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Aigner besucht Brandenburger Milchviehbetrieb

Landwirtschaft

Die Hilfen für Milch werden kleiner

Ilse AignerIn der „größten Krise des Milchmarkts“ zieht es die Bundespolitik in die Milchviehställe. Am Dienstag besuchte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner zwei Milchviehbetriebe im Süden Brandenburgs. Der erste bestach durch seine Größe: 1.410 Milchkühe, 1.600 Stück Jungvieh, 2.100 ha Betriebsfläche. Zum einen zeigt die Auswahl, dass auch die großen Betriebe unter den niedrigen Milchpreisen zwischen 20 und 25 Cent leiden, zum anderen konnte die aus Bayern stammende Politikerin sich selbst von der Dimension eines LPG-Nachfolgebetriebes überzeugen. Ilse Aigner war sichtlich beeindruckt und hat sich beim Rundgang ohne Presse von den betrieblichen Sorgen der aktuellen Milchproduktion berichten lassen.

Vorzeitige Zahlung stopft nur Löcher
Die auf der letzten Agrarministerkonferenz (AMK) verabschiedete „Magdeburger Erklärung“ legte Wert auf die großen, alten Instrumente der Marktregulierung, wie Intervention und Exporterstattung. Weil seit einem Jahr weder Lieferstreik, noch Milchgipfel oder seit Januar die Wiedereinführung der Exporterstattung die Situation nicht wirklich geändert hat, werden die Instrumente feiner: Liquiditätshilfe über verbilligte Kredite und seit kurzem vorgeschlagen, die Vorziehung der Direktzahlungen aus dem Dezember auf Juni.
In der nächsten Woche werden am 28. April Hersteller, Verarbeiter und Verbraucher zu einem Runden Tisch eingeladen, bei dem es nicht nur bei der Milch, um einen fairen Ausgleich miteinander gehen soll. In dieser Woche noch soll Staatsekretär Gert Lindemann bei der EU für die Vor-Auszahlung der Gelder vorsprechen.
Den Strukturwandel aufhalten können die Hilfen nicht mehr. Ilse Aigner saGerd Sonnleitnergte, sie sei sich auch nicht sicher, ob die Vor-Auszahlung das richtige Instrument sei, denn wenn das Geld verbraucht sei, stünden die Bauern im September wieder vor dem gleichen Problem. Das besteht darin, so Wolfgang Sawade von der benachbarten Zinnitz- Groß Jehde GmbH mit 1,5 Millionen Kilo Milchquote im Jahr zu Herd-und-Hof.de, dass er wegen des niedrigen Milchpreises jeden Tag 500 Euro verliere.
Auch Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), sieht in der Vor-Auszahlung lediglich das Stopfen der aktuellen Löcher. Für die Stützung des Gesamteinkommens reiche das langfristig nicht aus.

Ilse Aigner und Dr Dietmar WoidkeKonjunkturpaket III
Die Landwirtschaftliche Rentenbank vergibt derzeit die preiswertesten Kredite mit 2,90 Prozent Zinsen, so Sonnleitner. Nicht nur er wünscht sich, dass das im Gespräch befindliche Konjunkturpaket III auch die Landwirtschaft berücksichtigen soll. Nach der Automobilindustrie, dem Handwerk mit erleichterten Steuerabsetzungen in Privathaushalten und den Banken, solle man dann auch endlich an die Bauern denken. Brandenburgs Agrarminister Dr. Dietmar Woidke unterstützt das: In Brandenburg hat die Ernährungsindustrie im Rahmen der Förderprogramme mehr als 100 Millionen Euro investiert. Das gehe nur, wenn die Betriebe ihren Anteil von bis zu zwei Drittel Eigenkapital auch verfügbar haben – daher das Ziel, die langfristige Liquidität der Betriebe zu erhalten.

Es gibt keinen großen Entwurf mehr
Ilse Aigner versprach, auch mit dem Handel zu reden, doch der ist nicht alleine schuld an den niedrigen Preisen. Das Milchforum des Deutschen Bauernverbandes in Berlin hat gezeigt, dass die Industrie der größere Abnehmer und Preisbildner bei der Milch ist. Und die Molkereien saßen beim Milchgipfel mit am Tisch.
MilchbauerndemoUdo Folgart, Milchpräsident des DBV, fasst die Misere denn auch knapp zusammen: Es ist nicht ein Mengen-, sondern ein Absatzproblem. Über alle Molkereiprodukte hinweg hat der Verzehr um sieben Prozent nachgelassen. Wenn Ilse Aigner, wie bereits auf der AMK, daran denkt, dass die Verbraucher wieder mehr Milch trinken sollten – dann werden manche wehmütig auf die CMA zurückblicken, die mit „Die Milch macht´s“ das Getränk zumindest im Blickfeld hielten. Jetzt müssen die Milch und regionale Molkereiprodukte einzeln an den Verbraucher gebracht werden.
Alles kann die Politik auch nicht mehr regeln, weiß Milchbauer Sawade. Aber es gibt einige Stellschrauben, die einigen Milchbauern weiterhelfen: Weg mit der Agrardieselsteuer, Vorziehung der Direktzahlungen und Einführung einer steuerlichen Risikoausgleichsrücklage. Das haben auch die Milcherzeuger des Landesbauernverbandes Brandenburg in einer Protestnote bei Aigner eingefordert.

Gunstregion Milch
Allen Milchbauern wird es aber nicht helfen. Ende der letzten Woche sagte Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsminister Eckhard Uhlenberg: „Unsere Bauern brauchen auskömmliche Milchpreise, wenn wir auf Dauer Milch aus heimischer Erzeugung in den Regalen haben wollen. Wir werden uns aber darauf einstellen müssen, dass die Preise in Zukunft sehr viel stärker schwanken als in der Vergangenheit. Das ist eine Folge globalisierter Märkte. Die Schweinehalter und Gemüsebauern kennen das schon seit vielen Jahren.“ Und da haben viele aufgegeben.
Der Bauernverband in Schleswig-Holstein sprach jüngst sogar von Gunsträumen für die Milchwirtschaft. In Dürreregionen und in Steillagen werde die Milchwirtschaft unrentabel, während hingegen „der Küstensaum vom Skagerrak bis zum Ärmelkanal ein Gunstraum für die Milchwirtschaft“ sei, so Milchexperte Peter Lüschow.
Müssen dann die Brandenburger und Berliner um ihre Milchbetriebe fürchten? „Nein“, sagt Dr. Woidke zu Herd-und-Hof.de. Die Brandenburger Böden sind für den Ackerbau wenig geeignet und in den nördlichen Grünlandregionen werde deutschlandweit die günstigste Milch erzeugt.

Roland Krieg (Text und Fotos)

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