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Aus den Seelen gesprochen

Landwirtschaft

Klöckner dankt Bischöfen, die sich bei Bauern bedankt haben

Mitte Juli haben die Bischöfe Franz-Josef Bode aus Osnabrück, Heiner Wilmer aus Hildesheim und Weihbischof Wilfried Theising aus Vechta einen Brief an die niedersächsischen Bauern veröffentlicht. Sie haben sich bei den Landwirten ausdrücklich bedankt, dass die Bauern in der Pandemie „für eine intakte Versorgung“ gesorgt haben, auch wenn es in manchem Gartenbaubetrieb an Saisonarbeitern fehlt. „Für Ihrer aller Mitwirkung daran, dass die Menschen in unserem Land täglich frische Lebensmittel einkaufen und genießen können, danken wir Ihnen von Herzen.“ Ganz besonders, weil neben der Pandemie, die Landwirte mit sinkenden Erzeugerpreisen und steigenden Produktionskosten zu kämpfen haben.

Die Kirche und das Land

Der Satz „Die Kirche im Dorf lassen“ weist auf den gemeinsamen Horizont von Kirche und Landwirtschaft hin. Die Kirche selbst ist in einer Krise sinkender Mitgliedszahlen, obwohl das nicht mit einem Abfall vom Glauben gleich zu setzen ist. Die Kirche ist oft die letzte Institution, nachdem alle anderen die Dörfer verlassen haben. Pfarrer und Pastoren „vor Ort“ sehen bäuerlichen Unmut meist als erste. Die Bischöfe schreiben: „Sie zeigen das insbesondere durch Demonstrationen, Mahnfeuer und das Aufstellen der grünen Kreuze.“ Neben Wetterunbilden erschwerten politische Entscheidungen die Lage auf den Betrieben.  

Die Bischöfe verweisen auf das Weser-Ems-Gebiet, wo mittlerweile vier „Runde Tische Kirche und Ländlicher Raum“ bestehen, die Landwirte, Landfrauen, Landjugend, Kirchenvertreter, Wissenschaftler und Regionalpolitik zusammenbringen. „Landwärts“ heißt die Richtung, mit der Kirchen „ihren Dank“ an die Landwirte umsetzen.

Kirche und Landwirtschaft sind seelenverwandt. Die katholische Kirche bekennt sich zur Schöpfungsverantwortung und bezeichnet heute damit die nachhaltige Entwicklung und den optimierten Einsatz landwirtschaftlicher Ressourcen wie Boden und Wasser. Für das Wohl von Mensch und Tier. Der Bischofbrief fußt hier auf den ökumenischen Diskussionsbeitrag „Neuorientierung für eine nachhaltige Landwirtschaft“ aus dem Jahr 2003.

Die Bewahrung der Schöpfung bezeichnen die Bischöfe als „DNA der Kirche“ und begleiten den „Niedersächsischen Weg“ der Landesregierung. Das ist das Maßnahmepaket für den Natur-, Arten- und Gewässerschutz im Verbund mit den Landwirten und repräsentiert einen Gesellschaftsvertrag von Bauern bis zu Verbrauchern. Auf Bundesebene setzt sich die Kirche für soziale Arbeitsbedingungen ein.

Katholikin Klöckner

„Mir wurde der Glaube in die Wiege gelegt“, sagte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner 2018 in einem Zeit-Interview. Modern erzogen fehlt es ihr heute nicht an Differenziertheit: „Glauben kann man nicht lernen. Aber der Glaube hilft mir, meine Begrenztheit zu akzeptieren.“ Sie wehrt sich gegen christliche Symbolpolitik und bekennt, dass „die Religion in einer Demokratie niemals über dem Gesetz stehen könne.“

Ihren Dankesbrief an die Bischöfe vom 06. August schrieben sowohl ihre katholische als auch die landwirtschaftliche Seele. Vor allem bedankt sie sich, dass sich eine weitere Stimme bei den Landwirten für ihre stetige Arbeit dankt. Der Brief zeige, „dass immer weiteren Teilen der Gesellschaft bewusst wird, vor welch´ großen Herausforderungen unsere Landwirtschaft steht“. Der Dank der Bischöfe aus dem ländlichen Niedersachsen ist „gut und richtig“. Die Erhöhung der Wertigkeit von Lebensmitteln können auch von den Kirchen an Verbraucher vermittelt werden. Bei dieser „gesellschaftlichen Debatte um die Ausrichtung unserer Landwirtschaft“ sollten alle gemeinsame Brücken bauen. „Wenn ich Sie dabei an unserer Seite weiß, ist das eine sehr hilfreiche Unterstützung.“

Die Bundespolitikerin nutzt die Gelegenheit, auf die Leistungen der Berliner Agrarpolitik hinzuweisen: Der Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz (NAP), Reduzierung von Düngemitteln und Antibiotika. Die landwirtschaftlichen Preise werden aber auch nicht mehr auf dem Wochenmarkt gebildet. Die Landwirtschaft steht vor großen Veränderungen, was sie traditionell gewohnt ist. „Wir müssen weg von pauschalen Anschuldigungen an den Berufsstand, die geprägt sind von Erwartungen an eine romantisierte Landwirtschaft, die es in der Realität nie gegeben hat – oder die die Menschen nicht ernährt.“

