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Strukturwandel in den neuen EU-Ländern

Handel

2. Osteuropaforum der ZMP

> Nach sechs Monaten zog das Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa bereits eine erste Bilanz nach der EU-Erweiterung und fand keine der folgenden Horrorszenarien bestätigt: Milch käme nur noch aus Polen und Getreide aus Ungarn. Auch nach insgesamt eineinhalb Jahren sind keine alten Befürchtungen eingetroffen, stellte Dr. Klaus Siegmund, Leiter der Berliner Zentralen Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) am Freitag fest. Einen Tag vorher konferierten in drei Arbeitsgruppen internationale Experten aus dem Agrarbereich über die Entwicklung und Chancen verschiedener Teilmärkte.
Die wirtschaftlich und menschlich historische Zäsur der Erweiterung, so Dr. Siegmund, hat mittlerweile bei weitgehend offenen Märkten zu einem Austausch der Warenströme geführt. Dabei hat die deutsche Agrarwirtschaft ihren Absatz in den neuen Mitgliedsländern gefestigt. Dort haben sich entlang der Wertschöpfungskette neue Unternehmen im Bereich der Erzeugung und des Handels gegründet. Durch gestiegene Produktion und beginnende Direktzahlungen ist das Einkommen der Landwirte gestiegen, wobei die Erweiterung den Strukturwandel der neuen Länder verschärft hat.

Milch und Milchprodukte
Nach Erhard Richards von der ZMP Bonn ist die Übernahme der europäischen Milchpolitik ?trotz pessimistischer Einschätzung einer Überschussproduktion glatt verlaufen?. Allerdings fehlt es den neuen Ländern an der Administration ? vielfach sind Anträge der Bauern auf Beihilfen nicht gestellt worden und der Milchexport in Drittländer findet noch über die alten EU-Länder statt. Das Preisniveau ist sehr unterschiedlich: Ungarn und Slowenien halten in etwa den Preis der EU-15, weswegen aus den Nachbarländern Milch importiert wird und die eigene Produktion verdrängt. Polen und das Baltikum weisen ein schwaches Preisniveau auf. Molkereiprodukte aus den neuen Ländern sind auf den alten Märkten kaum bekannt, weil Blockbutter und Blockkäse die Herkunft verschleiert. Es gibt nur wenige Spezialitäten auf hiesigen Märkten, fasst Richards zusammen.
Auch bei den Strukturen gibt es große Unterschiede. Während die Ungarn bereits größere Herden halten liegt der Betriebsdurchschnitt im Baltikum bei drei Kühen. Das wird sich jedoch genauso ändern wie der laufende Konzentrationsprozess der Molkereien. Noch gibt es in der Slowakei 19 große und sechs kleine Molkereien, aber niemand konnte eine Prognose abgeben, wie viele es in zehn Jahren sein werden.
Die Handelsketten Metro, Tesco und Carrefour verschärfen mit steigendem Wettbewerb im Lebensmittelhandel den Druck auf die Milchpreise bei den Bauern. Richards Prognose für den Milchmarkt lautet daher, dass die Betriebe sparen werden müssen, der Milchpreis in den Ländern steigen wird ? aber nur für den Zeitraum, bis die jeweils vergebenen nationalen Milchquoten erfüllt sein werden. Wenig Hoffnung gibt es auf der Nachfrageseite, auf der nur Tschechien einen steigenden Milchkonsum aufweisen kann. Weil die Einkommen sinken, fällt in den anderen Ländern auch der Verbrauch. Andererseits zeigt sich der allgemeine Trend, die ?westlichen Verzehrsgewohnheiten? zu übernehmen, so dass auch bald wieder mehr konsumiert werden kann.
Für die Slowakei sieht Ján Blchác vom slowakischen Milchverband in Bratislava den Pro-Kopf-Verbrauch von 150 kg pro Jahr durchaus steigerungsfähig. Die Direktzahlungen haben für die Bauern nur 54 Prozent des möglichen Niveaus erreicht. Seitdem Lidl im Herbst 2004 am Markt aufgetaucht ist, verschärft sich der Wettbewerb. Als positiv bewertete er die überdurchschnittlich großen Herden und die Ausstattung der Betriebe und Molkereien mit neuester Technik, so dass sein Land qualitativ hochwertige Milch liefern kann. Schon vor dem Beitritt hat sich das Land auf die neue Situation vorbereitet und arbeitet beispielsweise mit dem bayrischen Molkereispezialisten Meggle zusammen. Gegen das Risiko eines weiter sinkenden Verbrauchs setzt Blchác auf die massive Unterstützung der EU bei dem Aufbau eines Fonds für Werbekampagnen zur Konsumsteigerung.

