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Bitte Schrittfahren - Dorffest!

Landwirtschaft

Aktion "Aktives und soziales Dorf" in MV

>Bei wem ein Aufsteller im Gang an der Wand lehnt, wie im Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr in Groß Grenz, und darüber das handgemalte Plakat geklebt hat: "Achtung - Bitte Schrittfahren! Dorffest!", der lebt in einem lebendigen Dorf. Und das kann nicht jede Gemeinde in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern (MV) von sich behaupten. Mit Sicherheit aber Bröbberow und sein Ortsteil Groß Grenz, zwischen Rostock und Güstrow. Im Haus der Freiwilligen Feuerwehr trafen sich gut ein Dutzend Bürgermeister mit Dr. Lutz Laschewski von der Universität Rostock und MVs Agrarminister Dr. Till Backhaus zur Vorstellung der Aktion "Das soziale und aktive Dorf".

Fünf aktive Gemeinden
Oft genug gibt es abseits der alten Dorfkerne mit einzelnen verfallenen Häusern und äußerst huckeligem Kopfsteinpflaster noch ein Neubaugebiet für die Hinzugezogenen, die das Dorf als Schlafstadt erleben. In fünf ausgewählten Gemeinden ist das anders: Balow (Landkreis Ludwigslust), Bröbberow (Bad Doberan), Putgarten (Rügen), Spornitz (Parchim) und Woggersin in Mecklenburg-Strelitz wurden von den Ämtern wegen ihrer Erfolge in der Dorfentwicklung und des ländlichen Raumes ausgesucht, damit die Universität Rostock und die Fachhochschule Neubrandenburg mit Diplomanden und Magistern untersuchen kann, warum diese Gemeinden so erfolgreich sind.
Bröbberow hat alle Projekte auf einer Wandtafel ausgehängt. Darunter die Dachbegrünung des Ökohof Groß Grenz, die Holzbrücke zu den Nachbarn im FFH-Gebiet, sanierte Sölle oder das Kulturprojekt ?Atelier im Milchhaus?. In Bröbberow gibt es auch noch eine Kindertagesstätte mit über 40 Kindern, die zu Veranstaltungsbeginn ihr Weihnachtsliedrepertoire vortrugen. Die Gemeinde Spornitz ist stolz darauf, dass sie noch einen Arzt und einen Zahnarzt hat. Woanders werden sie händeringend gesucht. Die Gemeinde Balow hat ?nur? 370 Einwohner, aber fünf Vereine, eine Grundschule und eine Kindertagesstätte für 45 Kinder.
Hier funktioniert die Landwirtschaft, das Gewerbe und vor allem die soziale Gemeinschaft, die das hervorruft. Die Hochschulen haben bereits Jungakademiker in die Gemeinden geschickt, die beispielsweise das bürgerschaftliche Engagement in Balow erforschen oder wie Bürgerinitiativen ohne Kapital funktionieren.

Ohne aktive Menschen geht es nicht
Achtzig Prozent der Bevölkerung in MV leben auf dem Land. Landwirtschaft ist ein prägendes Element der sichtbaren Landschaft und Teil der regionalen Wirtschaftskraft. Wohin entwickelt sich die Landwirtschaft, das Dorf und der ländliche Raum, wenn die Menschen immer älter werden, die Jungen in die Zentren ziehen und es keine Arbeit mehr gibt? In den letzten 15 Jahren hat MV über 2 Milliarden Euro in die ländliche Entwicklung gesteckt, berichtete Agrarminister Backhaus. Dabei zeigte es sich, dass es aktive Gemeinden gibt, in denen etwas entsteht und welche "die noch heute in einem Dornröschenschlaf liegen". Oft ist es klar, dass eine Straße gebaut werden muss und es ist auch klar, wie der die beste Firma das bewerkstelligt. Verwunden sind allerdings die Wege, wie es zur Umsetzung kommt, so Dr. Laschewski. Die Aktion soll jetzt wissenschaftliche Erkenntnisse erarbeiten, welche Faktoren für eine positive Entwicklung verantwortlich sind. Eingesetztes Fördergeld war nicht immer erfolgreich und da die Geldmittel immer knapper werden, müssen diese effektiver eingesetzt werden. Die Hochschulen wollen in dem Projekt die ökonomischen und sozialen Hintergründe erforschen.
So können auftretende Probleme in den Verwaltungen liegen bleiben oder gelöst werden. Gemeinsam ist den erfolgreichen Gemeinden offensichtlich, wie sich gestern zeigte, dass nicht nur die Menschen im Ort aktiv gestalten, sondern dass auch die Ämter mitspielen.

