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Ackerbaustrategie aus der Praxis

Landwirtschaft

Gute Fachliche Praxis in Ackerbaustrategie formuliert

Hinter dem Begriff „Ackerbaustrategie“ stehen Fruchtfolge, Pflanzenschutzmaßnahmen, Düngung, Erosionsbekämpfung, Mechanisierung, Resistenzmanagement, aber auch Betriebsplanung, Diversifizierung, Marketingmaßnahmen und Ausbildung. Der Koalitionsvertrag hat den diffusen Begriff aus der letzten Legislaturperiode aufgenommen und will entsprechend dem Tierschutz auch den Ackerbau in Wort und Tat nachhaltig beschreiben. Allein: Die Politik hat auf der zurückliegenden Agrarministerkonferenz gezeigt, dass sie sich noch nicht einmal auf einen Startschuss hat einigen können [1]. Der politische Diskussion wird diskursiv bleiben, wenn Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner demnächst zu einem Auftaktgespräch einlädt.

ZDL formuliert Ziele und Maßnahmen

Die Praxis hingegen weiß, wovon sie spricht. Da heißt die Ackerbaustrategie „Gute Fachliche Praxis“ und bewirtschaftet den Boden als wertvollsten Besitz generationenübergreifend nachhaltig mit optimierten Ressourceneinsatz. Auch wenn nicht alles glatt läuft. Doch bevor die Politik das diskursive Heft in die Hand nimmt, hat der Zentralausschuss der Deutschen Landwirtschaft (ZDL) am Montag schon mal acht Ziele mit 18 konkreten Maßnahmen vorformuliert. Im ZDL sind die fünf Verbände Deutscher Bauernverband (DBV), die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), der Deutsche Raiffeisenverband (DRV), der Verband der Landwirtschaftskammern (VLK) und der Zentralverband Gartenbau (ZVG) organisiert.

Joachim Rukwied

Im Grunde bietet die vorgelegte Ackerbaustrategie nichts Neues, was auch Joachim Rukwied (DBV) betonte. Von der Rohstoffsicherung über die Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatze, Erhaltung von Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität bis zum Beitrag zum ländlichen Leben ist alles, was in Praxis, Gesellschaft und Politik diskutiert wird dabei. Auch die Maßnahmen wie Bewässerungsmanagement, Düngeoptimierung, Feldvögel und Insekten schützen, sowie die Erhaltung der landwirtschaftliche Fläche sind in der Guten Fachlichen Praxis enthalten.

Was ist neu?

Joachim Rukwied zu Herd-und-Hof.de: „Erstens ist neu, dass sich die fünf Verbände hier an einen Tisch gesetzt haben und aus unterschiedlichen Perspektiven sich auf eine gemeinsame Strategie haben einigen können. Wir haben jetzt hier ein Handbuch für unsere Kollegen und die Beratung erarbeitet, was wir unter Ackerbaustrategie verstehen, was aus unserer Sicht Ziele sind und wie wir diese Ziele erreichen können. Wir haben das, was oft in bilateralen Gesprächen präzisiert wird, zu Papier gebracht. Wir sind sicher, dass es einen neuen Schub in der Weiterentwicklung und Umsetzung dieser Ansätze geben wird.“

Hubertus Paetow

Hubertus Paetow von der DLG ergänzt knackig: „Neu ist vor allem, dass die Branche selber sagt „Wir haben Bock, uns zum Löser eines Problems zu machen und nicht immer nur der Beschuldigte zu sein, wenn augenscheinlich einmal etwas schief läuft.“ Paetow weiß aber auch, was der Ackerbaustrategie folgen muss: „Wenn man die Strategie mit Zielen festlegt, muss man auch irgendwann sagen können: was habe ich erreicht? Ich denke, es gibt eine Menge Dinge, wie Vorgaben aus der Düngeverordnung, die wir gut messen können. Schwieriger wird es in den Bereichen Biodiversität. Da müssen Indikatoren entwickelt werden. Es gibt gute Ansätze. Aber die Forschung sollte uns noch weiter helfen. Vor allem geht es um Kriterien auf der Betriebsebene, damit ich als Landwirt beispielsweise sagen kann: Ich habe mich mit meinem Bienenfreundlichkeitsindikator in den letzten zwei Jahren von fünf auf sieben verbessert.“

Von der Strategie zur Politik

Ende des Monats stellt EU-Agrarkommissar Phil Hogan Details seiner Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) vor. Ob aus der Ackerbaustrategie ein politisches Modell mit einer betriebswirtschaftlichen Basisprämie und gewinnerzielenden Agrar- und Umweltmaßnahmen entspringen könne, wollte am Montag sagen niemand. Doch unpolitisch ist die Ackerbaustrategie nicht. Die Praxis will das Dokument als Vorlage für Berlin verstanden wissen.

Da muss der Bohrer durch ein dickes Brett, wie Gerhard Schwetje von der VLK betont: „Unser Ziel ist auch, nicht wie in der Vergangenheit einzelne Aspekte für sich zu betrachten, sondern die Ziele ganzheitlich zu sehen. Wenn wir in den Betrieben nur über Fruchtfolgen, nur über Pflanzenschutz diskutieren, dann müssen wir auch über die Auswirkungen auf andere Bereiche reden und müssen die Zielkonflikte austarieren. Das hat ein Signal in den Berufsstand hinein, in die landwirtschaftlichen Betriebe, in die Beratungsorganisationen und auch in die Gesellschaft. Es gibt einfache Lösungen, etwas zu verbieten, aber es hat immer noch andere Auswirkungen. Daher ist das Wort Strategie wichtig, denn wir müssen ganzheitlich denken.“

Der Vollständigkeit halber muss ergänzt werden, dass alle im ZDL organisierten Verbände Abteilungen für Praxis und Forschung im Ökolandbau haben.

