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Agrarforschung in der Gesellschaft

Landwirtschaft

Interview mit DAFA-Sprecher Prof. Wiggering

In der letzten Woche fand das Forschungsstrategische Fachforum der Deutschen Agrarforschungsallianz in Berlin statt. Im Nachgang hat Herd-und-Hof.de mit DAFA-Sprecher Prof. Dr. Hubert Wiggering über die Herausforderungen der Agrarforschung gesprochen:

HuH: Klimawandel, Energiewende und Welternährung: Politik und Verbände suchen immer stärker Antworten bei der Wissenschaft, weil Entscheidungen wissensbasiert sein sollen. Gibt es einen Aufschwung in der Nachfrage nach Wissenschaft im Agrarbereich?

Hubert Wiggering: Die Fragen selbst sind nicht neu und die Agrarwissenschaften als systemische Wissenschaften setzen sich auch schon lange mit ihnen auseinander. Jetzt scheint sich die breitere Öffentlichkeit allmählich bewusst zu werden, dass gerade wir vielfältige Lösungsansätze zu den anstehenden Problemen bereithalten. Um die Expertise der Agrarforschung zu bündeln und ihrer Lösungskompetenz mehr Gewicht und ein Gesicht zu geben, haben wir vor 2 Jahren die DAFA gegründet.

HuH: Gleichzeitig reagieren Politik und Verbände stärker als zuvor auf wissenschaftliche Ergebnisse. Dort, wo diese nicht in das politische Konzept passen, werden Methodik und Schlussfolgerungen immer wieder öffentlich in Zweifel gezogen. Wird die Wissenschaft missbraucht?

Hubert Wiggering: Nicht per se. Auch die Wissenschaft muss sich immer wieder ihrer Rolle klar werden und deutlich machen, dass sie analysiert und dann lediglich Optionen als Lösungsansätze anbietet. Die Öffentlichkeit kann sich daraufhin ein Bild von der jeweiligen Situation machen und die Politik muss mit dieser Unterstützung letztendlich die Entscheidungen treffen. Wird dies auf die Wissenschaften abgewälzt, können diese nur an Glaubwürdigkeit verlieren, weil ganz einfach die Zuständigkeiten verkannt werden.

HuH: Was können Wissenschaftler dagegen tun?

Hubert Wiggering: Die Wissenschaftler müssen in aller Konsequenz die genannten Spielregeln der Politikberatung einhalten und dürfen sich keinesfalls vereinnahmen lassen.

HuH: Eine besondere Rolle spielen die Medien. Täglich gibt es Dutzende von Studien, die in den Redaktionen eintreffen. Selbst für Fachredaktionen ist die Aufbereitung eine schwierige Angelegenheit. Welchen Tipp geben Sie Lesern, damit sie eine sachliche Aufbereitung erkennen können?

Hubert Wiggering: Meines Erachtens wäre es zu einfach, wenn diese Herausforderung allein an die Leser weitergereicht würde. Es muss Aufgabe der Fachredaktionen bleiben, komplexe, schwierige Zusammenhänge adäquat aufzubereiten. Ist dies nicht möglich, sollte eine Rückkopplung mit den Autoren der Studien erfolgen, so dass „Übersetzungshilfen“ gegeben werde können. Wenn dann ein komplexer Zusammenhang schlüssig, in sich logisch „daherkommt“, dann merkt der Leser sofort, dass er sachlich korrekt aufbereitet ist.

HuH: Wissenschaft ist komplex geworden. Heute reicht es nicht mehr aus, die Wirkung einer neuen Substanz zu untersuchen, Die Ergebnisse sollen gleich sozioökonomisch und ökologisch bewertet und mit einem haushalterischen Mehrwert ausgestattet sein. Kann das die Wissenschaft überhaupt noch leisten?

Hubert Wiggering: Ja, unbedingt. Wissenschaften finden heute nicht mehr in „einem geschlossenen Raum“ und nur rein disziplinär statt. An Universitäten, Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie in der Ressortforschung müssen gleichermaßen disziplinäre Wissenschaftler wie interdisziplinär zusammengesetzte Arbeitsgruppen so kooperieren, dass jeweils die unterschiedlichen fachlichen Sichtweisen in die Beantwortung der anstehenden Fragen einfließen. Und trotz der jeweils unterschiedlichen „fachspezifischen Sprachen“ müssen hier in sich konsistente, verständliche Antworten gegeben werden. Dazu ist es notwendig, dass es neben den disziplinär ausgerichteten Wissenschaftlern auch Generalisten gibt, die dies beherrschen. Allerdings wird dies in den Wissenschaften immer noch nicht genügend gewürdigt. Während fachspezifische Publikationen in hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften über entsprechend anerkannte Bemessungsgrößen (impact factors) hohe Reputation versprechen, sind die Anreize für den Wissenstransfer eher gering. Hier mangelt es an allgemein anerkannten Bemessungsgrößen oder entsprechenden Kriterienkatalogen.

HuH: Wenn man so über die Grundlagenforschung der Agrarwissenschaften schaut und Einzelergebnisse zusammenträgt, dann kann man sich Wege vorstellen, dass die grüne Gentechnik mit der ökologischen Produktionsweise zusammen passen könnte. Kann sich ein Institut oder ein Wissenschaftler heute leisten, darüber einmal nachzudenken?

Hubert Wiggering: Es wäre für die Wissenschaften fatal, wenn dies nicht möglich wäre – ohne, dass dies etwas darüber aussagt, wie man persönlich zu bestimmten Fragestellungen, Technologien und/oder Produktionsweisen steht. Eine Gesellschaft kann sich aber nur ein Bild davon machen, ob etwas umweltverträglich, ökonomisch vertretbar und gesellschaftlich akzeptabel ist (man könnte auch von nachhaltig sprechen), wenn die wissenschaftlichen Hintergründe adäquat aufgedeckt sind. Erfolgen diese Untersuchungen nicht, bleiben wir bei einer rein spekulativen, oft emotionalen Diskussion stehen und dürfen uns nicht wundern, dass die Fragestellung immer wieder neu aufkocht und immer ungelöst bleibt.
Auch hier gilt: Die Wissenschaften zeigen lediglich die notwendigen Fakten auf. Auf dieser Basis muss dann in einem gesellschaftlichen Prozess ausgehandelt werden, welche Technologien wir akzeptieren wollen. Die Wissenschaften können der Politik und der Gesellschaft die Entscheidungen nicht abnehmen.

Vielen Dank Herr Prof. Wiggering.

Die Fragen stellte Roland Krieg

Lesestoff:

Forschungsstrategisches Fachforum der DAFA:

roRo

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