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+++ 13:00 +++ ASP sorgt für Panik im Wald +++

Landwirtschaft

Das Virus kommt auch ohne Wildschweine

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist in Südafrika endemisch. Im Jahr 2007 sprang das Virus über Armenien nach Nordrussland. Seit dem wandert es westwärts und wird erst am Atlantik gestoppt. Bislang hat die Menschheit nur die Pocken vom Erdball getilgt. Die Rinderpest wurde allerdings schon „zweimal“ ausgerottet und die Masern galten als besiegt. Der Kampf gegen Viren und Bakterien will einfach nicht gelingen. Eher noch werden sich die Menschen mit dem Krankheitserreger arrangieren müssen.

So ist es auch mit der Afrikanischen Schweinepest. Ein Virus, das absolut tödlich ist, in Wildschweinen sein Reservoir findet und für Menschenungefährlich ist. Weder gibt es Medikamente zur Minderung des Leidens, noch gar eine Impfung. Es bedroht vor allem die Schweine und besonders die Ökonomie der Hausschweine.

Die Schweinebranche beschäftigt 120.000 Menschen in knapp 24.000 Betrieben, rechnet Werner Schwarz, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes vor. Die Produktion liegt über dem Selbstversorgungsgrad. Produktionswert: Knapp sieben Milliarden Euro Alleine 800.000 Tonnen Pfötchen, Ohren und Schweinespeck wurden im Jahr 2016 exportiert.. Dringt das Virus in den Hausschweinbestand ein, müssen die Tiere alle gekeult werden, um die Verbreitung des Virus zu verhindern. Es entsteht nicht nur ein Milliardenschaden, die Schweineproduktion wird gestoppt. Vor allem in Ostdeutschland, wo sie auf nur wenige Betriebe konzentriert ist. Doch auch in Schleswig-Holstein gibt es beispielsweise 2.000 Betriebe mit mehr als 1,5 Millionen Schweinen.

Millionen Keulungen

Seit 2007 sind in Russland Millionen von Schweinen gekeult worden. Bestände wurden immer wieder aufgebaut. Das Virus bleibt, Russland wird die Afrikanische Schweinepest nicht mehr los. Erst Anfang Dezember wurden in Bolgograd 24.000 Schweine getötet. Nicht auszumalen, was schon im kleineren Maßstab in Deutschland medial losgeht. Bolgograd liegt an der Grenze zur Ukraine. In der Nähe wurde im September bereits ein Bestand mit 16.000 Masttieren getötet. Für russische Medien eine Gelegenheit, über importiertes und mit ASP verseuchtes Schweine aus der Ukraine zu mutmaßen. Angeblich wurden mehr als 800 kg undeklariertes Fleisch sichergestellt.

Grenzzaun

Polen plant schon länger einen Grenzzaun gegen Wildschweine aus Weißrussland. Die Kosten für den mehr als 1.000 Kilometer langen Zaun werden auf 40 Millionen US-Dollar beziffert. Plus jährliche Wartungskosten in Höhe von 50 Millionen Dollar. In Ostpolen hat sich das Virus mittlerweile eingerichtet. Während große Betriebe scheinbar sicher sind, weil sie hohe Biosicherheitsstandards nutzen können, geraten vor allem die kleinen Betriebe ins Visier der Seuchenfahnder. So wie auf dem Bild in Lettland, werden zwei Schweine für den Eigenbedarf und eins in „Lohnmast“ für den Nachbarn in offenen Scheunen gehalten, die zweiseitig Zugang zur Außenwelt haben. Russland erwägt sogar ein Verbot der Kleinbetriebe. Übertragen auf Deutschland, wäre das Aus für die Ökoschweine eher wahrscheinlich als für den isolierten Großbetrieb. Darüber müssen sich Landwirte und Verbraucher im Klaren werden.

Das Virus wird nicht nur zwischen Tieren weitergegeben. Unbelebte Vektoren wie Autoreifen tragen es am weitesten und schnellsten voran. Die Überbrückung weiter Entfernungen in Russland schreibt das Friedrich-Löffler-Institut (FLI) Militärtransporten zu.

Zivil überschreiten Tiertransporte die osteuropäische Grenze nach Weißrussland, Russland und der Ukraine. Auf dem Rückweg werden die Fahrzeuge an der Grenze gründlich gereinigt. Das FLI schreibt diesem Verbreitungsweg nach Deutschland ein mäßiges bis erhöhtes Risiko zu. Das größte Risiko ist die Einschleppung über Lebensmittel. Das Schinkenbrot als Reiseverpflegung wird das Virus am wahrscheinlichsten über die Oder bringen. An den Autobahnen hängen daher seit Jahren mehrsprachige Tafeln, die über das Risiko weggeworfener Lebensmittel informieren.

Pürzelprämie

Der Deutsche Bauernverband hat am heutigen Freitag seine Maßnahmen zur Prävention gegen die ASP vorgestellt. Mehr Aufklärung, mehr Informationen, mehr Forschung für einen Impfstoff und andere Maßnahmen stehen auf der Agenda. Die größte Aufmerksamkeit wird der Bejagung des Wildschweins gewidmet. Obwohl das FLI selbst für Russland die endemische Ausbreitung bei Wildschweinen nur als moderat einschätzt, stehen den Schwarzkitteln schwere Zeiten bevor.