Getreide und Ölfrüchte
Gleich im ersten Jahr fuhren die neuen EU-Länder eine Rekordernte ein, so Ramona Wieduwilt von der Berliner ZMP. Dadurch entstand gleich ein enormer Marktdruck mit schwierigem Export und sinkenden Getreidepreisen. Das führte zur Intervention: Getreide wurde zum Mindestabnahmepreis aufgekauft und eingelagert. Diese Hypothek belastet auch die geringere Ernte in diesem Jahr. Die acht osteuropäischen Länder (Malta und Zypern wurden nicht betrachtet) kamen zusammen auf 44 bis 64 Millionen Tonnen Getreide, wobei 49 bis 50 Millionen noch auf Absatz warten. Der Verbrauch ist drastisch zurückgegangen, weil der Futteranteil mit geringeren Tierbeständen wegfällt. Ungarn beispielsweise erzeugt doppelt so viel Getreide als es verbraucht. Das Land muss aber fast alles in die Intervention liefern, weil es mit fehlendem Schiffsanschluss das Getreide nur sehr schwer exportieren kann. In Budapest liegt der Getreidepreis zur Zeit bei 80 bis 90 Euro pro Tonne, der Interventionspreis bei 100 Euro und der Getreidepreis an der Pariser Börse Matif bei 110 Euro je Tonne. Wieduwilt sieht innerhalb Europas eine deutliche Ausprägung in regionale Überschuss- und Zuschussgebiete.
Die Chancen für den Getreidemarkt liegt offenbar woanders: Es gibt noch ein steigerbares Ertragspotenzial, aber nur wenig steigenden Verbrauch. Zum einen könnte das zu einer Erhöhung des Getreideexportanteils führen, oder zu einer energetischen Verwertung. Daher können steigende Rohölpreise den Getreidemarkt entlasten. Dariusz Kutzias von der Handelsfirma Daku International aus Warschau sieht in der polnischen Mischfutterindustrie ein Riesenpotenzial von 5,7 Millionen Tonnen pro Jahr. Handikap in Polen sind die bis zu 50 Prozent niedrigeren Erträge von rund 3 Tonnen Getreide pro Hektar, eine geringe Vermarktungsstruktur, wenig Getreideaufbereitung auf den Betrieben und Kapitalknappheit: Keine Bank will in den Agrarsektor investieren. LKW, die ihre Ladung in den Exporthafen bringen, müssen bis zu 24 Stunden warten, bis sie gelöscht werden.
Eine Steigerung der Ernte in Polen von 26 auf 32 Millionen Tonnen wird nicht Westeuropa überschwemmen, wie von vielen Befürchtet, denn Kutzias prophezeite, dass die Menge selbst verbraucht wird. Hoffnung hegt er für die Biodieselproduktion. 700.000 Tonnen könnte Polen herstellen. 1,5 Millionen Hektar stünden dafür zur Verfügung, doch hat die Entwicklung wegen fehlender politischer Gesetze noch gar nicht begonnen.
Als Schreckgespenst gilt die Ukraine. Das land am Schwarzen Meer war vor dem Zweiten Weltkrieg der Brotkorb Europas, hat ein sehr großes Potenzial und könnte Getreide zu 70 Euro je Tonne auf den Weltmarkt bringen. Obwohl die Ernte Devisen einbringt, sprechen die Experten davon, dass fehlende Logistik und mangelhafter Transport große Mengen noch nicht erwarten lassen. Europa fürchtet den ukrainischen Wettbewerber, weil die wachsende Weltbevölkerung und veränderte Verzehrsgewohnheiten die Nachfrage nach Getreide steigen lassen wird.

Vieh und Fleisch
Dr. Dietmar Weiß von der ZMP Bonn berichtete über den Fleischmarkt in den neuen Mitgliedsländern. Wie erwartet schrumpften die Viehmärkte. Vor allem die Rinderbestände haben sich seit den 1990er Jahren halbiert. Allerdings weist der Geflügelmarkt mit einem zweistelligen Wachstum ausgesprochen positive Trends. Parallel dazu verläuft der Verbrauch. Der Handel hat sich mit den neuen Ländern generell intensiviert, wobei die Importe stärker wachsen als die Exporte. Trotz steigender Kosten sind die Verbraucherpreise nicht so stark angestiegen wie befürchtet.
Auch hier wird der Strukturwandel verstärkt und Betriebsgröße und Schlagkraft werden von entscheidender Bedeutung. Oft gibt es vor allem in Polen und Ungarn noch Kleinsthaltungen für die Eigenproduktion. Lohnkostenvorteile werden durch niedrige Leistungen und schlechte Qualität mehr als aufgehoben.
Die Übernahme der EU-Vorschriften wirkt sich nach Dr. Weiß positiv auf die Tierqualität aus, weil beispielsweise der Muskelanteil pro Tier gestiegen ist oder die Hygiene. Schwierig bleibt für die Betriebe die knappe Kapitaldecke, wobei sie entweder verschuldet sind oder generell keinen Zugang zu Geld haben. Kritisch gesehen werden auch im Fleischsektor die Investitionen des westlichen Lebensmittelhandels, die den Wettbewerb verschärfen können. Die Stimmung sei unter den Landwirten gut, obwohl sie wissen, dass sie nur durch Konzentration, Investition und Modernisierung eine Chance haben.

roRo

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