Wie grün ist der Knopf?
Handel
Der Kampf um faire Textilien

In den Industrieländern gibt es kaum noch eine Textilindustrie. Die Arbeit wurde nach und nach ins Ausland verlegt. Nachdem in Asien langsam die Löhne steigen, sitzen die Näherinnen immer häufiger in Nordafrika. Spätestens mit den Einstürzen von Textilfabriken mit Hunderten von Toten hat die Branche in breitem Maße an Image verloren. Dennoch kleiden wir uns mehrfach im Jahr neu ein, kaufen T-Shirts für zwei Euro und bauen noch nicht einmal Hanf oder Flachs auf heimischen Feldern für die textile Verhüllung an.
Das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat mit dem Textilbündnis ein Beispiel geschaffen, dass entlang der Wertschöpfungskette möglichst viele Nachhaltigkeitsstandards und soziale Aspekte berücksichtigen will. Die aktuelle Diskussion um das „Lieferkettengesetz“ mit den Umfragen bei der Industrie sind Folgen des Impulses aus dem Textilbündnis.
Nicht, dass soziale und ökologische Aspekte neu erfunden wurden. Die „Kampagne für Saubere Kleidung“ (Clean Clothes) wurde bereits 1990 gegründet und kämpft mit mehr als 300 Netzwerkorganisationen um Verbesserungen in der weltweiten Textilindustrie. Das hat an der Schieflage zwischen Wunsch und importiert Wirklichkeit nur wenig geändert. Im Textilbereich findet sich daher die Gleichzeitigkeit zwischen einigen wenigen Textilfabriken, die wenige Arbeitnehmerinnen sehr gut stellen, der Breite eines globalen Bündnisses, die Erfolge nur schrittweise umsetzt [1] und der Mehrheit, die ohne Standards weitermacht.
Der nächste Schritt im 2014 von Minister Gerd Müller gegründeten Textilbündnis hat etwas länger auf sich warten lassen. Doch am Montag hat er in Berlin den „Grünen Knopf“ vorgestellt. 27 Unternehmen haben die Prüfung für das staatliche Prüfsiegel bestanden, weitere 26 befinden sich im Prüfprozess. „Faire Lieferketten sind möglich“, sagte Müller. „Ab heute kann das keiner mehr in Frage stellen.“ Die Firmen müssen 26 Sozial- und Umweltstandards einhalten. Sie reichen von Abwassergrenzwerten über das Verbot gefährlicher Chemikalien bis hin zu Mindestlohn und Verbot von Kinderarbeit.
Der „Grüne Knopf“ deckt bislang die Bereiche „Nähen“ und „Färben“ ab. In den nächsten Jahren wird der „Grüne Knopf“ bis zum Baumwollanbau ausgebaut werden. Das Siegel will den Verbrauchern Orientierung geben. Mit dabei sind Aldi Nord und Spd, Kaufland, hessnatur, Trigema und viele andere.
Wie groß ist der Erfolg? Das staatliche Siegel wird einzelnen Projekten aus der Entwicklungs-Szene nicht gerecht. Doch eine wichtige Breitenwirkung darf nicht abgesprochen werden. Klaus Müller vom Verbraucherzentrale Bundesverband bewertet das Siegel erst einmal positiv: „Um Katastrophen wie die von Rana Plaza zu verhindern, reicht ein freiwilliges Label wie der Grüne Knopf aber nicht aus. Ein Lieferkettengesetz, das alle Unternehmen bindet, hätte mehr Durchschlagskraft“. Ob es das aber gibt ist noch offen. Der Nationale Aktionsplan Menschenrechte und Umwelt sieht das zwar vor, aber einig ist sich die Politik noch nicht. Das wird sich erst gegen Ende 2020 entscheiden.
Der Grüne Knopf kann bis dahin Vorarbeit leisten. Müller fordert einen zügigen Ausbau über die beiden Fertigungsschritte hinaus. Dennoch: Unter textilunternehmen weltweit ist der Grüne Knopf innovativ, weil er die teilnehmenden Firmen verpflichtet, über menschenrechtliche Risiken zu berichten und öffentlich Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Neu ist auch, dass das Siegel als Gewährleistungsmarke angemeldet wurde. Das ist nach Verbraucher-Müller sein Namensgefährte auf dem richtigen Weg für ein gezielte Kommunikation in Richtung Verbraucher. Nach zwei Jahren kann der Grüne Knopf zeigen, welches Potenzial in ihm stecke.
Lesestoff:
[1] Branche am Scheideweg: https://herd-und-hof.de/handel-/nachhaltige-textilien-der-naechste-schritt.html
Clean Clothes: https://www.inkota.de/themen/soziale-verpflichtung-fuer-unternehmen/kampagne-fuer-saubere-kleidung/
Roland Krieg