Mit dieser Kritik bezieht sie kirchliche Gruppen mit ein, die solche Forderungen hervor tragen: „Hier und bei vielen anderen Punkten würde ich mir aus den zahlreichen kirchlichen Organisationen oft mehr konstruktivere Unterstützung wünschen.“

Kirche und Bauern

Die Kirchen haben mehr mit der Landwirtschaft zu tun, als die meisten denken. Sie gehören zu den größten Verpächtern von Ackerland und Grünland In Deutschland. Wer verpachtet, bestimmt auch darüber, was der Pächter mit dem Land macht und was er zu unterlassen hat. Bevor die EU-Realität den Anbau gentechnikveränderter Pflanzen unmöglich gemacht hat, nutzten regionale Kirchenverpächter die Chance und schrieben ein Verbot in die Pachtverträge hinein.

Der Bauernverband empfand das Diskussionspapier der Kirchen schon im Jahr der Herausgabe 2003 als irritierend. Das Wort „Neuordnung“ war geradezu eine Provokation [1]. Die „Integration von Landwirtschaft und Naturschutz“ empfinden die Landwirte als Einmischung in die bäuerliche Praxis. Bei einer zweiten Ausgabe wollen die Landwirte unbedingt ins Autorenteam.

Schöpfung und Bauern

Der Kirchenkreis Regensburg hat eine Sammlung verschiedener Gebete veröffentlicht. Die Tischgebete drehen sich fast ausschließlich  um die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Engpässe wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa geschlossen. Ähnlich jung ist die Entwicklung des modernen Pflanzenschutzes. Weil Schaderreger immer wieder für Hungersnöte durch Ernteausfälle sorgen, wusste sich die Kirche im Mittelalter nur noch mit „Insektenprozessen“ zu helfen - bevor die Wissenschaft Verursacher bei Pilzen, Bakterien und Viren fanden und gezielt auch gegen Insekten vorgehen konnte.

Die Interpretation der Tischgebete durch den Autor zeigt unterschiedliche Gewichtungen, wem die Menschen genau gedankt haben [2]:

O Gott, von dem wir alles haben, wir danken dir für deine Gaben,
du speisest uns, weil du uns liebst, drum segne auch, was du uns gibst. (Gott als Landwirt)

Wir danken dir, Herr Jesus Christ, dass du unser Gast gewesen bist.
Bleib du bei uns, so hat's nicht Not, du bist das wahre Lebensbrot (Brot als metaphysisches Symbol für das Leben und Brot als Speise)

Herr, gib uns unser täglich´ Brot, segne Mahl und Rast.
Sei in Freude und in Not unser Herr und Gast. (Hier darf der Dank dem Landwirt gelten, der mit göttlichen Gaben wie Boden. Wasser, Nährstoffe, Düngemittel und Arbeitskraft (betrieblicher Input) das bäuerliche Investment (Saat) zur Ernte (Ertrag) bringt.)

Sachverwaltung der Schöpfung

Die letzte Interpretation bedrängt die christliche Schöpfung. Auf der Zwischenbilanz-Konferenz zeichnete Prof. Markus Vogt von der LMU München den Wandel auf. Er bezeichnete die Landwirte mit allen chemisch-physikalischen Inputs als „Sachverwalter der Schöpfung“. Eine dynamische Grenze, mit der auch Naturwissenschaftler zurechtkommen.

Das „Urgeschäft der Kirchen“ sei allerdings die Seelsorge, sagte Vogt. Das haben die Kirchen hinter sich gelassen. Im Zeit-Interview kritisierte Klöckner, die Kirchen beschäftigten sich mehr mit der Tagespolitik als mit der klassischen Seelsorge.

Was sie vor zwei Jahren genau meinte, kann am 06.07.2020 bei der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) nachgelesen werden. Die EKHN führte ein Interview mit der Agraringenieurin  Maren Heincke vom EKHN-Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung (ZGV) über das Thema Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen. Der Titel wurde eindeutig: „Fleischskandale: Was Julia Klöckner jetzt tun muss“.

Die Ministerin verweist in ihrem Brief an die Bischöfe auf die gerade zusammengestellte Zukunftskommission Landwirtschaft, deren Ergebnis durchaus ein Berliner Weg nach niedersächsischem  Vorbild werden kann. Allerdings möchte der frisch bestellte Vorsitzende „derzeit keine Interviews“ geben, wie das Ministerium Herd-und-Hof.de mitteilen musste. Beim Anfang ist Luft nach oben.

Lesestoff:

[1] Zehn Jahre ökumenisches Grundlagenpapier zur Landwirtschaft: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/nachhaltige-landwirtschaft-aus-sicht-der-kirchen.html

[2] https://www.regionalbischof-regensburg.de/Gebete  In dem Zusammenhang muss der Vollständigkeit halber auch das Tischgebet von Bart Simpson zitiert werden: „Wir danken Dir besessen, für dieses tolle Fressen“.

Roland Krieg

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