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Trade under the Lemontree

Handel

Deutscher Handelskongress jenseits der Bilanzen

Seit gestern findet sich das Top-Management des deutschen Handels zum Jahreskongress in Berlin zusammen. Globalisierung und Nachhaltigkeit waren die Themen der Podiumsdiskussionen unter dem Motto „Think Global – Act Local“.

Kennt der Handel noch seine Kunden?
Prof. Dr. Gunter Dueck von IBM beantwortet die Frage mit einem moderaten „Nein!“. Aus den Nachbarschaftsläden verschwinden seine Lieblingslebensmittel und er werde gezwungen seinen Wocheneinkauf im fernen Einkaufszentrum zu machen. Der Handel kann die Anzahl der Kunden nicht mehr vermehren, sondern nur noch um Kundenanteile konkurrieren. Man sichere sich einen Drittel-, Viertel- oder Zehntelkunden. Das setze eine Abwärtsspirale in Gang, die Georg Akerlof in seiner Studie „The Market for Lemons“ 1970 beschrieben hat und dafür 2001 den Nobelpreis für Wirtschaft erhielt. Die Zitronen sind hier nicht nur im deutschen Sprachgebrauch doppeldeutig, sondern auch im amerikanischen: Lemons sind die umgangssprachliche Bezeichnung für schlechte Gebrauchtwagen: Weil es preiswerte Ware gibt, die er Kunde nur wenig von der guten unterscheiden kann, ist er nicht bereit, der qualitativen Ware ihren höheren Preis zu entrichten. Weil die Anbieter der hochwertigen Ware nicht mehr ihre Preise realisieren können, steigen sie aus dem Markt aus.
Prof. Dueck sieht den globalen Handel in einer vergleichbaren Situation, bei immer preiswerteren Angeboten immer schlechtere Qualität verkaufen zu müssen. Das finge mit kleiner werdenden Verpackungen an und hört bei Gammelfleisch noch nicht auf. So wie die Warenwelt sich in Premium- und Massenware teilt, spalte sich auch die Konsumgemeinde in Arm und Reich.
Der Handel befinde sich in dem berühmten Gefangenendilemma, bei dem zwei getrennt verhörte Gefangene sich befreien können, wenn sie den anderen beschuldigen – obwohl es überhaupt keinen Beweis gebe, dass einer der beiden die Tat begangen hat. Nur wenn beide schweigen, kommen beide davon. Redet einer, verliert er nur, wenn auch der andere „singt“.
Der Handel befinde sich mit seinen Sonderangeboten und Dumpingpreisen in der gleichen Situation, wenn, so beklagt Prof. Dueck, die gesamte Branche hörbar aufatme, sobald Aldi einmal die Preise nicht senkt. Dann schweigen alle. Allerdings, blickt der Cheftechnologe aus Mannheim auf die Milchpreiserhöhung in diesem Sommer zurück, wittern manche gleich eine Preisabsprache.
Neue Geschäftsideen seien notwendig, um das Vertrauen der Kunden wieder zurück zu gewinnen. In zu vielen Strategiepapieren ist in der Vergangenheit „Kunde“ durch „Effizienz“ ersetzt worden.

„Darf´s ein bisschen mehr sein?“
Allerdings fällt eine Umkehr dem Handel schwer. „Wir müssen uns noch länger mit steigenden Rohstoffpreisen auseinandersetzen“, prognostiziert Alain Caparros, Vorstandsvorsitzender von Rewe. Er blickte zwar auf ein gutes Jahr 2007 und setzt auf gute Prognosen für 2008, doch steckt der Handel in einer Zwickmühle. Höhere Preise vom Erzeuger und der Industrie könne der Handel weder an den Kunden weiter geben, noch unendlich auffangen. Die Industrie können nicht am „Tod des Handels“ interessiert sein und mahnt neue Konzepte an.
Derzeit erzielt Rewe ein Drittel des Umsatzes im Auslandsgeschäft. Zukünftig werde dieses notwendiger sein, um die heimische Situation im gesättigten Markt zu sichern.
„Wir sind Teil des globalen Spiels“, bekannte Metro-Chef Zygmunt Mierdorf und sieht die Zukunft des Handels in der Internationalisierung. Schon alleine, um von Konjunkturschwankungen unabhängig sein zu können. Mit „cash und carry“ gehörte die Metro bereits vor der Wende zu den ersten westlichen Vertretern in den Mittel- und osteuropäischen Ländern und habe sich „langfristige Loyalität“ beim Kunden erworben.

