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UN: MDG auf dem Weg, aber ...

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Millenniumentwicklungsziele langsam auf Kurs

Als die Vereinten Nationen im Jahr 2000 die acht Millenniumentwicklungsziele (MDG) formulierten, haben die Staaten vor allem die Ergebnisse aus den internationalen Konferenzen der 1990er Jahre zusammengeführt. Schon alleine das sei für die Staatengemeinschaft ein positives Signal, so Charles Abugre Akelyira, Direktor der UN-Millenniumkampagne in Afrika, und ein Zeichen in das neue Jahrtausend mit Optimismus zu gehen. Bevor am Mittwoch Abend die UN ihren Zwischenbericht nach zehn Jahren MDG in New York Präsentierte, stellten Abugre und Laura Gehrke vom Regionalen Informationszentrum der UNO für Westeuropa das Erreichte bei den acht MDG in Berlin vor.

Erfolge nicht klein machen
Trotz mancher Erfolge, sind die Ziele insgesamt aber noch weit davon entfernt, erreicht zu werden, grenzte Abugre ein.
Es hilft zurückzublicken, wo der Startpunkt war. Vor allem im Bereich der absoluten Armut habe sich bis auf Zentralasien in allen Teilen der Welt etwas bewegt. Im Vergleich zum Jahr 1990 habe es „bemerkenswerte Fortschritte gegeben“. So gebe es in Afrika vielleicht nicht die besten Schulen, aber es gehen sehr viel mehr Kinder in die Schule, als vor 20 Jahren. Damit kommen sie in den Genuss von Nahrungsprogrammen und erhalten eine Chance, später als Erwachsener etwas zu leisten. Selbst der oft abgeschriebene Kontinent Afrika zeigt Fortschritte. In Malawi, Ghana und Niger ist die Zahl an unterernährten Kindern deutlich zurückgegangen. Ohne die Finanzkrise würden die Länder südlich der Sahara die MDG auch fast erreicht, so Abugre.

Der Weg ist noch weit
Trotzdem ist der Weg noch weit. Hinderlich sind wohl weniger fehlende Maßnahmen und Ideen. Hinderlich ist der fehlende Wille, sie umzusetzen. Für Charles Abugre gefährdet die wachsende Ungleichheit von Arm und Reich auf nationaler und internationaler Ebene die Ziele. Mit Blick auf den „Welt-Vermögens-Bericht“ gibt es das „Millionärssyndrom in jedem Land: „Ungleichheit reduziert die Effekte der Armutsbekämpfung!“.
Dr. Renée Ernst von der UN-Millenniumkampagne in Deutschland äußerte gegenüber Herd-und-Hof.de auch Ihren Unmut über die wachsenden Kluft zwischen Reich und Arm. In Deutschland ist die Zahl der Millionäre im letzten Jahr um 6,4 Prozent auf 861.000 angewachsen. Dem gegenüber müssen 440 Millionen Menschen mit weniger als1,25 US-Dollar am Tag auskommen.
Im März geriet Entwicklungsminister Dirk Niebel in Kritik, weil er die Qualität der Quantität bei den Entwicklungszahlungen in den Vordergrund stellte. Deutschland zahlt weniger als die versprochenen 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens an Entwicklungsgelder.
Für Charles Abugre ein unhaltbarer Zustand. Der Bedarf an Geld ist hoch. Die 0,7 Prozent seien das Mindeste, was aufgebracht werden müsse. Und während bei vielen MDG die Entwicklungsländer selbst in der Pflicht stehen, etwas zu unternehmen, hätten die Industrieländer nur eines zu erfüllen – das Umsetzen der 0,7 Prozent-Marke. Seit 30 Jahren.
Viele junge Wissenschaftler bleiben nach ihrem Studium in den Industrieländern, weil dort die Karrieremöglichkeiten größer sind. Gegenüber Herd-und-Hof.de äußerte sich Charles Abugre dahingehend, dass der „Brain drain“ verheerende Auswirkungen auf die Länder und die MDG hat. Langfristig können sich auch keine stabilen Zivilgesellschaft etablieren, wenn die besten Köpfe ihr Land verlassen. „Aber Migration sei keine Einbahnstraße“, so Abugre weiter. Dort wo sich die Länder ökonomisch weiter entwickeln, kehren auch die ausgebildeten Wissenschaftler zurück. So beobachte er es in seinem Heimatland Ghana.

