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Berliner Milchforum in Zeiten der Krise

Landwirtschaft

Nachhaltigkeit in der landwirtschaftlichen Wirtschaftskrise?

Es gab bessere Zeiten für das Milch-Forum, zu dem der Deutschem Bauernverband (DBV), der Milchindustrie-Verband (MIV), die Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und der Deutschen Raiffeisenverband (DRV) gemeinsam um 7. Mal Milchbauern, Molkereivorstände, Politiker, Wissenschaftler und Berater eingeladen hatten.

Müller Milch hat für die nächste Woche einen Milchpreis von 23,5 Cent je kg ausgerufen. Die Milchbauern stehen nicht mehr nur mit dem Rücken an der Wand, sondern fragen sich, ob sie die Gelegenheit zum Aufhören nicht nutzen sollten. Wenn sie denn können, falls sie nicht vor einiger Zeit erst investiert haben und noch hohe Schulden haben. Die Milchkrise, aber auch die Krise auf dem Schweinemarkt, den Weizenmärkten sowie die schlechten Aussichten für die Biogasförderung stellen in ihrer Gesamtheit alle anderen landwirtschaftlichen Krisen seit Gründung der Bundesrepublik in den Schatten. So ratlos wurde die bundesweite berufsständische Vertretung schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Doch das Thema Preise wird in allen Schattierungen erst heute debattiert. Am ersten Tag stand in der Podiumsdiskussion das Thema Nachhaltigkeit auf der Agenda, bei dem sich die Verzahnung zum zweiten Tag nicht leugnen ließ.

Ökonomische Nachhaltigkeit

Tierwohl und faire Preise dürfen nach Udo Folgart, Milchpräsident des DBV, die dritte Säule der ökonomischen Nachhaltigkeit nicht vergessen. Am Vormittag verabschiedete der Fachausschuss Milch neue Nachhaltigkeitsmodule für die QM-Milch [1]. Damit will die Branche dem Lebensmitteleinzelhandel (LEH) etwas entgegensetzen. Nicht nachvollziehbare LEH-Standards als Unterscheidungsmerkmal gegenüber den Mitbewerbern seien keine nachhaltige Methode, kritisierte Folgart. Höflich formulierte er die Kritik an den Molkereien, deren aktuelle Angebote für den LEH „enttäuschend“ seien. „Das zeigt, wie intensiv die Molkereien in den Wettlauf der Preissenkung eingestiegen sind.“ Der DBV glaubt noch an ein gemeinsames Handeln aller Partner in der Wertschöpfungskette und appelliert an die „kollektive Verantwortung“, wie Folgart sagte: „Wir fordern die großen ungenutzten Spielräume des Wettbewerbsrechtes zu nutzen.“ Dazu gehörten auf Seite der Molkereien Fusionen und die Bildung von Verkaufskontoren. Die Lieferbeziehungen zu den Milchbauern müssten in den Parametern Liefermenge, Auszahlungspreis, langfristige Verträge und mit genauen Qualitätsanforderungen ausgestattet sein. Der am Donnerstag vom Milchpräsidium verabschiedete Katalog beinhaltet die Punkte: Ein 2. europäisches Hilfspaket in Umfang von zwei Milliarden Euro, eine Verhandlungsoffensive für Drittlandsmärkte, die Normalisierung des Russlandhandels, die Anhebung des Interventionspreises auf ein Niveau, dass Produktionsanreize ausschließt und auf Bundesebene die Erhöhung der Entlastungsmittel bei der Sozialversicherung, die Einführung einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage und ein Moratorium für neue Auflagen.

Die ethische Debatte

Dr. Clemens Dirscherl, Beauftragter für agrarsoziale Fragen bei der Evangelische Kirche Deutschland (EKD), will trotz ökonomischer Situation die Landwirte nicht aus der gesellschaftlichen Ethikdebatte entlassen. In der Milchviehhaltung bündeln sich Tier-, Umwelt-, Sozial- und Wirtschaftsfragen. Der Betriebsleiter stehe vor der Entscheidung, ob er diesen nach privatem oder gesellschaftlichem Interesse führen soll. Wer allerdings einen Kompromiss eingehen will, der muss etwas von seinem Partikularinteresse aufgeben. Dirscherl bezieht das auch auf den LEH. Fordert er das Ende der Anbindehaltung, muss er sich über die dadurch entstehenden Strukturbrüche im Klaren sein. Diese Forderung hat Auswirkungen auf die Region und die Menschen auf dem Land.

Dirscherl glaubt nicht, dass Vertrauen in der Kundenbeziehung über ein Label entstehen kann. Die QM-Milch ist als B2B-Label bei den Konsumenten unbekannt. Außerdem: „Standards dürfen nicht zu Ausgrenzung und Aufgabe von Betrieben führen und entsprechen nicht dem gesellschaftlichen Wunsch nach einer flächendeckenden Landwirtschaft.“ Die Milchwirtschaft muss beim Narrativ ihre Hausaufgaben machen. Die Milch hat ein sehr gutes Image, das über die falschen Werbeabbildungen nicht mehr mit der Realität im Gleichklang stehe. Die Verpackungsbild einer behornten Kuh auf der Weide sei nicht nachhaltig.