Die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle ZMP hat Ende Oktober die Umsatzzahlen der größten Lebensmittelhändler veröffentlicht. Demnach schreitet die Konzentration „in raschem Tempo voran“. 2006 setzte der Handel 141,7 Milliarden Euro um.

Umsatz in Mio. €

Marktanteil in %

Edeka Gruppe

30,6

20,4

Rewe

22,3

14,8

Lidl + Schwarz

19,5

12,9

Aldi

18,6

12,3

Metro

14,8

9,8

Die Top 5 des Handels kommen auf einen Marktanteil von 70,2 Prozent, die Top 10 mit Lekkerland, Tengelmann, Schlecker, dm und Norma auf insgesamt 87,3 Prozent Marktanteil
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Das ist allerdings nicht so einfach und die Metro hat Lehrgeld zahlen müssen. So heißt „Frische“ auf dem chinesischen Markt „Lebendig“ und alte Eier und Vogelnester sind regionale Delikatessen, die es auch im chinesischen Regal der Metro gibt.
Die Generierung von Umsatz ist beileibe kein Selbstläufer, wie die alleine die Märkte in Rumänien und Bulgarien zeigen. Nicht jedes Engagement muss Strukturschäden in Entwicklungsländer hervorrufen. So arbeitet die Metro mit dem Deutschen Entwicklungsdienst in Indien zusammen und baut ein Impfprogramm gegen die Maul- und Klauenseuche auf.
Nicht die Wohlfahrt, sondern die allgemeine Besserung des Lebensumfeldes, verbessere die Welt, sagte Capparos. Globalisierung sei auch eine Chance, Fairness und Menschenwürde entlang der Handelsrouten aufzubauen, wenn Unternehmen bereit sind, den gesellschaftlichen Beitrag der „emotionalen Rendite“ zwischen der Gewinn- und Verlustrechnung beizusteuern, so der Rewe-Chef.

Globalisierung im Süden
2010 wird in Santiago das mit 300 Meter höchste Gebäude eröffnet werden. Auf einer Fläche von 50.000 m2 entsteht die riesige Shopping Mall Costanera Center mit 700.000 m2 umbautem Raum. Das 500 Millionen US-Dollar teure Gebäude ist das ehrgeizigste Projekt von Horst Paulmann, der vor 57 Jahren in Chile die Centrosud gründete, die mit 100.000 Mitarbeitern in Chile und Argentinien der größte Arbeitgeber ist. Fast 400 Supermärkte, verschiedene Baumärkte und 21 Shopping Malls betreibt der gebürtige Hesse, der in jeder Krise einen Aufschwung sieht. Seit 27 Jahren globalisiert er in Argentinien, seit sechs Monaten in Kolumbien und in der vergangenen Woche hat der den viertgrößten Lebensmitteleinzelhandel in Brasilien gekauft.
Das neoliberale Modell des Ökonom Friedmans war die Voraussetzung zur Expansion. Zudem haben hohe Kupferpreise den Chilenen auf dem Weltmarkt große Gewinne eingebracht, infolge dessen Einkommen und der Konsum stiegen. Der Umsatz in Chile beträgt rund 4, in Argentinien etwa 2,5 Millionen US-Dollar.

Lesestoff:
Akerlof, Georg: „The Market for Lemons. Quality Uncertainty and the Market Mechanism”; Quarterly Journal of Economics, 1970, Vol. 84, P 488-500
Über das Projekt Costanera Center gibt e seine spanische Seite: www.plataformurbana.cl/archive/2006/03/06/costanera-center-el-sueno-de-paulmann
Morgen gibt es den zweiten Teil über Nachhaltigkeit.

Roland Krieg

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