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"Wimpernschlag der Energiegeschichte"

Handel

Neues Buch: Krisenfaktor Öl

Bis zur französischen Revolution gab es im Wesentlichen nur Solarenergie und diese auch noch dezentral. „Dann begann mit Gas und Öl der große Sündenfall:“, beschrieb gestern Prof. Dr. Michael Jischa von der Deutschen Gesellschaft Club of Rome. „Es wurde fossil und zentral.“ Allerdings bliebe das nur ein „Wimpernschlag in der Energiegeschichte“, denn die beiden Trends für die Zukunft sind erneuerbare Energien und zunehmende dezentrale Energieversorgung. 2100 werden 50 Prozent des Stroms aus Solarenergie sein. Es gibt keine andere Chance, sagte Prof. Jischa bei der Vorstellung des Buches „Krisenfaktor Öl“ im Kleinen Festsaal der Hackeschen Höfe.

Stillstand seit 30 Jahren
Energieeffizientere Geräte hat es immer gegeben, aber die Energiekrisen von 1972 oder 1979 zeigten trotzdem keine politische Relevanz, klagte Prof. Dr. Rolf Kreibich, Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Selbst Verbraucher wollen zu 85 bis 90 Prozent mehr für die Umwelt tun - aber nur bis zu acht Prozent setzen das auch in die Tat um.

„Krise der Normalität“
Die Energie, die nationalen Wohlstand und Globalisierung gebracht hat, ist auch die Achillesferse der Wirtschaft.
Die mobile Eingreiftruppe der USA gibt es erst seit 1979, als der Vorschlag Jimmy Carters, Energie in Höhe des jährlichen Zuwachses einsparen zu wollen, abgelehnt wurde.
Der Ölkonzern Shell stellte am 25.10.2005 fest, dass der weltgrößte Erdöllieferant Saudi Arabien seinen Öl-Peak, den Höhepunkt der Förderung, überschritten habe.
Die Vereinten Nationen werden die Klimadaten für die Erderwärmung von durchschnittlich 2,5 auf 3 °C erhöhen.
Michael Müller, Staatssekretär des Bundesumweltministeriums

Einsparungen werden durch vermehrten Geräteverbrauch wieder überkompensiert, was Dr. Jischa als Bumerang-Effekt bezeichnet. Nachhaltigkeit, so seine Formel, wird neben Energieeffizienz nur zwingend durch zusätzliche Suffizienz erreicht: Verhaltensänderungen und Änderung des Lebensstils seien unverzichtbar und beinhalten ein Einsparpotenzial von bis zu 12 Prozent.

Geopolitische Hintergrundstrahlung
Die Klimarisiken sind bei der Bevölkerung angekommen. Meist bewegen sich jedoch die Vorstellungen über den Weg aus der Energiesackgasse in handlichen Dimensionen: eine Biogasanlage und ein Windkraftrad werden allerdings keine Wende herbeiführen. Das hatte der zweite BtL-Kongress in diesem Jahr bereits deutlich gemacht. Es geht um ganz andere Dimensionen.
Mit China und Indien sind zwei neue gigantische Wettbewerber auf den Plan getreten, die ihren Energiehunger anders zu stillen wissen als die westlichen Industriestaaten. China stößt in das machtpolitische Vakuum in Myanmar, Usbekistan und dem Sudan. Der Handel ist nicht an demokratische oder ökologische Bedingungen geknüpft, so dass Mitautor Dr. Heinrich Kreft bereits die „Unterminierung der Global Governance“ erkennt.
Das Buch „Krisenfaktor Öl“ trägt daher den Untertitel „Abrüsten mit neuer Energie“. Es zeigt nicht das Biomassepotenzial verschiedener Energiepflanzen auf oder technische Daten unterschiedlicher Energiealternativen.
Das Buch führt dem Leser die geopolitische Hintergrundstrahlung vor Augen, welche Dringlichkeit besteht, die Energiewende zu erneuerbaren und dezentraleren Energieformen einzuleiten: „Die irrationale Hochrüstung mit Energie in den reichen Ländern und deren Vorbildfunktion für die energiehungrige Weltbevölkerungsmehrheit sind die Kernprobleme. Abrüstung ist zwingend notwendig: bei Waffen wie bei der Energie geht es darum, präventive Friedenspolitik zu betreiben.“ Brigadegeneral a. D. Dieter Farwick beschreibt eingängig, was „vitale deutsche Interessen“ bei der Energieversorgung sind und was eine Militärstrategie leisten kann.
Zukunftsszenarien des Deutschen Forschungszentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zeigen mit einem Energiemix bei 50 Ländern aus Europa (EU), des Mittleren Osten (ME: Middle East) und Nordafrika (NA), dass mit der transnationalen Partnerschaft EUMENA eine kostengünstige, diversifizierte und umweltverträgliche „Versorgung auf der Basis sicherer und unerschöpflicher Ressourcen“ möglich ist. Stromautobahnen auf der Basis der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung können Strom aus europäischer Biomasse oder nordafrikanischer Sonne zwischen Dublin und Tunis, zwischen Porto und Istanbul, Kairo und Stockholm transportieren.
Herausgeber des neuen Buches sind das Wuppertal Institut und die Deutsche Gesellschaft Club of Rome. Die Autoren sind allesamt Experten auf ihrem Gebiet, aber die Texte sind gut verständlich und erweitern den Bezugsrahmen für die Entscheidung, sich einen neuen Kühlschrank zu kaufen oder Raps anzubauen.

Peter Hennicke, Nikolaus Supersberger (Hrsg.): Krisenfaktor Öl; 147 S. 18 Abb., 8 Tab.; 19,80 Euro; München 2007; ISBN 13: 978-3-86581-060-1

Roland Krieg

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