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Bio-Aufholjagd in Brandenburg

Landwirtschaft

Potsdam: Weichenstellung für Bio

Brandenburger Landwirte hatten  es seit der Wende schwer. Die Lieferbeziehungen in Westberlin zwischen Lebensmittelerzeugern und Lebensmittelhandel waren in festen Hände. Lieferbeziehungen von Brandenburg nach Berlin aufzubauen, gelang nur vereinzelt. Die Leitung eines großer Legehennenbetriebs vor den Toren Berlins verriet, es sei leichter Eier nach Italien als nach Berlin verkaufen.

Das hat sich mit der Zeit stark gewandelt, aber nie richtig verbessert. Die Brandenburger Landwirte kamen mit den weltmarktorientierten Rohstoffpreisen lange Zeit zurecht, das Potsdamer Agrarministerium stand sehr lange auf der Umstellungsbremse. Seit den Neuwahlen 2019 hat sich das geändert. „Bio“ wurde zu einem ernsthaften Thema, die konventionellen Landwirte stehen in der Sackgasse niedriger Preise für dürregeschädigte Ernten und in Berlin gehen freitags Schüler und Bauern mit auf die Straße. Berlin als Metropole urbaner Wünsche an das Agrarland Brandenburg, wächst um 40.000 Menschen, die mehr Bioangebote nicht nur im Handel und auf Märkten, sondern auch in Kantinen und Mensen haben möchte. Diesen Wünschen kommt der rot-schwarz-grüne Koalitionsvertrag in Potsdam entgegen. Die zweitstaatliche Biobranche vor Ort ist mit den Zielen weitgehend zufrieden.

Bio-Brandenburg

Geschäftsführer Michael Wimmer von der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) verwies bereits zur Internationalen Grünen Woche auf die bedeutendsten Stellschrauben. Dazu gehört beispielsweise die Steigerung der Förderprämien für den Anbau von Obst und Gemüse. Vor allem Beerenfrüchte stehen im Fokus..

Für die Ökobranche sind komplexe Zusammenhänge wichtiger als die Förderung einzelner Feldfrüchte. Schon im Vorfeld des für 2021 vorgesehenen Aktionsplans Ökolandbau startete 2018 das von der EU geförderte Projekt „Regionales Bio-Gemüse aus Brandenburg“. Zum Start wurde die Wiederbelebung des Kartoffelanbaus ins Visier genommen. In seiner Bio-Komponente.

Die Umsetzung ist nach Projektleiter Gerald Köhler alles andere als einfach. Die Kartoffelbetriebe liegen im Gegensatz zu anderen Bundesländern weiter auseinander. Das erschwert die Kommunikation. Erst seit Mitte 2019 kam einen Schälbetrieb für Großverbraucher für Bio-Kartoffeln hinzu. Neben der Kartoffel als Frischeprodukt wird sich damit der Markt für die Verarbeitungsindustrie erst richtig entwickeln. Auf ganzer Breite, von der Auswahl des Pflanzgutes, über den Anbau bis zur Rodung und Lagerung muss sich die neue Wertschöpfungskette neu aufstellen. Köhler spricht lieber von der organisatorischen Innovation, die in Brandenburg notwendig ist, aber politisch und in den Fördergrundsätzen kaum berücksichtigt wird.

Bio-Stadt und Brandenburg

Dennoch: Eine zunehmende Zahl an Umstellern hält in Brandenburg das Öko-Wachstum hoch. Zwischen 2015 und 2018 wuchs der Anteil ökologisch bewirtschafteter Fläche zwischen Elbe und Oder von 0,87 auf 4,65 Prozent. Im Jahr 2019 kamen noch einmal 7.500 Hektar dazu und vergrößern den Öko-Anteil in der Landwirtschaft auf 12,8 Prozent. Brandenburg folgt dem Deutschlandtrend.

Außer Heumilch wird in der Mark die Trinkmilch nahezu komplett von Öko-Milchviehbetrieben erzeugt. Die vier Molkereien im Land sind Öko-Molkereien. Schon die Grüne Woche hat gezeigt, dass die Innovationskraft im Land unbändig ist. Am FÖL-Gemeinschaftsstand präsentierte das BioBackHaus Linsen für ein neues Brot und einer neuen Feldfrucht im Land.