Landwirtschaft nicht per se nachhaltig

Prof. Dr. Friedhelm Taube von der Christian-Albrechts-Universität Kiel wirft der Landwirtschaft ebenfalls vor, nicht die ganze Wahrheit zu sagen. „Die Landwirtschaft ist per se nicht nachhaltig.“ Die Branche müsse „offen, konstruktiv und selbstbewusst über ihre offenen Flanken reden“. Seit Jahren gibt es Umweltstandards, deren Bezahlung als Transfers auf die Betriebe fließt. Aber in vielen Bereichen wie die Biodiversität oder der Wasserrahmenrichtlinie gibt es stets neue Lücken. „Top gemanagte Betriebe zeigen, dass sie nachhaltig sind und auch einen gerechten Preis für die Milch erhalten.“ Die Landwirte erhalten eine Prämie in Höhe von rund 300 Euro je Hektar und müssen über Cross Compliance Standards einhalten. Doch, wenn der LEH neue Standards einfordert, zeige dass nur, dass der Gesetzgeber versagt habe. Nicht alle Betriebe seien in der Lage, Umwelt- und Tierwohlstandards einzuhalten. Die Branche müsse ehrlich sein und sagen, „welche 20 Prozent der Betriebe die Standards nicht packe.“

Die Ökonomie vergessen

„Wir verbessern jeden Tag die ökologischen Standards. In sozialen Belangen werden wir besser, aber wir scheitern an der ökonomischen Nachhaltigkeit“, sagte Günther Felßner, Vizepräsident des Bayerischen Bauernverbandes. Die Bauern würden allergisch, wenn der LEH „Nachhaltigkeit nur als Verkaufsargument einsetzt, aber den Hauptumsatz im Ramschbereich erzielt.“ Ohne eine monetäre Inwertsetzung der Produkte wird keine Säule der Nachhaltigkeit Bestand haben. Felßner wehrt sich gegen die Vielzahl von Konzepten und befürwortet die QM-Milch. „Ein einheitliches Konzept für alle muss im Interesse der Bauern sein.“ Für den Landwirt haben sich die Wissenschaftler zu weit von der Praxis entfernt und änderten ständig ihre Empfehlungen: „Wir brauchen eine Wissenschaft, die gemeinsam mit uns den Weg entwickelt und uns nicht aus der Ferne kritisiert.“ Die GAP 2020 müsse die erste Säule behalten, solle aber mit mehr gesellschaftlichen Auflagen besetzt werden, lautet seine Kompromissformel für die künftige europäische Agrarpolitik. Derzeit fordern die einen nur noch eine zweite Säule für den ländlichen Raum, andere wollen unbedingt die erste Säule der Direktzahlungen unverändert behalten.

Molkerei und Landwirt

Die Familienmolkerei Zott im bayerischen Mertingen hat zusammen mit polnischen Bauern ein eigenes Kreuzungsprojekt bei schwarz-bunten Rindern eingeführt und schrittweise weitere Projekte seit 2008 aufgesattelt. So beschreibt Christian Schramm, Leiter des Milcheinkaufs, die Zusammenarbeit zwischen Molkerei und Landwirten. Zott gibt seit 2010 jährlich einen fünfstelligen Betrag zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes aus und verlangt heimische Futtermittel. Dafür finden sich genügend Landwirte, sagte Schramm. Die Diskussion um die QM-Milch sei unabhängig von der aktuellen Preisdiskussion zu sehen und eine langfristige Ausrichtung. „Die QM Milch ist kein Rettungsanker.“ Standards müssen Konsequenzen haben. Landwirte, die nicht alle Zott-Kriterien erfüllen können, erhalten die Kündigung.

Die Zukunft der Milch

Dr. Ludger Breloh leitet bei Rewe den Bereich „Grüne Produkte“ und wehrte sich gegen den Schwarzen Peter der Preistreiberei nach unten. Dem LEH wurde vor drei Jahren auch keine Schuld zugewiesen, als der Milchpreis bei 40 Cent lag. Seit dieser Zeit hat die Milchbranche den Milchbauern falsche Signale gegeben und versprochen, alle zusätzlich produzierte Milch nach Quotenende auf dem Weltmarkt unter zu bringen. Das geht derzeit nicht und die Nachfrage in Deutschland ist unelastisch. Jetzt gilt: Das Angebot herunter drehen.

„Wir wollen keine generische weiße Flüssigkeit, sondern ein Produkt, das einen sozio-kulturellen Mehrwert besitzt“, sagt Breloh. „Milch, die in den Ackerbauregionen mit Ackerfutter und Milchleistungsfutter in Herden produziert wird, die nur eine niedrige Lebensleitung und eine schnelle Remontierung aufweisen, gehörten nicht zu den „First Movern“ des Handels.“ Die Zukunft im Milchregal gehöre der Mehrwert-Milch, die nicht nur das Standardsortiment bildet, sondern auch im Peiseinstiegssegment zu finden ist. „Nicht jeder, der Milch hat, wird sie in den Handel bringen können.“

Damit Breloh eine Qualitätsdebatte angestoßen, die in Brüssel bereits läuft. Ähnlich wie die Energieeffizienzlabel, sollen Lebensmittel zwischen A und F gestaffelt einen Environmental Food Print verpasst bekommen. Noch habe die Milchbranche Zeit, sich freiwillig darauf einzustellen, so Breloh. Sonst führt die EU das Regelwerk zwangsweise ein. Seine Worte sind dabei eine deutliche Kritik an der QM-Milch, die niemand kennt und mit der nicht geworben wird. Das Label sei zwar gut, müsse aber zu einem B2C-Label weiter entwickelt werden. Walmart in den USA mache es ebenfalls vor. Der Lebensmittelhändler überprüft die Nachhaltigkeitsperformance seiner Lieferanten. Das entscheide über die Teilnahme an Ausschreibungen. So werde es künftig auch in Deutschland sein.

Lesestoff:

[1] www.qm-milch.de

Roland Krieg, Fotos: roRo

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