Dabei ist das Thema alles andere als neu. Ein Blick auf die Wildschweinstrecke in Bayern im Vergleich zwischen 1980/81 und 2010/11 zeigt, dass Wildschweine sich seit Jahrzehnten ausbreiten und  größere Populationen aufbauen [1].  Das wurde bislang zwar kritisiert, aber die Bejagung nicht im gleichen Umfang ausgeweitet. Immer mehr Wildschweine trotz steigender Jagdstrecken wurden nahezu gleichgültig hingenommen. Jetzt verursacht der zivile Bruder in Form des Hausschweines eine Explosion in der Wildschweinpopulation. Eine so genannten Pürzelprämie in Höhe von 25 Euro soll die Jagd „zum Beutemachen motivieren“. Der auch private Jäger soll den Pürzel, so heißt der Wildschweinschwanz in der Jägersprache, beim Forstamt vorlegen. Ob der Aufwand für Anreise und Entlohnung lohnt, bleibt offen.

Für die Intensivierung der Jagd sprechen sich derzeit die meisten Politiker, Landwirte und Jäger aus. In Sachsen-Anhalt haben Ferkelerzeuger 75.000 Euro privat für die Pürzelprämie gesammelt. Die grüne Agrarministerin Claudia Dalbert hält solche Prämien für falsch und schlägt einen Bonus von 50 Euro vor, wer infizierte und verendete Wildschweine auffindet. Damit wäre der Ersteintrag zu vermeiden.

Schleswig-Holstein hat heute ein intensiveres Wildschwein-Monitoring eingeführt. Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsministerin Christina Schulze Föcking hat in dieser Woche mit sofortiger Wirkung das Ende der Schonzeit am 31. März aufgehoben. Nur noch Muttertiere und Frischlinge mit weniger als 25 Kilo Gewicht bleiben verschont. Allerdings nicht, wenn es nach Werner Schwarz vom DBV geht.

Der DBV fordert die Jagd auch in derzeit befriedeten Gebieten, Ende der Jagdruhe in Staats- und Bundesforsten , eine gebührenfreie Entsorgung und Unterstützung bei Drückjagden. Revierübergreifende Jagden und Bewegungsjagden sollen öfters stattfinden.

Nicht im Positionspapier, aber in den Medien hat sich Werner Schwarz quantitativ geäußert. Gegenüber der Rheinischen Post fordert er den Abschuss von 70 Prozent des Wildschweinbestandes. Bleibt die Frage: Wohin mit dem ganzen Fleisch? Der DBV fordert eine Vermarktungsinitiative.

Apropos Jagd: Die milden Winter helfen den Wildschweinen zu überleben. Sie erschweren aber auch die Jagd. Die Tiere ziehen sich in Schilf- und Bruchpartien zurück, die von Jägern oft erst bei Frost begangen werden können, schreibt die Bauernzeitung. Wer mehr Wildschweine Jagd, der will auch weniger Rückzugsmöglichkeiten.

Schweinehaltung oder Mais?

Der Begriff „Vermaisung“ hat die Landwirte vor einigen Jahren noch mächtig aufgeregt. 2012 hatte Robert Habeck in Schleswig-Holstein eine Anbauquote für Mais vorgeschlagen, auf den der Landesbauernverband mit Entsetzen reagierte. Der Kreisbauernverband Prignitz in Brandenburg warf im gleichen Jahr Umweltministerin Anita Tack „Unwissenheit“ bei ähnlichem Ansinnen vor: „Wir haben in Brandenburg kein Maisproblem“. Ein Jahr zuvor hatte das Deutsche Maiskomitee in einer Studie die Nachhaltigkeit des Maisanbaus  zusammengefasst, was vom DBV geteilt wurde.

Jetzt wendet sich das Blatt. Ebenfalls in der Rheinischen Post hat Schwarz den massenhaften Anbau von Mais für Biogasanlagen kritisiert, der für Wildschweine eine hervorragende Nahrungsquelle ist und Deckung bietet. Die eingeführten Bejagungsschneisen haben der Wildschweinpopulation keinen Abbruch getan. Wenn die Schweinebranche bedroht ist,  muss sich die Biogasbranche anpassen.

Fazit

Schon die ganze Woche über hat der Bauernverband auf den Freitag und die notwendige Intensivierung der Jagd hingewiesen. Die Intensivierung ist nützlich. Wenn auch zu spät. Jetzt wird mit Gewalt das Versäumnis jahrelanger Gelassenheit aufgeholt werden müssen. Und selbst wenn Asterix und Obelix in Deutschland keine Wildschweine mehr vorfänden: Ein Schinkenbrot im Abfall bringt das Virus dennoch näher an den Atlantik.

Lesestoff:

www.bauernverband.de

[1] Jagdstrecken in Bayern: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/bayern-jaeger-gegen-wildschweine.html

Roland Krieg

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