Wettrüsten in der Lebensmittelbranche
Handel
Wachstumsmarkt ?Functional Food?
> Weltweit stellt der Markt für funktionelle Lebensmittel ein Wachstumspotenzial von 230 Milliarden US Dollar dar. In Deutschland liegt das Umsatzvolumen bei knapp einer Milliarde Euro - Tendenz steigend. Das Marktpotenzial wird auf 5,5 bis 6 Milliarden Euro geschätzt, was einem Anteil von 5-10 Prozent des Nahrungsmittelvolumens insgesamt entsprechen würde. In der EU nehmen insbesondere Milchprodukte mit 65 Prozent den größten Anteil des "Functional Food" Marktes ein. Über hundert Teilnehmer aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten letzte Woche in der Potsdamer Industrie- und Handelskammer über ?Functional Food? als Wachstumsbranche. Was ist Functional Food?
?Functional Foods? sind Lebensmittel, die neben ihrem Nähr- und Genusswert einen gesundheitlichen Zusatznutzen bieten sollen, wie zum Beispiel die Prävention von Krankheiten oder die Stärkung des Immunsystems. ?Das Potenzial der Ernährung, lebensverkürzende und kostenintensive Erkrankungen wie Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und deren kardiovaskuläre Komplikationen zu verhindern, ist hoch. Es hängt aber nicht nur vom Zusatznutzen eines neuen Lebensmittels ab, sondern auch von dessen Akzeptanz?, betont Prof. Dr. Hans Joost vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam. Sind Lebensmittel mit cholesterinsenkenden Zusatzstoffen versetzt, müssen sie seit Oktober auch entsprechend gekennzeichnet sein (s. Herd-und-Hof.de vom 21.10.2004).
Vor allem probiotische Joghurts und Probiotikdrinks erobern die Kühlregale der Supermärkte. Sie versprechen Fitness, Gesundheit und Wohlbefinden und sollen vor verschiedenen Krankheiten schützen. ?Für bestimmte probiotische Stämme sind Effekte gefunden worden wie Reduktion von Beschwerden bei Milchunverträglichkeit, das verminderte Auftreten von Durchfällen bei Antibiotikagabe und ein vermindertes Auftreten und reduzierte Beschwerden bei infektiösen Darmerkrankungen von Kindern und bei Reisenden in tropische Länder. Die Gabe bestimmter fermentierter Milchprodukte führte auch zu einer Senkung des Blutdrucks?, so Prof. Dr. Jürgen Schrezenmeir, Leiter des Instituts für Physiologie und Biochemie der Ernährung der Bundesanstalt für Milchforschung in Kiel.
Nicht alles ist sinnvoll
Der Markt reagiert auch auf die Gesundheits- und Wellnesstrends und treibt zuweilen bizarre Produktblüten, wie der aid Infodienst süffisant bemerkt: Aloe-Vera-Drinks für die Schönheit, Johanniskrautjoghurt für das Wohlbefinden oder auch Brot mit Traubenkernextrakten, das ?wirkt wie Rotwein? suggerieren dem Verbraucher einen besonderen Gesundheitswert, ja zuweilen sogar die Heilung von Krankheiten. Derartige Produkte sind jedoch nicht nur aus ernährungsphysiologischer Sicht von recht zweifelhaftem Nutzen. Auch rechtlich bewegen sie sich auf einem unsicheren Boden, stellte Helmut Streit vom Bundesverband der Lebensmittelchemiker kürzlich auf dem Seminar ?Funktionelle Lebensmittel? der Gesellschaft deutscher Chemiker in Frankfurt fest: Die Werbung mit krankheitsbezogenen Aussagen ist bei Lebensmitteln verboten. Slogans wie ?heilt Prostatabeschwerden? haben auf einem Kürbiskernbrötchen nichts zu suchen. Werbeaussagen, die sich auf die Beseitigung, Verhütung und Linderung von Krankheiten beziehen, sind ausschließlich Arzneimitteln vorbehalten. Innerhalb der EU gibt es keine rechtliche Regelung was ?Functional Food? alles ist. Daher werden es in Deutschland als Lebensmittel zugelassen.
Perspektive
?Der Erfolg der Functional Foods hängt langfristig vor allem davon ab, inwieweit es gelingt, ernährungsphysiologisch sinnvolle Produkte mit belegbarer Wirkung zu schaffen. Sie sind aber keinesfalls Ersatz für eine gesunde und ausgewogene Ernährung, die reich an Gemüse, Obst und Vollkorngetreide ist und bewusst mit Fett umgeht. Ein ?(All)Heilmittel? sind funktionelle Lebensmittel nicht? warnt Prof. Dr. Rolf Grossklaus vom Bundesinstitut für Risikobewertung Berlin. Dieser Meinung ist auch seit längerem das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund (FKE): Aus wissenschaftlicher Sicht bestehen Zweifel, ob zugesetzte Substanzen in gleicher Weise vom Körper aufgenommen werden wie Wirkstoffe, die von Natur aus in Lebensmitteln enthalten sind. Außerdem kann es, je nach Verzehrsmenge, zu einer Überversorgung und damit verbunden zu unerwünschten Wirkungen kommen. So kann beispielsweise ein Zuviel an Calcium die Aufnahme anderer wichtiger Mineralstoffe wie z. B. Magnesium verringern. Der aid infodienst weist darauf hin, dass nicht einzelne spezielle Lebensmittel sondern eine ausgewogene, vollwertige Ernährungsweise mit viel frischem Gemüse, Salat, Obst, Vollkorn- und kalorienarmen Milchprodukten, ergänzt durch Fleisch und Fisch und eine geringe Menge vor allem an pflanzlichem Öl die empfehlenswerte Ernährungsform ist. Funktionelle oder nährstoffangereicherte Lebensmittel sind für gesunde Kinder nicht nötig.
VLE