Auf der BioFach in Nürnberg hat sich Berlin erstmals offiziell als „Bio-Stadt“ präsentiert. Berlins Senator Dr. Dirk Behrendt gab die Richtung vor: „Wir wünschen uns, dass zukünftig ein möglichst großer Anteil des Bio-Essens an Berliner Grundschulen aus der Region kommt.“ Im 20. Jubiläumsjahr der FÖL nahmen in Nürnberg 33 Aussteller an dem dreiteiligen Gemeinschaftsstand Platz. Die Entwicklung der Berlin-Brandenburger Messebeteiligung wurde selbst von der Nürnberger Messeleitung gelobt.

Lunch Vegaz von der Bio Manufaktur

Frische Convenience

Das nächste Level der Kundenorientierung zeigte die Bio Manufaktur Lunch Vegaz aus dem Mecklenburgischen Rothenklempenow. Sie hat den Convenience- und Außer-Haus-Markt im Visier. Frischegerichte, die innerhalb von drei Minuten sowohl in der Mikrowelle als auch in der Pfanne zubereitet werden können. Die Geister der Zeit wollen komplette Mahlzeiten, die sie zwischen zwei Tätigkeiten erledigen können, eine gesunde Ernährung, die sie sich nicht erst mühsam zusammenbasteln wollen und Abwechslung auf dem Teller. Ernährungswissenschaftler haben die Mahlzeiten zusammen gestellt, sagte Vertriebsleiterin Monika Wendt gegenüber Herd-und-Hof.de am Messestand.. Mit Ayurveda-Pfanne, Brokkoli-Curry, einem Zucchino Ragout oder marokkanischer Kichererbsen-Tajine bedient die Bio-Manufaktur den urbanen Menschen mit wenig Zeit und hohen Ansprüchen. Unternehmerisch bedient Lunch Vegaz drei der vier stärksten Verbraucherbedürfnisse: Bio, Convenience und frische Convenience, die traditionell Fertiggerichte heißen. Das Marketing im Biobereich räumt gerne mit dem angestaubten Image alter Begrifflichkeiten auf. Neue Generation, neue Kunden, neue Begriffe, neuer Erfolg.

Die Range beinhaltet das frische Einzelmenü, das ab Produktion 30 Tage lang haltbar ist und TK-Ware, die ein ganzes Jahr bei Einhaltung der Tiefkühlkette gelagert werden kann. Über die Portionsschale stehen Schalen von 2,5 bis 3,5 kg für Großabnehmer inklusive Kita-Verpflegungs-Konzepte im Programm.  Oft scheitert die Bio-Versorgung von Kantinen und Kitas an mangelndem Fachwissen vor Ort. Die Biomanufaktur überbrückt die Defizite. Gerade die Krankenhauskost für Pflegebedürftige ist nach ernährungswissenschaftlicher Analyse oft mangelhaft. Es fehlt an Vitaminen und Mineralstoffen und sucht händeringend nach Lösungen.

Microgreens

Microgreens

Schon früh eroberten Kresse, Basilikum und Schnittlauch städtische Balkons und Küchen. In den Berliner Wohngemeinschaften wuchsen frische Kräuter mal gut mal weniger gut in Blumentöpfen oder ausgedienten Schälchen dem Hauptgericht entgegen. Die Pflänzchen mussten allerdings auch gepflegt werden, sonst endeten sie braun und verkrümmt auf dem Fensterbrett. Der Lebensmitteleinzelhandel kam früh auf die Idee, Kartonschälchen mit Mini-Kräuterbeeten zu verkaufen. Als vorletzten Trend bieten einige Händler schon Indoor-Gewächshäuer an, wo Kunden sich den Kräuterbedarf selbst zurechtschneiden.

Der Wunsch nach heimischer Kresse hat sich fest etabliert. Die Berliner Firma Heimgart hat auf der BioFach in Nürnberg ihr Konzept für einen Tisch-Kräutergarten vorgestellt.  Grundlage ist eine wiederverwndbare edle Porzellanschale und ein Edelstahleinsatz, sagte Geschäftsführer Carsten Wannemüller zu Herd-und-Hof.de. Diese Teile stammen sogar aus deutscher Produktion, betont er – und fügen sich sogar in hochmodern eingerichteten Wohnungen ein. Mit dem frischen Grün kommt Farbe in die Wohnung. Modernisiert wurde von Wannemüller aber nicht nur die Form, sondern auch der Namen. Microgreens heißen die Pflanzen im Angebot: Neben Kresse und Schnittlauch sind das Radieschen, Brokkoli und Senf. Die Kunden können das technische Equipment mit zwei biozertifizierten Saatpads nach der Ernte neu bestücken.

Roland Krieg; Fotos: roRo

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