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Arbeiten mit den Schönen und Duftenden

Landwirtschaft

Besuchermagnet Blumenhalle auf der IGW

Blumenhalle IGW 2020
Ich glaub´ ich steh´ im Wald

Die Aussteller auf der Grünen Woche in Berlin haben vielfach neue Hallen bekommen. Die Blumen nicht. Sie wachsen weiterhin in Halle 9, wo die Vorarbeit für die Internationale Grüne Woche am längsten dauerte und die Details ein Augenschmaus sind. „Ich glaub´, ich steh´ im Wald“ – so idyllisch wurde das Zentrum der Blumenhalle aufgebaut. Schon die ersten Stufen herauf zur Halle 9 lassen Besucher schnell vergessen, wo sie sind. Weg von Schmorbraten, Wodka und Brot, duften die blühenden Stars ihren Gästen entgegen.

Wirtschaftsfaktor Gartenbau

Der Zentralverband des Gartenbaus (ZVG) rückt auf der Grünen Woche jährlich seine Blütenpracht und Wirtschaftskraft entgegen. Die vergänglichen Schönen verführten Konsumenten zu einem Jahresumsatz 2019 in Höhe von 8,9 Milliarden Euro. Dahinter verbirgt sich ein unterschiedliches Sortiment von Schnittblumen, die mit 34 Prozent den größten Umsatzanteil stellen, gefolgt von Beet- und Balkonpflanzen (21 %) sowie Obst- und Ziergehölze mit 16 %.

Konsumenten haben dem  Markt einen Rekordumsatz mit einem Plus von 2,7 Prozent beschert. Jeder Bundesbürger gibt im Schnitt 108 Euro für das Grün in Garten und auf dem Balkon aus. Comeback feiert die Schnittblume mit durchschnittlichen 37 Euro pro Kopf. Gartenbesitzer geben durchschnittlich 52 Euro pro Kopf aus. Dabei verlief das Jahr 2019 alles andere als gut. Nach einem guten Start in den Frühling haben Hagel und Regen bis auf dem Staudenmarkt das Geschäft vermiest.

ZVG-Präsident Jürgen Mertz und stellvertretender Generalsekretär Hans Joachim Brinkjans (v.l.)
ZVG-Präsident Jürgen Mertz und stellvertretender Generalsekretär Hans Joachim Brinkjans (v.l.)

Zum Gartenbau gehören Obst und Gemüse. Die Unternehmen waren ebenso schlechter  Witterung ausgesetzt. Nach dem Blütenfrost 2017 und einer Überproduktion 2018 haben Frostnächte im halben April wieder Blüten zerstört. Mit 912.000 Tonnen fiel die Kernobsternte 2019 gegenüber dem Vorjahr um 17 Prozent niedriger aus. Der Gemüsebau kam glimpflicher davon. Der Pro-Kopf-Verbrauch stieg auf über 100 kg und konnte beim Selbstversorgungsgrad auf 38 Prozent zulegen. Mit 2,9 Milliarden Euro weist der aktuelle Geschäftsbericht des ZVG dreimal so viel Verkaufserlös mit Gemüse aus wie Obst mit einem Produktionswert von einer Milliarde Euro.

Auch die Friedhofsgärtner haben ihre Interessensvertretung beim ZVG untergebracht. . Auch sie mussten im Rahmen der Pflegeverträge gegen Hitze und Trockenheit mit mehr Personal und Aufwand ankämpfen. Zum Teil konnten neue Aufträge wegen Personalmangel nicht mehr angenommen werden.

Die sieben Gärtner-Berufe

Zierpflanzen, Obst- und Gemüsebau sowie Friedhofsgärtnerei: Das sind vier Beispiele, wo Gärtner dringend gesucht werden. Insgesamt gibt es sieben Gartenbauberufe. Anja Hübner ist Projektkoordinatorin für Bildung und Forschung im ZVG. In der Blumenhalle führt sie jeden Tag vier Schulklassen mit 20 bis 25 Schülern herum. Blumen und Gartenbau passen in die Zeit für allgemeines Naturinteresse. Neben den genannten Fachrichtungen gehört zum Gärtner auch der Garten- und Landschaftsbau (GaLa). Städte müssen im Rahmen des Klimawandels resilient gegen hohe Temperaturen werden und den Menschen eine gute Umgebung sichern. Mit Pflanzen, Holz und Wasser wird der GaLa in den Städten bei Planung und Umbau künftig immer wichtiger.

Tulpe

Schulgärten sollen schon die Grundschüler mit der Natur in Kontakt bringen. Primeln und Mohrrüben setzen oftmals die ersten Akzente, die vom ZVG erweitert werden wollen. Je älter die Kinder werden, desto differenzierter werden Berufswünsche und Lebensziele. Mit dem Berufspraktikum bekommen die meisten eine weitere Chance, sich ihren Berufswunsch im Detail anzusehen. Die Berufswahl ist heute komplex geworden. Betriebe bewerben sich heute eher bei den Auszubildenden als umgekehrt. Die Mitarbeiterbindung wird wichtiger. Vor allem bei den Grünen Berufen muss anstehende Wochenendarbeit mit einem Freizeitausgleich „verrechnet“ werden. Jugendliche aus der Großstadt sind heute weniger mobil als frühere Generationen und bevorzugen Ausbildungsbetriebe in Stadtnähe. Der ZVG mischt auf allen Ebenen bis hin zu den Landesgartenschauen mit und bringt sich bei Jugendlichen ins Gespräch. Selbst die Eltern müssen bei der Berufswahl angesprochen und überzeugt werden. Mittlerweile gilt der Baumpfleger schon als „achte Ausbildungsrichtung des Gartenbaus“. Baumkontrolle, Lichtraumprofile, dynamische Kronensicherung oder der Schnitt an Jungbäumen müssen wohl geplant sein und setzen Fachwissen voraus.

