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Bébé hollandais

Landwirtschaft

Europäische Milch als Markenprodukt in Burkina Faso

>Der Countdown für die nächste WTO-Verhandlungsrunde in Hongkong ab dem 13. Dezember läuft und was bei der entscheidenden Sitzung als Ergebnis erzielt werden wird steht noch aus, weil die Interessen der einzelnen Länder noch zu weit von einem Kompromiss entfernt sind. Gestern tagten in der katholischen Akademie in Berlin weitere Nichtregierungsorganisationen von Misereor, Gemanwatch und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft über den internationalen Agrarhandel und stellten insbesondere die Situation am Beispiel der Milch dar.

Badische Milch für Afrika
Tobias Reichert, freiberuflicher Gutachter zu den Themen Welthandel und Landwirtschaft stellte in seiner Studie für Misereor den Milchbetrieb von Max Mustermann aus Baden-Württemberg vor. 35 Kühe auf 24 Hektar Grün- und 6 ha Ackerland für Silomais. Die Hälfte des Betriebes gehört ihm selbst und er kann 210.000 kg Milch pro Jahr verkaufen, die ihm per Quote erlaubt sind. Davon sind allerdings 70.000 kg Quote hinzugepachtet.
Kosten: Für Futter, Bestandsergänzung, Tierarzt, Land- und Quotenpacht sowie für die Milchabholung durch die Molkerei summieren fallen rund 52.000 Euro pro Jahr an. Wertverluste für Traktoren, Melktechnik und Stall in Höhe von 18.000 Euro kommen hinzu. Da er keine Beschäftigten hat, kann er seinen Gewinn als Entlohnung für den eigenen Arbeitsansatz verrechnen.
Einnahmen: Für die Milch erzielt der badische Bauer rund 65.000 Euro im Jahr. Schlachtrinder erzielen rund 13.500 Euro und er bekommt für die Lage seiner Flächen in benachteiligten Gebieten eine Subvention vom Land Baden-Württemberg in Höhe von 8.300 Euro. Damit stehen den Gesamtkosten von 70.000 Euro gut 86.000 Euro als Einnahmen gegenüber - bei einem Milchpreis von 31 Cent pro kg. Von den 16.000 Euro Jahreseinnahmen muss der Bauer seine Krankenversicherung und Altersversorgung bezahlen. Und die Hälfte seines "Gewinns" erzielt er nicht durch den Verkauf seiner Produkte, sondern aus den Subventionen.
Mustermanns Molkerei, so Reichert in seiner Analyse weiter, kann beispielsweise 1.400 Tonnen Milch nicht mehr an den Lebensmittelhandel verkaufen, weil Discounter dem Einzelhandel diese Menge über Niedrigpreise streitig machen. Eine Exportfirma übernimmt die Milch und macht aus acht Kilo Vollmilch ein Kilo Vollmilchpulver (VMP), das besser zu transportieren ist. So kostet ein 25 kg Sack VMP 67,49 €, steht allerdings noch im Werk in Deutschland. Bis der Sack in der Hauptstadt von Burkina Faso, in Ouagadougou ist, fallen noch weitere 10 Euro Transport und Zoll an, so dass er in Afrika einen Wert von 78 Euro hat. Er kann allerdings nur zu Preisen zwischen 57 und 61 Euro verkauft werden. Damit sich der Export für die Firma rechnet, zahlt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Bonn eine von de EU festgelegte Ausfuhrerstattung in Höhe von einem Euro pro kg Milchpulver.

