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„Ackern für die gute Ernährung“

Landwirtschaft

Entwicklung braucht eine neue Landwirtschaft

Mit 1,2 Millionen Tonnen Tee ist Indien nach China der zweitgrößte Tee-Erzeuger der Welt. Eine hohe Exportquote macht den Subkontinent zum viertgrößten Welthändler für Tee, verbraucht mit rund 0,9 Millionen Tonnen Schwarztee auch selbst eine große Menge. Auf mehr als 560.000 Hektar wird Camellia Sinensis, der Teestrauch, angebaut. Das größte zusammenhängende Anbaugebiet Assam mit 304.000 Hektar lässt Genießer die Zunge schnalzen. Die Arbeiterinnen weniger.

Eine Teepflückerin schafft bis zu 24 Kilo Teeblätter am Tag, die noch im Teegarten getrocknet und gerollt werden. Kleinbauern ohne die entsprechende Technik müssen ihre Ernte so schnell wie möglich an so eine Fabrik liefern, um die Qualität zu halten. Fertiger Tee wird in Ballen über eines der neun Aktionshäuser in Indien versteigert. Ab dem Aktionshaus hat der Teegarten keinen Einfluss mehr auf die Teepreise. Dabei ist die Ware noch nicht einmal in Europa oder den USA angekommen. Die Teepflückerinnen erhalten nach einer neuen Analyse nur noch 0,16 Prozent Anteil am Gewinn des Teeverkaufs [1].

Die Nahrungsrationen für die Arbeiterinnen und Arbeiter in Assam bestehen aus Weizenmehl, Reis und Teeblättern und reichen oft nicht aus. Zumal sind die Lebensmittel von geringerer Qualität, beschreibt der FIAN-Bericht nach einer Analyse aus einer Datensammlung aus Teegärten in Assam und Westbengalen. Alle 15 Tage erhalten sie jeweils drei Kilo Reis und Weizenmehl sowie 600 Gramm Teeblätter pro Monat. Familien erhalten für ihre Kinder bis zum 16. Lebensjahr jeweils ein weiteres Kilo Reis und Mehl. Sind Pflücker erkrankt, erhalten sie keine Lebensmittel und nur ein Drittel des Lohns. Der Lohn in Höhe von 2.000 indischen Rupien hält nicht länger als bis zur Monatsmitte vor. Für die restlichen Nahrungsmittel müssen sie oft einen Kredit aufnehmen. Die Arbeiter können auf kleinem Grundbesitz manchmal noch ein Hühnchen für die Fleischversorgung halten. Die für die Armenspeisung benötigten Registrierungskarten erhalten sie nicht, weil der Arbeitgeber sie ihnen vorenthält.

Hunger und Mangelernährung

Ds ist weltweit kein Einzelbeispiel. Die Zahl der Hungernden beträgt rund 800 Millionen Menschen und die Zahl der mangelernährten umfasst rund 1,2 Milliarden Menschen mehr. „Hunger ist der größte geduldete Skandal, mit dem wir täglich umgehen“, prangerte Entwicklungsminister Gerd Müller Ende vergangener Woche das Thema auf der internationalen Tagung „Policies against Hunger“ an. Bereits zum 12. Mal trafen sich Politiker und Wissenschaftler unter diesem Motto in Berlin. Hunger ist aber nicht nur eine Aufgabe der Politik, ergänzte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, sondern eine gemeinsame Aufgabe: „Die Hälfte der Welt ist auf der einen oder anderen Seite fehlernährt. Auf der anderen Seite sehen wir Adipositas nicht nur in den entwickelten Ländern.“ Das Ziel sei klar: „Ackern für eine gute Ernährung!“.

„Eine Welt ohne Mangelernährung 2030 ist machbar“, sagte Schmidt. Nachernteverluste, Infrastrukturprobleme und fehlende Lagermöglichkeiten beseitigen die Probleme nicht, beklagte Schmidt. Müller will die Produktivitätssteigerung forcieren, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren und mit der Unterstützung von Frauen einen wesentlichen Baustein der Familienbetriebe im ländlichen Raum stärken. Die sich urbanisierende Welt brauche einen neuen Ausgleich zwischen Stadt und Land. Es müsse mehr aufgeforstet, die Landrechte abgesichert werden. Alles nicht neu, weiß Müller: „Es ist uns noch nicht gelungen, Christian“, sagte er zu seinem Parteikollegen.

Der Tagungsort Auswärtiges Amt unterstreicht die internationale und politische Bedeutung des Themas, erklärte Patricia Flor vom AA. Die Lösung liegt in der multinationalen Querschnittsaufgabe von Vereinten Nationen, der FAO, WHO und dem World Food Programm. Deutschland wird das Thema Landwirtschaft und Wasser im nächsten Jahr zu einem Schwerpunktthema seiner G20-Präsidentschaft machen.