Anja Hübner vom ZVG
Anja Hübner leitet Ausbildung und Forschung im ZVG

Anja Hübner legt deshalb Wert auf eine hohe Ausbildungsqualität. Die Auszubildenden können mit hoher Eigenverantwortlichkeit den Weg vom Praktikum bis zum Hochschulabschluss wesentlich selbst gestalten. „Es ist auch schon „fünf nach Zwölf“, sagte sie zu Herd-und-Hof.de. Der Fachkräftemangel macht sich bei den grünen Berufen bemerkbar – nur beim Gärtner selbst sind die Ausbildungszahlen stabil.

Deshalb motiviert sie Schulklassen bei den wichtigen Themen wie Insekten und Artenvielfalt, die auf den Pausenhöfen gesellschaftspolitisch diskutiert werden. Wer freitags bei „Friday-for-Future“ mitläuft könnte sich doch am Montag um die Praxis kümmern? [1]

Troffrei-Substrat vom ZVG

Problemlösung: Torfersatz

Nur wenige Schritte weiter steht mit torflosem Substrat die neue Generation der Pflanzensubstrate. Der Klimaplan der Bundesregierung will den Einsatz von Torf bis 2050 deutlich einschränken. Torf ist das humusreiche Substrat für das Pflanzenwachstum schlechthin. Doch in Deutschland ist die Ressource endlich, der Abbau setzt Klimagase frei und politisch steht die Wiedervernässung von Niedermoorstandorten aus Klimaschutzgründen an.

In Niedersachsen wurden 2012 rund sieben Millionen Tonnen Torf abgebaut. Derzeit hat sich der Abbau nahezu halbiert, für das Jahr 2037 prognostiziert die Landwirtschaftskammer ein Abbauvolumen von 0,5 Millionen Tonnen. Viele Substrate bieten sich als Ersatz für Torf an. Zwischen acht und zehn Millionen Kubikmeter werden jährlich für den Profi- und Hobbybereich gebraucht. Kompost, Holzfasern, Rindenhumus und Kokos sind die derzeit heißesten Kandidaten für den Substratsack.

Doch damit die Pflanzen mit dem Substrat klar kommen, müssen pH-Wert und Salzgehalt niedrig sein, die Pufferung für Wasser und Luft hingegen möglichst hoch. Das Substrat muss frei von wachstumshemmenden Stoffen sein; deswegen ist Bio-Kompost aus Lebensmittelabfällen nicht geeignet. Sie weisen zudem eine zu hohe Nährstoffdichte auf. Ersatzsubstrat muss frei von Schädlingen und Unkrautsamen sein. Dr. Hans Joachim Brinkjans ist stellvertretender Generalsekretär im ZVG und weiß genau, worauf es ankommt. Aktuell wird beispielsweise an Torf aus Deutschland gespart, was aber gebraucht wird, kommt derzeit aus dem Baltikum. Doch auch an der Ostsee wird über eine Reduzierung des Torfabbaus diskutiert. Die Angelegenheit drängt.

Kokos ist derzeit der Renner bei den Substraten. Drei Viertel des weltweiten Bedarfs stellt derzeit Indien. Etwa die Hälfte der rund 8,5 Millionen Tonnen kommen vom Subkontinent. Kokos hat viele Vorzüge: Die Struktur ist stabil, es gibt nur eine geringe Stickstoff-Immobilisierung, das Kokossubstrat hat ein geringes Gewicht. Das wird bei der Substratsuche unterschätzt, sagt Brinkjans zu Herd-und-Hof.de. Die meisten Substrate des ZVG ersetzen Torf bis zu 50 Prozent und erhöhen dabei das Gewicht. Für die Transportlogistik ist das eine Kostenfrage. Kokos kann hohe Salzgehalte aufweisen. Das RAL-Gütezeichen bei Kokos und das Siegel der Bundesgütegemeinschaft Kompost zertifizieren gute Qualitäten.

Primel

Gartenbau und Landwirtschaft

Künftig überschneiden sich Gartenbau und Landwirtschaft noch mehr. Die Wiedervernässung der Niedermoorstandorte wird die Ackerbauern zu einem disruptiven Wechsel zwingen. Ackerbaukulturen lassen sich bei bodennahem Wasserspiegel nicht mehr anbauen. Die Universität Greifswald forscht bereits seit Jahren über Torfmoos (Sphagnum). Landwirtschaftsminister Till Backhaus plant bereits erste Pilotregionen. Torfmoos ist ebenfalls ein wertvolles Ersatzsubstrat für Torf. Steigt der Ackerbau in die Torfmoosproduktion ein, hilft er dem Gartenbau bei zwei Problemen: Sicherung der Rohstoffversorgung und Bereitstellung von guter Qualität.

Lesestoff:

[1] https://www.beruf-gaertner.de

ZVG: https://www.g-net.de

Roland Krieg; Fotos: roRo

© Herd-und-Hof.de Nutzungswünsche: https://herd-und-hof.de/impressum.html

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