Gerhard Schwetje

Schwerpunkt Beratung

Wirkstoffe für den Pflanzenschutz werden weniger. Die Bekämpfung von Ackerfuchsschwanz und Windhalm im Getreide wird schwieriger, Tankmischungen müssen auf Verträglichkeit beachtet werden. Im Bereich der Düngung hat die neue Düngeverordnung eine Flut an Informationsveranstaltungen hervorgerufen. Und alles muss dokumentiert sein. Ohne Beratung fehlt vielen Betrieben der Überblick. Deshalb kommt der landwirtschaftlichen Beratung eine Schlüsselstelle zu. Der wird in der Ackerbaustrategie als konkrete Maßnahme in allen Zielbereichen die meiste Aufmerksamkeit zuteil.

Wenn in der Politik auch vielfach vernachlässigt. Denn die Offizinalberatung kostet den Bundesländern Geld und wird deshalb zu Gunsten der Firmenberatung aus Landtechnik, Saatgut und Pflanzenschutzmittel zurückgefahren. Darüber sprach Herd-und-Hof.de nach der Präsentation mit Gerhard Schwetje, der als Präsident der Landwirtschaftskammern Beratung und Forschung als Kernkompetenz organisiert.

Gerhard Schwetje: „Die Situation der Offizinalberatung ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. In den Bundesländern mit Landwirtschaftskammern, das ist nur die Hälfte der Bundesländer, redet man nicht von einem Abbau. Das wird eher gestärkt. Aus anderen Bundesländern, wie Sachsen-Anhalt oder Brandenburg habe ich Signale bekommen, da wird die Beratung nicht gestärkt. Das ist sehr unterschiedlich in Deutschland. Wir sind natürlich der Meinung, ohne Beratung, wird es der Bauer auf Dauer nicht schaffen. Die Beratung ist die Kerngrundlage von allem, nicht nur für den Ackerbau.“

HuH: Eine der neuen Technologien für die Landwirtschaft ist die Digitalisierung. Sensoren können zentimetergenau den Boden- und Pflanzenzustand für Düngung und Pflanzenschutz, auch den mechanischen, bewerten und Ressourcen optimal einsetzen. So könnten autonome Hacken beispielsweise das Getreide über Nacht striegeln und den aufwendigen Arbeitseinsatz im Ökolandbau deutlich verringern. Viele Landwirte sind zur Lohnarbeit übergegangen, weil sie teure Maschinen nicht mehr selbst anschaffen wollen. Wäre da eine Verknüpfung der Arbeit mit einer integrierten Fachberatung möglich?

Gerhard Schwetje: „Ja, das sourct sich aus. Das ist ein Trend der Spezialisierung. Diese Spezialisierung in der Landwirtschaft hat sich seit einigen Jahren immer mehr entwickelt. Das bedeutet oft, dass die Landwirte im Weinbau, in der Tierhaltung ihr Haupteinkommen haben. Aber alle Landwirte haben in der Regel auch Ackerbau und lassen diese Aufgaben von Fachleuten machen. Die sind durch Abstandsauflagen oder Höchstmengen von Pflanzenschutzmitteln mittlerweile richtig komplex geworden – und ganz wichtig: Die Dokumentation für einen prüfungssicheren Betrieb. Da spezialisieren sich einzelne landwirtschaftliche Betriebe als Dienstleister für Berufskollegen. Das geht im Rahmen von Lohnunternehmen oder als Dienstleistung innerhalb eines Maschinenrings. Diese beiden Organisationen werden für unsere Landwirte noch wichtiger.“

HuH: Dazu braucht man eher die Offizinalberatung …

Gerhard Schwetje: „…als eher die Verkaufsberatung. Ich stehe für die neutrale Beratung, dafür stehen die Kammern. Die kann am Ende nur die Grundlage für objektiven Einsatz von Betriebsmitteln sein. Dazu gehört auch das neutrale Versuchswesen für den Stall und für den Acker. Wir wollen dem Landwirt eine neutrale Empfehlung und keine Verkaufsempfehlung aussprechen. Das ist unser Ansatz und Voraussetzung für die Existenz der Kammern.“

HuH: Schwierig ist es auch bei den Landessortenversuchen?

Gerhard Schwetje: „In Brandenburg und Sachsen-Anhalt stehen die Landessortenversuche unter finanziellen Problemen. Ich bin Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und wir haben bereits vor Jahren mit den Sachsen-Anhaltinern, die ein Landesamt für Landwirtschaft haben, eine Vereinbarung über die Unterstützung für das Sortenversuchswesen. Es hilft nicht, beispielsweise eine Sorte in Bayern zu prüfen, mit der Landwirte an der Küste andere Erfahrungen sammeln. Wir haben in Niedersachsen für Zuckerrüben, Getreide oder Mais zehn verschiedene Klimaräume, in denen wir Sorten prüfen können. Wir wollen, dass das fortbesteht. Dafür kämpfen wir.“

Die Fragen stellte Roland Krieg

Lesestoff:

Die „Ackerbaustrategie der deutschen Landwirtschaft“ finden Sie unter www.bauernverband.de/ackerbaustrategie-2018

[1] Agrarministerkonferenz Frühjahr 2018 in Münster: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/27-04-1610-trippelschritte-fuer-den-tierschutz.html

Roland Krieg; Fotos: roRo

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