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Agrar-Reform auf dem Teller

Landwirtschaft

Agrar-Atlas und Ernährungsreport

Christiane Chemnitz

Zwischen Neujahr und der Internationalen Grüne Woche ist paralleler Aufgalopp von der Böll-Stiftung und dem Bundeslandwirtschaftsministerium. Am Mittwoch nutzten beide direkt hintereinander, aber getrennt, mit der Dressur-Übung „Ganze Bahn“ ihren Vorwärtsimpuls zu stärken. Mit dem Agrar-Atlas greift das Agrar-Bündnis mit seinen Vorschlägen in die Diskussion zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ein, Julia Klöckner setzt mit dem Ernährungsreport die von Vorgänger Christian Schmidt eingeführte statistisch abgesicherte Leistungsübung fort. Das Landwirtschaft und Esskultur etwas miteinander zu tun haben, ist heute nicht mehr so prägnant, wie vor nahezu 20 Jahren. Ernährungsministerin Julia Klöckner wollte keine Kausalitäten und Korrelationen zwischen Agrar-Atlas und Ernährungsreport zulassen. Doch gibt es sie.

Agrar-Atlas

Die Unzufriedenheit des Agrarbündnisses mit der europäischen und deutschen Agrarpolitik ist nicht neu. Die Flächenbindung der Direktzahlungen steht seit längerem im Fokus. Wer viel Fläche hat, bekommt viel Geld. Immerhin: Christiane Chemnitz von der Heinrich-Böll-Stiftung hat auch die Veränderungen der GAP anerkannt. Der lange Weg von der Ernährungssicherheit nach dem Zweiten Weltkrieg über Förderung der Produktion bis zu Butterbergen und Milchseen wurde mit Auflösung der Preisstützungen umgebaut. Seit der aktuellen Förderperiode ist das Greening ein Anfang für die Konditionierung der Direktzahlungen, deren Umfang für die neue GAP aktuell noch nicht feststeht. Die Widerstände kommen vor allem aus Osteuropa.

Hubert Weiger

In Deutschland verortet Hubert Weiger vom BUND die Widerstände im Bundeslandwirtschaftsministerium unter Einfluss des Deutschen Bauernverbandes. Vor allem die Futterwirtschaft habe mit preiswerten Eiweißimporten die flächenunabhängige Tierhaltung in Küstennähe aufgebaut. Die mögliche Weservertiefung bis Bremen komme den Futtermischwerken zugute. Dagegen haben die vielen kleinen Betriebe keine Chance.

Mit europaweit jährlich 60 Milliarden Euro für aktuell noch 28 Länder sind genug Finanzmittel für einen Umbau vorhanden. Auch an Ideen mangele es nicht, erklärte Chemnitz. Es fehlt der politische Wille, die Agrarpolitik kräftiger umzubauen.

Kernstück des Agrar-Atlas ist eine Umfrage bei Verbrauchern, welche Landwirtschaft sie wollten. Der Wunsch geht zu kleinen und mittleren Betrieben. Die sollen stärker gefördert werden. Doch welche Vorstellungen von einem kleinen Betrieb haben die Verbraucher wirklich? Der Milchviehbetrieb mit 25 Kühen und 20 Hektar auf Dauergrünland im Nebenerwerb kann auch mit 20 Cent Milchgeld überleben, weil er nur noch seinen Cashflow zu decken braucht. Der Stall ist aus den 1990er Jahren, der Traktor zehn Jahre älter. Dieser Betriebe überlebt nur noch, weil er einer Milchgenossenschaft angehört, die eine Abnahmegarantie für die Milch hat. Unbeantwortet bleibt auch die Vision, wie die vielen neuen Betriebe entstehen sollen und wo die Betriebsleiter herkommen sollen. Die Größe spielt keine wirkliche Rolle, wie Hubert Weiger sagt. Wenn ein 1.000-ha-Betrieb ökologisch wirtschaftet, sei es auch in Ordnung. Immerhin: In Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz ist der durchschnittliche Ökobetrieb schon größer als der durchschnittliche konventionelle Betrieb.

