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Alpweiden veröden ohne Bewirtschaftung

Landwirtschaft

Ohne Alpenwirtschaft verschwindet die Kulturlandschaft

Rund 9.500 Bergbauern bewirtschaften in Bayern 240.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche, von denen sich 40.500 Hektar so genannte Lichtweideflächen auf mehr als 1.400 Almen und Alpen befinden. Jedes Jahr zieht der Almabtrieb Heerscharen von Touristen für das traditionelle Spektakel an. Doch der Hintergrund der Almwirtschaft ist ernster als die meisten Verbraucher ahnen. Nicht umsonst hat das bayerische Landwirtschaftsministerium auf dem Lehrgut Spitalhof in Kempten in diesem Jahr den neuen Schwerpunkt Berglandwirtschaft gegründet. Die Berglandwirtschaft zu schützen ist sogar Europaaufgabe, wobei sich die Alpenländer regelmäßig über deren Zukunft treffen [1].

Schweizer untersuchen Urserntal

Der Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FNSNF) hat eine Arbeit über das Urserntal bei Andermatt veröffentlicht. Das wurde vor rund 800 Jahren besiedelt und der Wald wich der Kulturlandschaft. Auf dem Grünland weiden Schafe, Ziegen und Kühe. Von einst mehr als 100 landwirtschaftlichen Betrieben existieren heute nur noch 30 und die Grünerle drängt auf die Weideflächen. Vor allem auf den nur wenig zugänglichen Weideflächen wächst mittlerweile dichter Erlenbusch. Die Auswirkungen hat Erika Hiltbrunner zusammen mit Christian Körner von der Universität Basel untersucht.
Die Grünerle breitet sich rund 2,5 Mal schneller als der Wald im Alpenraum aus und hat innerhalb der letzten zehn Jahre um ein Viertel zugenommen. An Bachläufen und Lawinenstrichen zu Hause hat die Grünerle inzwischen die Nordhänge erobert. Bei gleicher Ausdehnungsgeschwindigkeit ist das Urserntal im Jahr 2045 komplett mit Grünerle besiedelt.

Eine Million Franken Verlust

Die Grünerle belastet die Böden mit hohen Nitrateinträgen. Sie lebt in Symbiose mit dem Strahlenpilz Frankia und kann Luftstickstoff in den Boden binden, wie die Leguminosen mit „ihren“ Knöllchenbakterien. Außerdem erhöht sich auf den Flächen mit Erlenbüschen und unbeweideten Gras die Verdunstung um bis zu 20 Prozent. Das Urserntal entwässert über die Reuss, deren Abfluss in den letzten 40 Hochsommern zurückgeht. Auf das gesamte Urserntal bezogen ist der Wasserabfluss aus dem Urserntal um die Menge zurückgegangen, mit der die Wasserkraftwerke zwischen sechs und 12 Gigawattstunden Energie produzieren könnten. Umgerechnet gehen so eine Million Franken an Energie verloren.

Das Engadinerschaf

„Mir ist´s unter allen Gegenden, die ich kenne, die liebste und interessanteste“. Das hat nach schweizerischen Quellen Johann Wolfgang Goethe zum Urserntal (Urser = Bären) gesagt, das er nachweislich 1779 dreimal durchwandert hat. Das Tal vor den Toren Andermatts wurde bereits in der Steinzeit besiedelt, die Römer haben ihre Spuren hinterlassen. Im 12. Jahrhundert sind die Walser eingewandert und haben auch die Alpbewirtschaftung aufgenommen. Das Tal liegt am Gotthard an der Kreuzung der Ost-West und Nord-Süd-Passrouten. Rund sechs Prozent der Fläche in Andermatt und Hospental sind landwirtschaftliche Nutzfläche.
Vielleicht hat Goethe auch schon das Engadinerschaf bewundert. Seit dem späten Mittelalter haben vor allem italienische Schäfer ihre Bergamaskerschafe mit einheimischen Schafrassen gekreuzt. Im Engadin entstand ein Schaf, die sich besonders an die harte Bergwelt anpasste und bald im ganzen Land genutzt wurde.
Der Ausbreitung der Grünerle zuzuschauen ist nach Christian Körner die schlechteste Option für das Tal. Hilfe erhalten sie von den Engadinerschafen, die von den Grünerlen die Rinde abschälen. Dadurch wird der Zuckertransport von den Blättern in die Wurzeln unterbunden und parasitische Pilze befallen die Grünerlen. Die Nutzung der Engadiner Schafe ist daher eine der wirksamsten und einfachsten Maßnahmen gegen die Grünerle und ihre Folgeschäden.
Einen Haken gibt es dabei: Der finanzielle Mehrwert einer nachhaltigen Landnutzung reicht derzeit nicht aus, das Offenhalten der Kulturlandschaft zu gewährleisten.

Lesestoff:

Berglandwirtschaft schützen

Roland Krieg; Foto: FNSNF

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