Ohne Geld geht es aber auch nicht
Die Fördermittel im Rahmen der Flurneuordnung sieht der Bürgermeister von Spornitz als Segen an. Der damit verbundene Wegebau hat die Gemeinde aufgewertet, die Besitzverhältnisse geklärt und das eingerichtete Gewerbegebiet hilft noch heute dem Gemeindesäckel. Die Sporthalle wurde allerdings ohne Fördermittel gebaut. So hat die Gemeinde Balow diesen Geldsegen noch nicht erhalten, sondern ihre Entwicklung aus vielen kleinen Töpfen erwirtschaftet. Die Bürgermeisterin wünscht sich Fördermittel, mit denen auch das Engagement der Bürger ein wenig entlohnt werden könnte.
Dr. Backhaus zeigte sich sehr zufrieden, dass die EU zum vergangenen Wochenende den Finanzrahmen von 2007 bis 2013 festgelegt hat. So erhalten die neuen Bundesländer in der kommenden Finanzperiode 225 Millionen Euro mehr. Zudem darf auch eine Kofinanzierung aus privaten Quellen möglich sein. Der Minister will die neuen Möglichkeiten schnell auf Wirksamkeit überprüfen lassen. Seit Juni 2005 gibt es dafür speziell den "Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes" (ELER).
Aber er warnte auch: Zwar gebe die Finanzierung bis 2013 Planungssicherheit und der Solidarpakt II darüber hinaus noch Zeit bis 2020 - aber dann muss MV ohne spezielle Fördergelder mit den alten Bundesländern mithalten können. Dann zeige sich, ?welche Siedlungsstruktur und welche Gemeinde lebensfähig ist?. Deswegen gibt es für das Projekt des ?sozialen und aktiven Dorfes? auch einen engen Zeitrahmen: Die Auswertung soll Mitte September auf dem nächsten MeLa-Kongress bereits vorgestellt werden. Deswegen wird es Anfang 2006 erste Gespräche zwischen den Gemeinden und den Hochschulen geben, um mit vergleichenden Analysen erste Erklärungen zu finden, was zum Erfolg oder Misserfolg führte.
Die Erwartungen sind hoch, denn als Ergebnis soll ein Leitfaden entwickelt werden, der verallgemeinert und von anderen Bundesländern genutzt werden kann.
Damit die Landwirtschaft auch funktioniert, zahlt MV seinen Bauern bis zum Jahresende 331 Millionen Euro als Abschlag auf die Betriebsprämie aus, teilte das Ministerium mit. Das sind 80 Prozent des Betrages, der vollständig dann im April beglichen wird. Nur 4,3 Prozent der Anträge auf Abschlagszahlung wurden abgelehnt. Meist kamen die Anträge nicht fristgerecht auf die Ämter oder es gab mehr als 20 Prozent Abweichung zwischen den beantragten Flächen und dem amtlichen Kataster: "Die Abschlagszahlung gibt den Landwirten Planungssicherheit. Sie ermöglicht den Betrieben, ihren wesentlichen Verpflichtungen nach zu kommen", so Backhaus.

Lesestoff:
MV entwickelt den ländlichen Raum auch in Zusammenarbeit mit der Kirche.
Brandenburg baut zur Zeit nach den 29 Historischen Stadtkernen das Projekt der Historischen Dorfkerne auf. Die TU Berlin forscht langfristig über den regionalen Wohlstand und im Bundestag gab es im Sommer 2004 bereits einen Kongress über die Zukunft des ländlichen Raumes.

roRo

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