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Wachstumsmarkt Bioethanol

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Neues Buch von der FNR erschienen

>Auf dem Parlamentarischen Abend der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern (MV) zum Thema Bioenergie gab sich Agrarminister Dr. Till Backhaus kämpferisch und bezeichnete Angela Merkels Äußerungen zu möglichen Änderungen des Erneuerbaren Energien-Gesetzes (EEG) als „Wende von der Energiewende“. Sie mache eine Rolle rückwärts.
Das nördliche Bundesland hingegen setzt auf unbegrenztes Wachstum: Ende 2004 waren in Mecklenburg-Vorpommern 24 Biogasanlagen mit 10,4 Megawatt elektrischer Leistung in Betrieb. Bis Jahresende 2005 rechne man mit einer Verdoppelung der Anlagen und der Anschlussleistung, was dann 20 Megawatt entspräche. Ende 2006 spekuliert das Ministerium sogar mit bis zu 80 Anlagen und rund 40 Megawatt Gesamtleistung. Einer der Energieträger, Raps, hat mittlerweile sogar sein eigenes Blütenfest. Für das Jahr 2020 formuliert Dr. Backhaus drei ehrgeizige Ziele:
- Die Nutzung der Bioenergie bewirkt eine flächendeckende Landwirtschaft in MV
- Das Image der Landwirtschaft und die Akzeptanz der Bevölkerung für Ausgleichszahlungen steigt
- Bioenergie wird 25 bis 40 Prozent des Kraftstoffes und 10 bis 15 Prozent des Strombedarfes liefern

Alles Gold was glänzt?
Brandenburg hat Probleme, Biogasanlagen bis zu 500 kWh ans Netz zu bringen, weil den Stromkonzernen die Anlagen für ihr Netzsicherungsmanagement zu klein sind. Darauf angesprochen äußerte sich Dr. Backhaus gegenüber Herd-und-Hof.de optimistisch für MV: Die Stromkonzerne in MV wären sich ihrer Verantwortung bewusst und erschließen mit dem Bau einer neuen Trasse nach Süden gerade neue Absatzmärkte. Dr. Klaus Picard vom Mineralölwirtschaftsverband prophezeite, dass Biodiesel und Ethanol dauerhaft nicht konkurrenzfähig sein würden. Die Zukunft gehöre den Kraftstoffen der zweiten Generation, wie beispielsweise BtL – hierbei werden biogene Ausgangsstoffe in ein Synthesegas umgewandelt, aus dem sich beliebige Designerkraftstoffe herstellen lassen.
Zur Zeit jedoch trägt Bioethanol die zukünftigen Hoffnungen der erneuerbaren Energien. Vor allem weil der Transportsektor wesentlich zu den CO2-Emissionen beiträgt und für die Ereichung der Klimaziele eine bedeutende Rolle spielt. Der Einsatz von Bioethanol ist allerdings nicht unumstritten, weil die Treibhausgasbilanzen durch die Umwandlungsprozesse nicht günstig sind und die Energieausbeute nur gering ist. Daher hat die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) aus Gülzow in ihrer Schriftenreihe sich des Themas „Innovationen bei der Bioethanolerzeugung“ angenommen und als Band 26 jetzt veröffentlicht. Mittlerweile liegen 29 Studien zu Energie- und Treibhausbilanzen des Bioethanol vor, die von der FNR zusammen getragen und verglichen worden sind. Dazu konnten führende europäische Unternehmen bewogen werden, ihre Zahlen für die Erstellung von Energie- und Treibhausbilanzen offen zu legen. Erweitert wird das Buch durch einen intensive Blick auf den weltweit führenden Bioethanolproduzenten Brasilien:

Proálcool do Brasil
Brasiliens größtes Pfund ist die günstigere Kostensituation. Jeder Kubikmeter Ethanol kann zur Zeit für 200 bis 250 US-$ erzeugt werden. Die Vollkosten bei europäischen Anlagen liegen bei 450 bis 500 Euro. Die landwirtschaftliche Nutzfläche Brasiliens entspricht 320 Millionen Hektar, von denen etwa 53 Millionen in Anspruch genommen werden und 5,6 Millionen Hektar mit Zuckerrohr bebaut sind. Die Bundesrepublik hat insgesamt 11 Millionen Hektar Ackerfläche. In Brasilien gibt es 400 Anlagen die zur Zeit jährlich 18 Millionen Kubikmeter Ethanol in einem weltweit wachsenden Markt herstellen.
Die wichtigsten Treiber für die Ethanolproduktion in dem lateinamerikanischen Land, leiten die Autoren den geschichtlichen Rückblick ein, waren die Importabhängigkeit vom Rohöl und die Überproduktion von Zuckerrohr. Mit der Ölkrise 1974 startete Brasilien mit Proálcool das weltweit erste große Ethanolprogramm. In den späten 1980er Jahren sanken die Erdölpreise und Proálcool wurde wegen der relativ hohen Produktionskosten und enormen Subventionierung der Zucker- und Ethanolindustrie zunehmend kritisiert. 1997 wurden in Brasilien nur noch 500 Ethanolfahrzeuge verkauft.
Heute wird brasilianisches Zuckerrohr je zur Hälfte für die Zucker- und Ethanolindustrie verwendet. Die einheimische Industrie wird durch einen Zoll von 20 Prozent auf Zuckerimporte und 30 Prozent auf Ethanolimporte geschützt. Generell gilt jedoch der Markt als „unkalkulierbar“. Brasilien kann die Anbaufläche wegen der klimatischen Bedingungen ohne weiteres verdoppeln. Eine Ausdehnung ins Landesinnere allerdings erhöht die Transportkosten für Exportzucker oder Exportethanol. Wahrscheinlicher ist die Verdrängung der extensiven Viehwirtschaft im Staat Sao Paulo ins Landesinnere und der Zuckerrohranbau auf den frei werdenden Flächen.
Brasilianisches Ethanol ist als Kraftstoff bei einem Preis von 33 US-$ je Barrel wettbewerbsfähig. Deutsches Ethanol erst bei 75 US-$ pro Fass. Die Autoren kommen zu einem deutlichen Fazit:
„Deutsche Produzenten mit konventionellen Anlagen haben mit ihren derzeitigen Kostenstrukturen keine Chancen im unmittelbaren Wettbewerb mit Brasilianern. Mit innovativen Techniken wird sich die relative Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produzenten besser darstellen.“ Ausführliche Beispiele zur Erhöhung des Energieertrages oder Nutzung der Nebenprodukte sind in dem Buch dargestellt.
Beispielsweise verbessert das EEG die internationale Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Ethanols „erheblich“, fasst das Buch zusammen: „In Deutschland wurde die Steuerbefreiung von Biokraftstoffen vom Gesetzgeber mit ökologischen, energie- beschäftigungs- und strukturpolitischen Argumenten begründet. Auch sollte die Steuerbefreiung Innovationen fördern. Sofern es aufgrund von steigenden Importen nicht zu einer Ausweitung der Produktion in Deutschland kommt, werden energie-, beschäftigungs- und strukturpolitische Ziele weitgehend nicht erreicht.“

