Bauern in der Stadtagenda

Landwirtschaft

ZALF im Agri

Allmende-Gärten auf dem ehemaligen Flugplatz Berlin-Tempelhof, der „Tomatenfisch“ im Container [1], bei dem Karpfen und Tomaten in einem geschlossenen System auf Parkplätzen gehalten werden können und Dachgärten. Einige von vielen Formen der Stadtlandwirtschaft in Europa. Die Urbanisierung im Süden wird ohne eine Landwirtschaft in der Stadt oder den Randbezirken nicht funktionieren. Doch auch im Norden entwickelt sich eine Sparte, die bald auch eine Branche werden kann und sich dadurch auszeichnet, dass Landbewirtschaftung in neuer Umgebung den traditionellen Bauern auf dem Land Konkurrenz machen.

Über den Stand der Landwirtschaft im städtischen und stadtnahen Raum haben am Dienstag Dr. Annette Piorr und Dr. Ingo Zasada vom Leibniz-Institut für Agrarlandschaftsforschung (ZALF in Müncheberg bei Berlin)  die Europaabgeordneten im EU-Agrarausschuss informiert. Erste Erkenntnis: Es gibt in der Stadt keinen bevorzugten Raum für landwirtschaftliche Aktivitäten. Die Nutzung von Flächen kann direkt am Stadtrand, in Kleingärten, neuen Siedlungen, auf brach liegenden Industrieflächen oder auch mitten im Zentrum auf dem Dach stattfinden.

Die Nutzung bringt kürzeste Lieferwege hervor, steht jedoch zum Teil im Konflikt mit anderen Stadtnutzungen auf der Fläche. Im Gegensatz zu den professionellen Landwirten sind die Betreiber von Stadtgärten meist ohne landwirtschaftlichen Hintergrund zur Erzeugung von Kohl und Gewürzen gekommen. Viele arbeiten auch nicht geschäftsorientiert, sondern verbinden die Erzeugung von Nahrungsmitteln mit bestimmten Lebensstilen. Allerdings gibt es auch Geschäftsmodelle für Wochenmärkte, die das große Spektrum bis hinunter zur Eigenproduktion von Tomaten für die eigene Küche abrunden.

Es gibt auch eine Tierhaltung, im Vordergrund stehen aber landwirtschaftliche und gärtnerische Erzeugnisse, die hoch spezialisiert auf kleinstem Raum produziert werden können. Gemüse und Obst steht dabei ganz vorne, Speisepilze gewinnen immer mehr Freunde in der Stadt.

Wer die Landwirtschaft einigermaßen professionell betreibt, kann von der Kundennähe profitieren und ein Zusatzeinkommen erwirtschaften. Neben den Umwelteffekten und der Vorliebe für ökologische Bewirtschaftung, dürfen im Rahmen der städtischen Landwirtschaft auch die sozialen Gewinne nicht vernachlässigt werden. Der Zusammenhalt zwischen mehreren Betreibern und die Beziehung zwischen Kunde und Erzeuger stärkt die Kommune und fördert soziale Interaktion. Daher werden einige Betriebsformen auch aus therapeutischen und Ausbildungsgründen durchgeführt.

Die größte Beschränkung der städtischen Landwirtschaft ist der knappe Raum. Geschäftsmodelle investieren daher in Hightech-Anlagen, um ein Maß an Produktivität zu erzielen. Das professionalisiert die Erzeuger und bringen sie aus der Nische heraus. Das kann für stadtnahe bäuerliche Familienbetriebe interessant für eine Diversifizierung ihres Betriebes werden. In den Entwicklungsländern tragen landwirtschaftliche Modelle in der Stadt zur Ernährungssicherheit bei.

Die Politik hat die Möglichkeiten längst aufgegriffen. Mitten in der Stadt werden die Erzeuger wohl kaum über die beiden Säulen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) gefördert werden, wohl aber im stadtnahen Raum könnte es im Rahmen des Jungbauernprogramms möglich werden. Die öffentliche Konsultation zur GAP nach 2020 hat den Wunsch nach einer engeren Verzahnung zwischen Stadt und Land hervorgebracht, die über die verschiedenen Agrarmodelle in der Stadt umgesetzt werden kann. Die Mitgliedsländer können selbst entscheiden, inwieweit sie die städtische Landwirtschaft im GAP-Rahmen fördern wollen. In der übergeordneten Politik spielt diese Form der Nahrungsmittelerzeugung eine Rolle in der EU-Kreislaufwirtschaft 2018, wie auch in der Umweltpolitik für grünere und gesündere Städte.

Vorangetragen wird die Stadtlandwirtschaft durch Bürgermeister, die im „Milan Urban Food Policy Act“ von 2015, der Bewegung ordentlich Schub gegeben haben.

Lesestoff:

http://www.zalf.de/

http://www.milanurbanfoodpolicypact.org/

[1] Aquaponik macht ernst: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/urban-farming-macht-ernst.html

Die Vielfalt der urbanen Gartenprojekte: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/die-grosse-welt-der-kleinen-gaerten.html

Roland Krieg

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