Neuer Ansatz SGD

Nach sehr langer Anlaufphase hat die internationale Gemeinschaft das „Recht auf Nahrung“ auf der Basis des UN-Sozialpaktes 1976 im Jahr 2003 zu freiwilligen Leitlinien ausgearbeitet. Das hilft den Teepflückerinnen in Assam wenig, weswegen Nichtregierungsorganisationen wie FIAN die Tagung auch kritisierten. Die Agrar- und Handelspolitik vernachlässige die Kleinbauern. Da hilft derzeit auch wenig, wenn die Social Development Goals (SDG) das Thema Hungre in allen 17 Punkten mehr oder weniger anspricht. Doch bleibt dieser politische Ansatz für Hilal Elver, UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung, wichtig. Er legitimiere die Staaten, dem Thema und damit dem ländlichen Raum mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Während die SDG mehr universell blieben, habe das Recht auf Nahrung einen konkreten Ansatzpunkt vor Ort.

Mehr als 100 Länder haben die freiwilligen Leitlinien akzeptiert, einige Länder nicht, andere könnten es nicht, sagte Elver. Daher ist die Nahrungssituation zwischen den Regionen, zwischen den Ländern und auch innerhalb eines Landes und sogar innerhalb einer Familie unterschiedlich und erfordert verschiedene Ansätze.

Produktivität und Gesundheitssystem

Seit Mitte der 1990er Jahre gibt es in Afrika den Ansatz die Landwirtschaft umzuformen. Wachstum und Steigerung der Produktivität sind willkommen. Doch der Streit währt fort: Hilft die Förderung von Kleinbauernstrukturen oder die Großlandwirtschaft? Die Zukunft der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern liegt in einer Transformation hin zu einer Bewirtschaftung mit weniger Arbeitern. Das bedeutet jedoch nicht, dass nur noch große Traktoren und hohe Investitionen die Alternative sind. Two-Wheels-Tractors sollten zuerst eingesetzt werden. Die Betriebe bräuchten keine voll mechanisierten Arbeitsabläufe, schreibt Steve Wiggins vom Overseas Development Institute in London in „Rural 21“ [2].

„Die Entwicklung der Landwirtschaft hinkt deutlich hinterher“, beklagte Stineke Oenema, Koordinatorin der Ständigen Ernährungskomitees der UN. Oenema und Schmidt sind sich einige, dass Landwirtschaft alleine, Hunger und Fehlernährung nicht beseitigen könne. Es müsse eine Verbindung zum Gesundheitssystem geschaffen werden. Der Ansatz der SDG biete die Möglichkeit. „Der politische Wille ist da“, sagte Oenema.

Den neuen Ansatz verfolgt Sierra Leone. Landwirtschaftsminister Monty Jones ist erst seit fünf Monaten im Amt. Bis 2001 befand sich das Land in einem zehnjährigen Bürgerkrieg. Seitdem bastelt Sierra Leone an einer widerstandsfähigen Regierung und Gesellschaft. Jones hat Kontakt zu anderen Ministerien aufgenommen und will gemeinsame Programme für Gesundheit, Fischerei und Bildung aufstellen. So hat beispielsweise ein Ernährungsprogramm für Schwangere und Stillende die Kindersterblichkeit im Land gesenkt. Den Aufwand kann das kleine westafrikanische Land kaum alleine kaum bewerkstelligen und ist auf Partner angewiesen.

Viele Projekte

Die finden Politiker in der Industrie. Johannes Flosbach ist Direktor der Tropical General Investments (TGI) Group of Companies in Kenia und erreicht in Nigeria täglich 130.000 Konsumenten. „Jeder Zulieferer im ländlichen Raum ist ein Unternehmer“, erinnert Flosbach und lenkt den Blick damit auch auf die kleinen Händler, die ebenfalls Gewinn machen müssen. Ab dem 01. Juli werden in einem Projekt zur Erzeugung von Afrikanischen Welsen (Clarias gariepinus) mehr als 1.000 Kleinbauern mit der TGI zusammen arbeiten. Die TGI stellt die Besatzfischen. Für die Kleinbauern ist ein fairer Preis vorgesehen.

