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Braunerde ist Boden des Jahres 2008

Landwirtschaft

Braunerde: Vielfältiger Bodentyp

Sind die Böden gesund und fruchtbar, dann stellen sie die Grundlage unserer Existenz. Aber Prof. Monika Frielinghaus, Sprecherin des Kuratoriums Boden des Jahres am ZALF in Müncheberg, findet, Bodenprofil Braunerdedass die Menschen als Hauptnutzer des Bodens nicht sorgsam mit dem belebten Substrat zwischen Atmosphäre und Biosphäre sowie Hemisphäre, wie es Prof. Gerzabek bezeichnete umgehen. Zwei Milliarden Hektar Land, eine Fläche so groß wie die USA und Kanada zusammen sind weltweit bereits urreversibel geschädigt. Jährlich verschwinden rund 20 Millionen Hektar aus der Nahrungsproduktion.
Aus diesem Grund wählt das Kuratorium zum Weltbodentag einen Boden aus, um diesen Lebensraum den Menschen nahe zu bringen. Die Braunerde als Boden des Jahres 2008 wurde von Dipl. Ing. Alfred Pehamberger von der Steuer- und Zollkoordination/Bodenschätzung Wien vorgeschlagen und erreichte gestern bei der Festveranstaltung in der österreichischen Botschaft endgültig seine internationale Dimension.

Bedrohtes Faszinosum
Auf einem Hektar Boden finden sich bis in eine Tiefe von 30 cm 25 Tonnen Lebewesen. Rund die Hälfte davon sind Bakterien, ein Viertel Strahlenpilze, aber Prof. Dr. Martin Gerzabek, Altpräsident der Österreichischen Bodenkundlichen Gesellschaft wusste auch von Springschwänze, Hundertfüßer, Regenwürmer, Asseln oder Pilzrasen weidende Amöben im Boden ins rechte Licht zu setzen.
In den Tropen können bis zu 1.500 g Kohlenstoff pro qm und Jahr Vegetation gebildet werden. In den meisten Ländern sind es nur 200 g C. Prof. Gerzabek zeigte, dass die Menschheit nicht überwiegend dort verteilt ist, wo die besten Böden sind und dass die Landnutzungssysteme in den Gegenden, wo die meisten Menschen sind, bereits zu über 70 Prozent ihres Potenzials ausschöpfen. Fast zwei Drittel der Menschen lebt auf Böden, die nur eine mittlere Qualität aufweisen: Ein Engpass der durch die Nutzung von Biomasse noch geschmälert wird.
So haben die Österreicher gelernt, in ihrer Kornkammer Marchfeld nur die Hälfte des Strohs von den Feldern abzufahren, um den Humus und damit die Funktion der Kohlenstoffsenke zu erhalten.

An der Festveranstaltung „Boden des Jahres“ nahmen auch zum ersten Mal Schulklassen teil. Eine davon ist die 10. Klasse des Lessing Gymnasiums in Berlin Mitte. Chemielehrerin Katrin Rücker verriet Herd-und-Hof.de, dass die Schüler das Thema Boden zum Schwerpunkt ausgewählt hatten. Es gab eine Zusammenarbeit mit dem Institut für Bodenkunde der TU Berlin und nach anfänglichen Zweifeln begeisterten sich die Schüler mit einer Expedition nach Brandenburg, um Bodenprofile anzulegen und Bodenproben im Labor zu analysieren. Derzeit werden die Proben noch auf ihren Kalkgehalt hin untersucht. Bilder von der Expedition sollen später auf der Internetseite www.lessing-gymnasium-berlin.de veröffentlicht werden.
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Das Ökosystem Boden ist jedoch großflächig in Gefahr. Zwei Prozent Gefälle reichen bereits aus, um im intensiven Ackerbau mit Mais Wind- und Wassererosion sichtbar machen zu lassen. Österreich verliert täglich zwischen 15 und 25 Hektar Boden. Zu bedenken ist, dass lediglich die Täler alle Funktionen von Transportwegen, Siedlung, Nahrungsproduktion und Erholung aufnehmen müssen. In Deutschland gehen täglich 115 ha verloren. In Wien und südwestlich von Wien sind nach Prof. Gerzabek die Flächen bereits zwischen 50 und 100 Prozent verbraucht.

Braunerden in allen Bodenprovinzen
Das Österreich sich mit dem Thema Braunerde auseinander setzt, machte Bodenkundler Alfred Pehamberger deutlich, der alle Braunerden von der tschechischen Grenze bis in den Süden vorstellte. Die Braunerde kommt in vielen Varianten vor und findet sich fast flächendeckend in unserem Nachbarland.
Landnutzung im WaldviertelDas ausgesuchte Bodenprofil der Braunerde kommt aus dem Waldviertel. Eine Region der Böhmischen Masse, einem Gebirge aus Gneis und Granit, dass sich vor 310 Millionen Jahren aufgefaltet hat und seit dem verwittert. In mehreren Dutzend Millionen Jahren werden sich auch die Alpen in ähnliche Weise abgeschliffen haben: Es gibt treppenstufig abgesetzte Hoch-, Mittel- und Tiefplateaus.
Die Braunerde 2008 stammt aus einem Hochplateau über das ungebremst der kalte Nordwind braust und um 14:00 Uhr eine Jahrestemperatur von 16 °C zeigt. Der südliche Neusiedler See schafft 20,5 Grad Celsius.
Die typische Nutzung im Waldviertel Österreichs mit rund 25 Bodenpunkten zeigt auf den Kuppen wenig durchwurzelbaren Boden und geringe Fähigkeit, Wasser zu halten. Am Hangfuß hingegen werden die Böden tiefgründiger.

