren. Was heute noch projektbezogen umgesetzt wird, könnte Morgen eine Vorbedingung für den Handel mit dem Süden werden: Ohne Fairness keine Chance.

Lesestoff:

www.fairtrade-deutschland.de

Roland Krieg

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