Weiger und Chemnitz wollen Subventionen nicht abschaffen. Dann gäbe es keine kleinen Betriebe mehr. Das Geld soll für andere Parameter genutzt werden. Die Umfrage zeigt, dass nur fünf Prozent der Befragten alle Subventionen für Betriebe abschaffen wollen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: 95 Prozent der Befragten wollen gar keine Marktpreise für rein unternehmerische landwirtschaftliche Betriebe zahlen, sondern setzen weiterhin auf Subventionen. „Das kann man so sehen“, gab Christiane Chemnitz gegenüber Herd-und-Hof.de zu, „muss man aber nicht.“

„Agrarpolitik für alle“ forderte die Agrarwisenschaftlerin. Der Preis setzt dem Gemeinwohl aber Grenzen. Die Ökobranche fürchtet den Bioland-Deal zu Jahresbeginn mit Lidl bereits seit Dezember. Der Naturkosthandel wird Milchkunden an den Discount verlieren. Auch der Biokunde kauft preisbewusst.

Julia Klöckner

Ernährungsreport 2019

Der auf einfache Umfragen basierende Ernährungsreport 2019 zeigt in seiner Tradition beeindruckende Ergebnisse: 71 Prozent der Befragten essen täglich Obst und Gemüse, nur bei 28 Prozent kommt täglich Fleisch auf den Tisch. 50 Prozent der Befragten achten auf das Biosiegel und ebenfalls die Hälfte ist bereit, fünf Euro mehr für ein Kilo Fleisch zu bezahlen, wenn es besonders tierfreundlich produziert wurde. Im Einkaufswagen sieht das ganz anders aus. Vor allem beim Bezahlen. Und jeder Ernährungsmediziner weiß, dass die Deutschen im Durchschnitt zu viel Fleisch und zu wenig Obst essen.

Deutlicher als in den Vorjahren traut sich Forsa-Chef Manfred Güllner einzuräumen, dass sich seine Ergebnisse nicht auf der Verhaltensebene widerspiegeln. Für tiefere Untersuchungen seien die gestatteten Ressourcen zu knapp.

Deshalb bleibt die Umfrage zu Jahresbeginn auch unter Klöckner auf Bestätigungsniveau für die Politik: Wir machen Tierwohl, ein staatliches Label, reduzieren Fett und Zucker und der überwiegende Teil der Befragten will die Lebensmittelverschwendung senken. Check! Die Politik macht alles richtig.

Ernährung und Landwirtschaft

Die Altersanalyse im Hintergrund zeigt nach Güllner, das junge Konsumenten wieder mehr Fleisch essen und sich weniger um Emissionen kümmern. Die Biobranche kennt das schon seit der BioFach im letzten Jahr und muss eine Generation neu für Bio anlernen. Der Ökolandbau funktioniert flächendeckend nur, wenn die Menschen ihr Ernährungsverhalten umstellen und mit dem Verzicht auf große Mengen Fleisch, Futterflächen und Emissionen einsparen. Aber warum etwas selber machen, wenn es andere für einen tun?

Gesund essen ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Die Ernährungsindustrie hält verschiedene Lebensmittel für eine reduzierte Aufnahme von Fett, Zucker und Salz bereit. Doch ist es leichter, die Verantwortung an die Politik zu übergeben, die mit einer freiwilligen Umsetzung der Reformulierung auf den Zug aufspringt. Eher, als dass sie den Gesundheitstrend „von oben“ setzt. Die Menschen wollen gesund essen, erwarten aber, dass die Politik sie gesund ernährt.

An der Kasse das gleiche Spiel. Tierwohl, Umwelt- und Klimamaßnahmen verteuern die Produktion. Doch anstatt den Landwirten die wirklichen Kosten zu bezahlen, erwarten 95 Prozent der Kunden, dass der Staat die Kosten mit Subventionen bezahlt, um das eigene Portemonnaie schlank zu lassen.

So etwas heiß Konsumentendemokratie: Ich will mehr Tierwohl und gesund essen. Gleichzeitig wenig Geld ausgeben. Meine Lieblingsprodukte sollen mich 100 Jahre alt machen. Neudeutsch heißt das Convenience. Der Blick in die Lebensmittelgeschäfte beweist, dass Kühlregale immer länger werden und vom Frühstück bis zur Mitternachtssuppe jeglichen Schmaus anbieten.  

Weder Julia Klöckner noch Hubert Weiger setzen Trends von oben. Sowohl der Agrar-Atlas als auch der Ernährungsreport hinken der Verhaltensebene hinterher. Immerhin verbalisieren sie ausgesprochene Wünsche der Verbraucher und schmücken sich mit einer präjustiziablen Vorreiterrolle. Die Abgrenzung, wer reagiert und agiert, verschwimmt. Was am Ende die Konsumenten aus der Politik übersetzen, kann beide zur Verzweiflung bringen.

Lesestoff:

Agrar-Atlas: www.boell.de

Ernährungsreport 2019 www.bmel.de

Roland Krieg; Fotos: roRo

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