Auf die Horizonte kommt es an
Die klassische Horizontfolge der Braunerde wird mit Ah-Bv-C charakterisiert. Obenauf liegt meist der humose Oberboden (Ah) mit einer Mächtigkeit von bis zu 20 cm. B bezeichnet den Unterboden, der die für die Braunerde namensgebende typischen Verbraunugen und Verlehmungen aufweist. C bezeichnet das Ausgangsgestein, das bei mäßiger Verwitterung ein wesentlicher Bodenbilder ist.
Verbraunung und Verlehmung sind die wichtigsten Prozesse. Die Verbraunung ist ein Teilprozess der chemischen Verwitterung. Hier werden aus den eisenhaltigen Silikaten des Ausgangsgesteins leichtlösliche Ionen mobilisiert und ausgewaschen. Das Eisen2+ der Primärminerale oxidiert zu einem Eisen3+ und bildet das bei uns bekannte braunfarbene Goethit. In den Tropen bildet das warme Klima vermehrt Hämatit, das mit seiner kräftigen roten Farbe das Goethit überdeckt.
Die Verwitterung setzt im Oberboden vor allem nach Entkalkung auch Kieselsäure- und Aluminiumhaltige Fragmente frei, die Illite oder Smectite bilden können. Das sind Tonminerale, die mit ihrer feinen Körnerstruktur den Boden aufwerten. Obwohl es Tonminerale sind, hat sich der Begriff Verlehmung durchgesetzt.

Bunte Vielfalt der Braunerde
Bayern
Auf den Hochterrassen des Inns sind die Braunerden aus entkalktem Löss entstanden. Sie sind reich an Magnesium und Spurenelementen, lassen zu keiner Zeit Wassermangel aufkommen, leiden dann aber bei viel Niederschlag unter Vernässung. Bis 80 cm tief können Pflanzen den Boden durchwurzeln. Die Hochterrassen gelten als die fruchtbarsten Böden Bayerns und können bei hohen Niederschlägen auch als Grünlandstandort dienen. Die Böden sind leicht zu bearbeiten, können allerdings wegen des feinen Tonanteils leicht verschlämmen und verdichten.

Hessen
Auf der hessischen Wegscheide im Spessart bei Bad Orb liegt die Braunerde ganzjährig unter Humus. Unter der Streuauflage befindet sich eine Schicht fermentierter Pflanzenreste und direkt auf dem Boden organische Feinsubstanz. In den Kaltzeiten vor zwei Millionen Jahren war der Boden tiefgründig gefroren und taute nur in den Sommermonaten kurz auf. Feiner Staub sammelte sich in den Frostsprengungen und formte die Braunerden des Spessart. Allerdings ist das Ausgangsgestein wasserstauender Buntsandstein, der den Boden von unten auszubleichen beginnt. Hohe Niederschläge und niedrige Jahresmitteltemperaturen lassen eine natürliche Versauerung im Oberboden erkennen.

Rheinhessen
Nordwestlich von Alzey in Rheinhessen ist das Ausgangsgestein der Braunerde Andesit. Ein vulkanisches Gestein, das im Erdzeitalter des Rotliegend vor etwa 280 Millionen Jahren beim Erkalten von Lavadecken entstand. Mit beginnender Warmzeit vor 11.000 Jahren kam organisches Material in den Boden und die chemische Verwitterung der typischen Braunerde begann. Der Boden ist nur gering mächtig, weist viele Steine auf, hält nicht so viel Wasser, erwärmt sich aber rasch. Unverwitterte Minerale sichern den Nachschub an Nährstoffen. Alte Reben mit kräftigen Wurzeln sind im Vorteil und liefern sehr fruchtige Weine mit filigraner Säure und hohem Mineralgehalt.

Lesestoff:
Im letzten Jahr war der Podsol „Boden des Jahres“. Die dort veröffentlichten Tipps der Bodenmuseen und Lehrpfade sind noch immer aktuell.
Mehr Informationen über Böden beispielsweise finden Sie unter:
Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft: www.dbges.de; www.bodenwelten.de
Alles über die Braunerde finden Sie unter: www.boden-des-jahres.de und bei unseren Nachbarn www.unserboden.at
Am 20.12. will die EU ihre Bodenschutzverordnung vorstellen.

Roland Krieg; Fotos: Broschüre "Boden des Jahres"; Bauer

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