Europäische Milch schafft Armut
Im westafrikanischen Burkina Faso gibt es nur wenige moderne Milchviehbetriebe. Die dominierende Art der Aufzucht ist die traditionelle Wanderviehhaltung, berichtete Pater Maurice Oudet, der seit über 40 Jahren in dem Land lebt und zur Gesellschaft der Afrikamissionäre (Weiße Väter) gehört. Die Nomaden der Peul betreiben Herden zwischen 5 und 20 Tieren und schließen sich gelegentlich zu größeren Gruppen zusammen.
Sie hüten 70 Prozent des nationalen Viehbestandes. Futter wird meist nicht zugekauft und sie beweiden Land, dass ihnen nicht selbst gehört. Die Milchausbeute umfasst zwischen drei und zehn Litern pro Tag.
In den 1960er Jahren lebten 4 Millionen Menschen in Burkina Faso. Heute sind es bereits 13,6 Millionen. Das weitere Wachstum führt zur Verdrängung der Nomaden, weil die Zugänge zu Weide- und Ackerland erschwert werden. Für die Erschließung des Einkaufs- und Wohnviertel "Ouaga 2000" in der Hauptstadt wurden die Nomaden regelrecht von den Weideflächen vertrieben. Pater Oudet fürchtet, dass in einigen Jahren die traditionelle Viehhaltung verschwunden sein wird.
Die Kühe geben rund 110 kg Milch pro Jahr, wobei die Versorgung des Kalbes an erster Stelle steht. Erst danach können die Frauen in ihrer traditionellen Aufgabenverteilung die Milch vermarkten und beispielsweise gegen Hirse tauschen. Weiterverarbeitet wird die Milch in Kleinstmolkereien zu Dickmilch. Die meisten verarbeiten nur bis zu 30 Liter Milch pro Tag. Für eine kontinuierliche Produktion reicht die heimische Milch nicht aus, denn in der Trockenzeit geben die Kühe wesentlich weniger Milch. Zum Ausgleich greifen die Molkereien auf importiertes Vollmilchpulver zurück - aber auch, weil es billiger ist.
Ein Liter Milch aus dem europäischen VMP-Sack kostet umgerechnet 30 Eurocent pro Liter. Die heimische Frischmilch wird für 45 Cent an die Molkereien geliefert. Die heimische pasteurisierte Milch aus der Molkerei kostet 75 Cent.
So orientieren sich die westafrikanischen Verbraucher an Marken wie Kerrygold oder France Lait. Sehr beliebt ist auch der Genuss von Kondensmilch der niederländischen Marke "bébé hollandais", so dass die Burkiner für ein pummeliges, gut genährtes Kind bereits den Markennamen als Bezeichnung übernommen haben. Neben dieser importierten Markenprägung wird sich als weiterer Nebeneffekt keine einheimische Milchindustrie entwickeln, obwohl eine Million Viehhalter in Burkina Faso, zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, das Potenzial dazu hätten. Da den Frauen der rentable Absatz der Milch nicht mehr gelingt, können sie für die Trockenzeit kaum noch Futter hinzukaufen: Die Kühe geben dann keine Milch mehr. Außerdem muss der Staat etliche Devisen aufbringen, um die Importe bezahlen zu können. Pater Oudet will mit einem örtlichen Radiosender für den Verbrauch einheimischer Milch werben und mit dem nationalen Bauernverband dafür werben, dass der Zoll für die Importprodukte von fünf auf 60 Prozent erhöht wird. In Ostafrika hat das funktioniert: Kenianer trinken wieder heimische Milch.

Zölle rauf und Subventionen runter?
Das Fallbeispiel Milch zeigt deutlich den verzerrten Agrarhandel. Der badische Bauer entspricht natürlich nicht den regionalen Gegebenheiten in Ostdeutschland. Hier sind die Betriebe viel größer und haben etwa die 20fache Menge an Milchtieren. Prof. Martin Hofstetter von der Universität Kassel kann die Bauern aber nicht beruhigen, denn deren Kosten sind fast doppelt so hoch, wie bei den kleinen süddeutschen Betrieben. Sinkt der Milchpreis weiter, dann kann der badische Betrieb zwar noch auf seinen "Gewinn verzichten", aber der ostdeutsche Betrieb seine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Die Molkereien haben aber ein Interesse an billiger Milch, weil sie nur der Rohstoff ist, den die großen Genossenschaften, wie Campina, als internationales Handelsunternehmen zu höherpreisigen Käse weiter verarbeiten können. Käse kann Europa weiterhin nahezu ohne Wettbewerb weltweit am besten absetzen.
Die WTO steht also vor der schwierigen Herausforderung, nicht nur den Nord-Süd-Handel gerechter zu gestalten, sondern den Handel so, dass alle Bauern im Norden und Süden ihr gerechtes Auskommen haben.
Setzt Burkina Faso seine Importzölle rauf, dann könnten die heimischen Bauern wieder rentabel in die Milchproduktion einsteigen. Zahlte die EU keine Ausfuhrerstattung würde es sich verständlicherweise nicht mehr gehen, VMP tausende Kilometer entfernt billiger anzubieten. Was also macht die Einigung bei der WTO so schwer?