SPD fordert Bildungsoffensive
Am Mittwoch hat die SPD im Bundestag ein umfassendes Bildungskonzept für Entwicklungs- und Schwellenländer gefordert. In einem Antrag begründet die Fraktion ihre Forderung damit, dass Erwerb und Anwendung von Wissen die individuellen und gesellschaftlichen Entwicklungschancen bestimmen und Voraussetzung für ein wirtschaftliches Wachstum sind. Die Bundesregierung solle gemäß des Koalitionsvertrags das Thema Bildung und Ausbildung in der Entwicklungshilfe prioritär behandeln. Außerdem sollen Wissenschaftseinrichtungen in die Entwicklungshilfe und die Wirtschaft beim Export innovativer Angebote eingebunden werden. / hib

Die Ziele und Ergebnisse in Kurzform
Ziel 1: Armut und Hunger reduzieren: Die Finanzkrise hat den Fortschritt verlangsamt, die Staatengemeinschaft ist aber immer noch auf dem Weg, das Ziel zu erreichen. Zwischen 1990 und 2005 ist die Zahl der Menschen, die weniger als 1,25 US-Dollar am Tag zur Verfügung haben von 1,8 auf 1,4 Milliarden gesunken. Die Armutsrate fiel von 46 auf 27 Prozent. Die Vorausschau nach der Krise sagt 920 Millionen Menschen in absoluter Armut und eine Rate von 15 Prozent bis 2015 voraus. Dann wäre das Ziel der Halbierung erreicht.
Beim Hunger wird das Ziel nicht ereicht. Die Zahl der Unterernährten ist in den letzten Jahren trotz regionaler Erfolge in Süd- und Südostasien sogar angestiegen.
Ziel 2: Allgemeiner Zugang zur Grundschule: Obwohl viele Länder bei dieser Umsetzung enorme Fortschritte erzielt haben, ist der Zuwachs zu gering, als das bis 2015 wirklich alle Jungen und Mädchen die Grundschule besuchen können.
Ziel 3: Geschlechtergleichheit: Das Ziel wird nicht erreicht und vor allem Mädchen verlieren den Anschluss. 1999 konnten auf 100 Jungen 91 Mädchen die Grund- und 88 die weiterführende Schule besuchen, im Jahr 2008 lagen die Verhältnisse bei 96 und 95 Mädchen. Obwohl etliche Länder in Ozeanien, Westasien und in Afrika südlich der Sahara Fortschritte erzielt haben, wird das Ziel, vor allem für Mädchen nicht erreicht werden.
Ziel 4: Reduzierung der Kindersterblichkeit: Die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren ist zwischen 1190 und 2008 von 12,6 Millionen auf 8,8 Millionen gesunken. Auch das Sterbeverhältnis toter zu lebend geborenen Kindern hat sich verbessert – Das Ziel, die Sterblichkeitsrate um zwei Drittel zu senken, wird aber wohl verfehlt.
Ziel 5: Verbesserung der Müttergesundheit. Auch hier haben viele Länder Fortschritte erzielt, aber das Ziel, die Sterblichkeitsrate um drei Viertel zu senken, wird nicht erreicht. Die Gesundheit von Müttern ist aber schwer zu messen, erklärt Laura Gehrke, weil die Todesursache oft nicht eindeutig festgestellt wird.
Ziel 6: Bekämpfung von HIV/AIDS und anderen Erkrankungen. Bei HIV/AIDS ist das Bild diffus. In den meisten Regionen ist die Zahl der Infizierten stabil geblieben und die Infizierten können auf Grund es medizinischen Fortschritts länger leben. Doch: Die Rate an Neuinfektionen übersteigt noch immer die Ausdehnung der Behandlung.
Ziel 7: Umweltsicherheit: Zwar ist die Fläche der Entwaldung von 16 auf 13 Millionen Hektar im Jahr zurückgegangen, doch ist das nach Aussage des Berichts „immer noch alarmierend hoch“. Der Rückgang des Kohlendioxidausstoßes lasse sich auch nur auf die Finanz- und Wirtschaftskrise zurückführen und werde mit beginnender Konjunktur wieder ansteigen.
Ziel 8: Globale Partnerschaft für Entwicklung: In den Jahren 2008 und 2009 stieg die öffentliche Finanzhilfe an und liegt jetzt bei knapp 120 Milliarden US-Dollar im Jahr. Erfreulich ist, dass sie nicht wegen der Wirtschaftskrise gekürzt wurde und etliche Länder einen besseren Marktzugang in den Industrieländern haben. Der Schuldenerlass hat die Schuldenproblematik verringert. In realen Werten hat der Bericht aber nur einen realen Anstieg der Hilfe von 0,7 Prozent errechnet. Angesichts des Dollar-Kurses läge sogar ein Minus von zwei Prozent vor. Es klaffen aber noch Lücken gegenüber versprochenen Hilfen, so der Bericht.

Sondergipfel und Aufklärung
Der Bericht dient dem UN-Sondergipfel im September als Grundlage, einen Plan für die schnellere Umsetzung der MDG zu verabschieden.
Als Defizit wurde auf der Pressekonferenz auch das fehlende Wissen in der Bevölkerung über die MDG ausgemacht. Die UN-Millenniumkampagne in Deutschland startet in diesem Jahr beim ökumenischen Kirchentag einen digitalen Aktionsstand, der dann bis zum Sondergipfel durch zehn Kommunen tourt und bei vier Großveranstaltungen aufklärt.

Lesestoff:
Den kompletten UN-Bericht finden Sie unter http://mdgs.un.org
Die UN-Millenniumkampagne in Deutschland mit allen Terminen und Informationen finden Sie im Netz unter www.un-kampagne.de
NRW verfolgt mit einem Ansatz auf kommunaler Ebene einen neuen Weg der Entwicklungshilfe.

Roland Krieg (Text und Foto)

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