Ganz ohne Industrie wird es nicht gehen, wie die Europäischen Entwicklungstage Mitte Juni gezeigt haben. „Blending“ war das Schlüsselwort, was die Mischfinanzierung aus privaten und öffentlichen Kassen beschreibt. Die Gefahr, soziale Richtlinien außen vor zu lassen sind durchaus gegeben. Aber andererseits sind die vielen getreidebasierten Tierhaltungssysteme nicht in regionale Ernährungssysteme umzuwandeln, glaubt Direktorin Ann Tutwiler von General Bioversity International. Bei der Ernährungsversorgung geht es um Vielfalt. Es wird nicht das eine Lebensmittel geben, das satt macht und ausgewogen ernährt. Mit ihren Anreicherungsstrategien gegen Mangelernährung versuchen es Politik und Industrie immer wieder [3], obwohl Beispiele in Bangladesch gezeigt haben, dass sich über kleine Hausgärten die Vitaminversorgung ebenfalls verbessern lässt. Dafür aber muss ebenfalls moderne, oder verbesserte Technik eingesetzt werden. Tutwiler will mindestens ertragreichere Hirsepflanzen und eine Mechanisierung, die eine Steigerung der Produktivität verspricht einsetzen. Der soziale, ökonomische und ökologische Rahmen machen aus dem „Blending“ eine gute oder schlechte Idee.

Tshilidzi Madzivhandila aus Südafrika hat mit einem Hühnchen-Projekt eine Climate Smart Agriculture aufgezeigt, die Kleinbauern mit Fleisch und Eiern versorgt und ihnen beim Verkauf der Hühnchen ein zusätzliches Einkommen beschert. Das Ziel des Food, Agriculture and Natural Resources Policy Analysis Network (FANRPAN) [4] besteht in gezielter Ansätzen für eine Verbesserungen einer ausgewogenen Ernährung. Zum Start des Programms haben die Kleinbauern die Zweinutzungshühner gestellt bekommen. Später sollen sie sich selbst damit versorgen.

Einen anderen Weg geht Katja Kehlenbeck von der Fachhochschule Rhein-Waal. Obstbäume sind unterschätzte Versorger mit Nahrungsmitteln und können bei geeigneter Auswahl rund um das Jahr wechselndes Frischobst bereit halten. In Afrika wurden Bäume in den letzten Jahren als störend für eine maschinenbasierte Landwirtschaft angesehen. Mit Hilfe der verschiedenen Früchte ließen sich auch die von der WHO angestrebten jeweils 200 Gramm Obst und Gemüse am Tag erreichen. In manchen afrikanischen Ländern liegt der Verzehr bei weniger als 50 Gramm. Auch ein überregionaler Blick kann helfen. So wird in Südafrika aus pürierter Mango, Zucker und Bindungsmittel eine Masse hergestellt, die als „Mango Fruit Leather“ als eine Art Fruchtschnitte bekannt ist und mittlerweile auch in den USA als Healthy Food Furore macht – aber in Nigeria vollkommen unbekannt ist [5].

Und die Teepflückerinnen?

Für sie reichen Produktivität, Mechanisierung und Ernährungsbildung nicht aus. „Ernährung ist nicht nur dass, was wir essen“, hatte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zu Beginn der Tagung gesagt. Dazu gehören auch die Vermarktung, die Hygiene und der Zugang zu Ressourcen und Nahrung. Daran hakt es noch immer gewaltig, wie Katja Kehlenbeck ausführte. Der Erzeuger bekommt wenig Geld und falls die Nahrung in den Städten ankommt, dann können sich die Armen diese auch nicht leisten. „Wo auf diesem Weg bleibt das Geld?“

Zunächst einmal hat Indien alle Möglichkeiten die Sozialcharta und das Recht auf Nahrung sowie als Mitglied der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, die Verhältnisse in den Teegärten zu verbessern. Die Autoren des FIAN-Berichtes haben eine lange Liste von Ansätzen aufgeführt: Von Einhaltung des Lohniveaus bis hin zu Veränderungen der kulturellen Beziehungen zwischen Plantagenbesitzer und Teearbeiter. Ende 2015 hat die International Finance Corporation Besuche in den Teegärten abgeschlossen. Der Bericht wurde bislang noch nicht veröffentlicht. Das sei notwendig für gezielte Verbesserungen. Plantagenbesitzer müssen sich auf einen Mindestlohn einigen und die Akteure der Wertschöpfungskette sind aufgerufen, die UN Guiding Principles for Business and Human Rights einzuhalten. Dazu gehört die Zahlung eines fairen Preises an die Pflücker. Und nicht zuletzt können die Teetrinker in der ganzen Welt bei dem Produkt ihrer Wahl auch nach den Herstellungsbedingungen fragen.

Instrumente für die Realisierung eines fairen und satt machenden Arbeitslebens sind genug vorhanden. Es liegt am Willen der Beteiligten.

Lesestoff.

[1] Global Network for the Right to Food and Nutrition: A life withoput dignity – the price of your cup of tea, June 2016. Available on www.fian.org

[2] Steve Wiggins: Structural transformation and the future of agriculture, in: Rural 21. The International Journal for Rural Development, No 2/2016, pp 6

[3] SAFO-Konferenz

[4] www.fanrpan.org

[5] Fruit Leather soll auch so ähnlich sein wie Quittenbrot. Und ist in Deutschland ebenfalls noch unbekannt.

Roland Krieg

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