Zu viele Interessen
Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft stellte gestern die Frage, was die Europäer überhaupt an Landwirtschaft und Landschaft haben wollten. Sollte die Landwirtschaft in Europa nicht ganz eingestellt werden, um den Entwicklungsländern eine Exportmöglichkeiten zu geben, um ihre Volkswirtschaften zu entwickeln? Da aber die Liberalisierung nicht alle satt und reich mache, müsse man fragen, wem das schleifen der Zölle und die billigen Lebensmittel dienen könnten: "In Hongkong müssen die Interessen auf den Tisch!" Nicht jede Subvention in Europa ist eine Exportsubvention, denn die 8.000 Euro für den badischen Bauern retten seinen Gewinn. In den Export gehen die Subventionen, die sich mit 300 Euro/ha für einen 400 Hektarbetrieb auf 120.000 Euro beziffern. Zudem müsse man sehen, dass die Überschüsse Europas nicht hier gewachsen sind. Nach Europa werden die meisten Lebens- und Futtermittel importiert. Würde darauf verzichtet, dann bräuchten die Europäer keine Exportinstrumentarien mehr und könnten auf Mengenregelungen verzichten.
Adalbert Kienle, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes hat mit Blick auf den neuen Artikel in der Schweizer Verfassung über eine nachhaltige Landwirtschaft, die Vision, dass dieses als Vorbild für die WTO gelten könnte: "Den armen Ländern zu helfen, geht nur über die Erlaubnis, einen eigenen Schutzzaun um die Landwirtschaft aufbauen zu dürfen." Allerdings sieht er dabei auch Grenzen, denn Brasilien könne bei seiner aggressiven Exportstrategie nicht der gleiche Stellenwert eingeräumt werden.
Maurice Oudet verkündete, dass in zwei Tagen in Burkina Faso die größte jeweils stattgefundene Bauernversammlung zusammen kommt und dem Handelsminister 500.000 Unterschriften überreichen, um auf der WTO für einen gerechten Handel einzutreten. Importe sollen wieder durch lokale Produkte ersetzt werden, aber: ?Iich erwarte keine Wunder von Hongkong?. Dr. Sascha Raabe warnte als entwicklungspolitischer Sprecher der SPD davor, Brasilien als "Propaganda-Buhland" hinzustellen. Die Brasilianer hätten gegen die europäische Zuckermarktordnung nicht geklagt, weil sie ihren Rohzucker nach Europa exportieren wollen, sondern nach Arabien. Zumal müsse im Handel immer gegen gerechnet werden, was die Europäer nach Brasilien exportieren. Möglicherweise sei die Vorstellung, dass von demnächst neun Milliarden Menschen zwei Drittel als Subsistenzbauern leben wollen zu romantisch, so Raabe. Möglicherweise wollen das nicht alle und auch einmal im Dienstleistungsbereich arbeiten.

WTO scheitern lassen?
Scheitern, wie zuletzt in Cancun, solle die Runde in Hongkong nicht. Für Dr. Raabe zeige Mexiko das Negativbeispiel, wenn sich ein schwaches mit einem starken Land, wie den USA, nur noch in bilaterale Beziehungen einlassen kann: Aus dem Maisexporteur wurde ein Maisimporteur. Das Schiedsgericht der WTO bietet den kleinen Ländern durchaus eine Chance, etwas zu ändern. Länder, wie China, Indien und Brasilien seien durch Armutsverminderung und Marktöffnung zum Schreckgespenst Europas geworden. Die Ziele für die WTO fasste Stephan Klaus Ohme, Referatsleiter im BMZ zusammen: Exportsubventionen abbauen; Nahrungsmittelhilfe, wie von den USA praktiziert, nicht zulassen, Entkoppelung der Direktzahlungen, wie bei der derzeitigen Agrarreform ausbauen, Everything but arms für die armen Länder umsetzen, mit sensiblen Produkten, die von den Handelsbeschlüssen ausgenommen werden sollen, nicht wieder Restriktionen durch die Hintertür wieder einführen und wirksame Schutzmechanismen für die Entwicklungsländer.
Graefe zu Baringdorf unterstrich die Grundhaltung mit der eine Einigung möglich wäre: "Die Liberalisierung muss als Instrument, nicht als Ziel angesehen werden!"

Exporte gestiegen
Das aktuelle Exportbarometer der CMA Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft von November 2005 bestätigt, wie der Deutsche Bauernverband gestern veröffentlichte, die positive Entwicklung der Exportwirtschaft: "Die Exporteure deutscher Lebensmittel blicken weiterhin optimistisch in die Zukunft. Nach aktueller Einschätzung der CMA und ZMP Zentrale Markt- und Preisberichtstelle werden die Ausfuhren 2005 im Vergleich zu 2004 um 7,1 Prozent auf 36,2 Milliarden Euro steigen. Im Vorjahr waren die deutschen Exporte bereits um gut fünf Prozent gestiegen. Damit erweist sich der Export vor dem Hintergrund einer schleppenden Inlandsnachfrage als Konjunkturmotor für die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft."

Lesetipps
Die Studien von Tobias Reichert und Maurice Oudet kosten jeweils nur 1,50 Euro und sind direkt beim Misereor Verlag zu erhalten: www.misereor.de
Prof. Hofstetter hat eine Studie für die AbL und Germanwatch herausgegeben, welche die Anforderungen an eine Reform der EU-Milchmarktordnung beschreibt. Die Studie kann unter www.germanwatch.org heruntergeladen werden.
Welche unterschiedliche Interessenslage es in Deutschland gibt, zeigte das Milchforum des Deutschen Bauernverbandes auf dem Bauerntag in Rostock.

Roland Krieg

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