Ausblick
Innovationen sind das Stichwort auf dem Markt der erneuerbaren Energien. Dr. Backhaus nannte als Beispiel die Fettmethylestheranlage in Malchin die seit Oktober 2001 jährlich 12.000 Tonnen Biokraftstoffe produziert. Norbert Rethmann von der Rapsveredelung Vorpommern spricht von täglich 1.000 Tonnen Fett, das seit der BSE-Krise nicht mehr verfüttert werden darf und mittlerweile in der Kraftstoffherstellung die höchste Vergütung erhält. China kann aus jährlich 400 Millionen Tonnen Reisstroh etwa 80 Millionen Tonnen BtL herstellen, wenn es nach Tom Blades von Choren Industries geht. Die Firma produziert BtL.
Innovationen auf breiter Front schützen die einzelnen Ausgangsstoffe vor einem frühzeitigen Boom, der schnell wieder verblasst. Von Flachs und Hanf für die Textilindustrie spricht heute niemand mehr. Erdöl ist von der Bohrquelle bis zur Zapfsäule ein Markt der nur ein Produkt mit lediglich verschiedenen konkurrierenden Unternehmen aufweist. Produkte mit gleichen oder ähnlichen Ansprüchen an den Faktoreinsatz haben betriebswirtschaftlich gesehen „höhere Preiselastizitäten“ als verschiedene Ausgangsprodukte mit verschiedenen Betriebsmitteleinsätzen. Wenn Windkraft einmal zu teuer würde, könnte ein preiswerteres Biogas aushelfen, um beispielsweise durch Raps auch wieder eingeregelt zu werden. Wenn Erdöl teurer wird, dann gibt es keine preiswerteren Öl-Varianten, die ausgleichend wirken.
Schwieriger als die eigentliche Energiegewinnung aus nachwachsenden Rohstoffen, sei es für Biodiesel, Strom, Wärme oder Ethanol, ist möglicherweise das zurechtfinden im Labyrinth der möglichen Ausgangsstoffe und Verfahrenstechniken. Dieses Labyrinth ist aber auch gleichzeitig die Herausforderung an eine dezentrale Energieversorgung bei der viele Beteiligte partizipieren könnten.

Raps 2006
Der Deutsche Bauernverband (DBV) hat letzten Donnerstag die Produktionskapazitäten für Raps mit über 3,5 Millionen Tonnen bis Ende 2005 bekannt gegeben. Das sind 800.000 Tonnen mehr als im Vorjahr und doppelt so viel wie Ende 2002. Mit einem Preisabstand von 20 Cent je Liter gegenüber konventionellem Diesel ist Biodiesel für das Transportgewerbe ein „echter Kostensenker“. Im Ackerbau genießt Raps eine hohe Wertschätzung, weil der Vorfruchtwert mit bis zu 150 Euro pro Hektar angegeben wird. Raps wirkt auch bodenverbessernd und unterstützt die pfluglose Bodenbearbeitung. Getreide nach Getreide ist bei dieser Form der Bearbeitung wegen phytosanitärer Auswirkungen einschränkend. Der DBV empfiehlt für das kommende Wirtschaftsjahr 2006, Raps anzubauen. Die derzeitige Rapsnotierung an der Warenterminbörse für August 2006 liegt bei 235 Euro je Tonne.
Derzeit wächst Raps auf rund 1,3 Millionen Hektar in Deutschland. Für den DBV „ist in weiten Regionen noch Potenzial für eine Anbauausdehnung vorhanden“.

Das Buch „Innovationen bei der Bioethanolerzeugung“ wird herausgegeben von Dr. Norbert Schmitz beim Landwirtschaftsverlag GmbH 48084 Münster und kostet 20 Euro – ISBN 3-7843-3354-0
Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe kann unter www.fnr.de virtuell besucht werden.


Roland Krieg

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