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Wird die Luft im Außenhandel dünner?

Handel

BGA-Präsident Börner fordert Standortdiskussion

Anton F. Börner, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen BGA hatte am Montag auf der Frühjahrspressekonferenz in Berlin eine gute Nachricht. Für 2013 rechnet der BGA bei den Exporten mit drei Prozent nominalem Wachstum auf 1.130,2 Millionen Euro. Ein Rekordwert, dem dank sinkender Rohstoffpreise und günstiger Wechselkurse die Importrechnung bei 918,2 Millionen Euro nur mit einem Plus von einem Prozent gegenübersteht.
Dennoch hat der BGA seine Prognosen aus dem letzten Jahr nach unten korrigieren müssen - wenn auch drei Prozent von einer Billion eine stattliche Zahl sind, so Börner. Die weltweite wirtschaftliche Erholung verlaufe langsamer als erwartet. Vor allem die Südländer in der EU schmälern den Handelselan.

Wachstumsimpuls aus Drittstaaten

Günstiger verlaufe der Handel in den Drittstaaten. 43 Prozent der Ausfuhren gingen in den arabischen Raum, Westafrika, Russland und den USA. In 12 Jahren könnten die Drittstaaten für den Außenhandel wichtiger als der europäische Binnenmarkt werden, prognostiziert Börner.
Die Exporte in die USA werden in diesem Jahr um 15 Prozent auf 100 Milliarden Euro zunehmen, die nach China um fünf Prozent auf knapp 70 Milliarden Euro. Vor allem das oft beklagte Handelsdefizit mit China hat sich in den letzten fünf Jahren von 26,5 auf 10,7 Milliarden Euro mehr als halbiert. Börner führt das auf den Wandel der chinesischen Marktorientierung zurück. Das Reich der Mitte entwickelt sich von einer verlängerten Werkbank zu einem High-Tech-Standort, der nicht mehr auf Export, sondern auf die Steigerung der Binnennachfrage ausgerichtet ist.
In den USA ist die Energiefrage die Schlüsselposition für die Weltwirtschaft. Die großen Unterschiede in den Energiekosten machen die USA für energieintensive Industrien attraktiver. Zudem weise Amerika eine anwachsende Bevölkerung mit qualifizierten Fachkräften auf.

Modernisierer Deutschland

Sowohl in China als auch in den USA könne Deutschland seine Chancen nutzen. Die Industrialisierung Chinas und die Reindustrialisierung der USA mache Deutschland zu einem „Modernisierungspartner Nummer eins“. Umweltschutz, Klimawandel und Energiegewinnung können die belastbaren und flexiblen mittelständischen Unternehmen auf den Weg in Drittmärkte in die Waagschale werfen.
Dennoch stehen die Zeichen auf einen Wandel in der Welthandelsarchitektur. In der Tat sinkt der Anteil Deutschlands am Welthandel:

Zwar führe langfristig kein Weg an einem umfassenden WTO-Abkommen herum, so Börner, doch so lange kein Abschluss in Sicht ist, bleiben bilaterale Freihandelsabkommen „das Gebot der Stunde“. Das zwischen der EU und Südkorea habe gezeigt, welche positiven Wirkungen auftreten können. Daher lockt das Abkommen mit den USA auch die deutsche Wirtschaft. Den möglichen Umsatz- und Wohlfahrtseffekten stellt Börner jedoch auch Sorgen entgegen. In der jetzigen Grundverfassung kann die USA innerhalb des Abkommens aber auch deutliche Wettbewerbspunkte für sich ausspielen [1].

Wieder wirtschaftlich denken

Börner fordert daher eine Neubesinnung auf den Standort Deutschland: „Anstatt über Infrastruktur, Bildung und weitere Standortfaktoren nachzudenken, diskutieren wir über Pferdefleisch, Homoehe und Frauenquote.“ Schulen und Universitäten sind chronisch unterfinanziert, fährt Börner fort. Und die neuesten Pläne lassen nichts Gutes erahnen: Die Erhöhung des Spitzensteuersatzes treffe die Facharbeiter und die Diskussion über eine Vermögenssteuer gehe an die Substanz der Unternehmen.

Russland

Der WTO-Beitritt Russlands hat eine Menge Hoffnungen auf einen wachsenden Markt geweckt [2]. Derzeit ist der russische Bär ein komplizierter Handelspartner, der viele Agrargüter aus Deutschland nicht mehr ins Land lässt. Auf Nachfrage von Herd-und-Hof.de verneint der BGA-Präsident, dass sich die Bundesregierung zu wenig um diesen Handelspartner kümmere. Russland sei kompliziert und lasse sich immer neue bürokratische Ideen einfallen. Man müsse den Russen mit stetigem Hinweis auf Wachstum durch freien Handel von der Einhaltung der WTO-Regeln überzeugen. Unwägbar bleibe dennoch was im Kreml und den Provinzen ankommen. Der Handel mit Russland, das drei Prozent der deutschen Ausfuhren aufnimmt, ist ein langwieriger Prozess. Der WTO-Beitritt keine „kurzfristige Erfolgsstory“.

Zartes Pflänzchen Weltwirtschaft

Am Freitag haben die Wirtschaftsprüfer von Deloitte ihren globalen Ausblick auf die Weltmärkte formuliert. „Es gibt zarte Zuversicht.“

Euro-Zone: Das schlimmste sollte überwunden sein, doch der Aufschwung verlaufe nicht glatt. Bei der „Rekonvaleszenz in Zeitlupe“ bewege sich in Deutschland am meisten. Investitionen helfen am besten aus der Flaute.

USA: Mit steigender Beschäftigung und steigendem Haushaltsvermögen befinde sich die USA am Wendepunkt. Die USA befinde sich zwar noch nicht auf Vorkrisenniveau, befinde sich aber am „Tipping Point“.

China: Deloitte ist skeptischer, weil die Binnennachfrage ausfalle. Der langsamen Erholung stünden „viele Risiken und ungelöste Probleme gegenüber. Vor allem in den Bereichen Umweltbelastung, Immobilienblase und extreme soziale Unterschiede.

Indien: Die industrielle Entwicklung des Subkontinents enttäusche. Selbst der Agrarsektor wachse nur langsam. Hoch bleiben das Zinsniveau und die Lebensmittelpreise. Deloitte sieht die Gefahr einer Abwertung wegen des hohen Schuldenstandes.

Lesestoff:

[1] Zumindest im Agrarbereich hat die EU offenbar dieNase vorn und eine Trendumkehr eingeleitet

[2] Optimismus nach Russlands WTO-Beitritt

Roland Krieg

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