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Bürgerkapital gegen Strukturdefizite

Landwirtschaft

Regionalwert AG sammelt in Berlin und Brandenburg Beteiligungskapital

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Berlin: Metropole mit 3,7 Millionen Menschen. Die junge Generation hat ihre eigenen Vorstellungen von Landwirtschaft und Ernährung. In den letzten kaum zehn Jahren sind Food Markets in allen Kiezen entstanden, die Menschen wollen Möhren, Beeren, Brot und Fleisch überwiegend regional und vor allem nicht aus anonymen Strukturen.

Brandenburg:  Märkische Sandbüchse mit begrenzter Bodenfruchtbarkeit. Mehr als eine Million Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, bewirtschaftet von großen Strukturen, die Rohstoffe für den Westen und für internationale Märkte erzeugen.

Kreuzberg: Die Markthalle Neun hat sich im ehemaligen Rebellenkiez zu einem Food-Hot Spot entwickelt. Mit „Kumpel und Keule“ schlachten Metzger wieder selbst. In einer Ecke hält sich trotz Kündigung der Marktleitung noch ein Aldi-Supermarkt, der den Bedürfnissen der Altkreuzberger nach niedrigen Lebensmittelpreisen nachkommt.

In diesem Labor werden die neuen Stadt-Land-Beziehungen sichtbar. Die Städter erheben Anspruch auf landwirtschaftliche Produktionsweisen, die Landwirte folgen Markt und Absatz. Dem Land Brandenburg fehlen Verarbeitungsbetriebe, um die Berliner Nachfrage nach regionalen Produkten zu decken [1].

Was bei Obst und Gemüse durch den meist geringen Verarbeitungsgrad noch funktioniert, endet bei Schwein und Getreide. Dem Land fehlt es an Schlachthöfen und Mühlen. Kitas brauchen geschälte Kartoffeln. Ein Schälbetrieb für Öko-Kartoffeln gibt es in Brandenburg nicht.

Doch es fehlt nicht nur an Verarbeitungsbetrieben. Konventionelle und Ökobetriebe finden selten Flächen für eine Betriebserweiterung oder es mangelte an Kapital für den Aufbau einer Käserei.

Christian Hiß hat vor rund 14 Jahren mit der Regionalwert AG eine neue Brücke zwischen Stadt und Land definiert. Über die Regionalwert AG können Bürger Kapital für Beteiligungen einzahlen, mit der Käsereien, Flächenerwerb oder andere Investitionen umgesetzt werden können. Das Modell hat sich mittlerweile am Bodensee, in Hamburg, im Rheinland und dem Raum Isar-Inn etabliert. Die Gründung im Raum Berlin-Brandenburg war nur eine Frage der Zeit. Sie wurde aus der Apfeltraum AG, einem Demeter-Betrieb in Müncheberg bei Berlin, im Sommer 2018 gegründet und hat jetzt seine erste Kapitalerhöhung angekündigt.

Bis Ende September sollen 1,5 Millionen Euro gesammelt werden. Eine Aktie im Wert von einem Euro kostet 1,05 Euro. Mindestens 500 Stück müssen gekauft werden, maximal 10.000 sind erlaubt, damit die Prospektverordnung für Kleinaktiengesellschaften nicht greift und Großinvestoren draußen bleiben.

Die Regionalwert AG wird keinen meldepflichtigen Schlachthof für einen zweistelligen Millionenbetrag ins Land holen. Sie wird aber beispielsweise fehlende 100.000 Euro Eigenkapital einem Exisztenzgründer-Ehepaar zur Verfügung stellen, damit sie für ihren 250 ha-Hof einen Bankkredit bekommen. Damit füllt die Regionalwert AG die Lücke, wegen der die Bank den Kredit verweigerte.

In Freiburg wurden auf diese Weise rund fünf Millionen Euro Aktiengelder zu zehn Millionen Euro Investitionsgeldern auf ökologischen Betrieben. Es ist ein Lückenschluss in der Bilanz, die Menschen in der Stadt und auf dem Land enger aneinander binden als Genussscheine oder die Kuhaktie. Die AG-Lösung will diese Bindung auf eine professionelle Kapitalausstattung stellen und hat mit Jörg Henning Frank die Umweltfinanz als Spezialist für ökologische Geldanlagen ins Boot geholt.

Der Weg von der finanzierten Abokiste bis zum regionalen Schlachthof ist weit. Doch auch die Windkraftenergie hat einmal klein angefangen, sagte Frank zu Herd-und-Hof.de Für den Biobereich Berlin-Brandenburg stellt er sich eine ähnliche Erfolgsgeschichte vor.

Am Anfang geht es vor allem um Diversifizierung, erklärt Ökobauer Jochen Fritz vom Regionalwert-Vorstand. Er hat acht Jahre lang das Aktionsbündnis „Wir haben es satt“ geleitet, das alljährlich zur Internationalen Grüne Woche für eine Agrarwende demonstriert. Mit einer Kapitalausstattung kann man viel bewegen, was in Brandenburg nicht von alleine läuft. Das Geld wird wohl schon vor September da sein. 15 Anträge auf Kapitalhilfe gibt es bereits. Weitere Schritte sind daher schon heute nicht auszuschließen.

„Wir glauben an die Kraft der Idee“, unterstreicht Mitgründerin Katharina Reuter. Die Suche nach ländlicher Bindung in den Städten wird stärker, die Möglichkeiten regional zu vermarkten umgekehrt aber auch. Die Regionalwert AG ist die Professionalisierung der neuen Brücke und Katalysator für die Schließung von Lücken. Reuter will dabei aber nicht nur an die Berliner Konsumenten denken. Die finanzierten Projekte kommen auch den Brandenburger Kunden zugute. Möglich wäre ein Öko-Mobil, das in entlegenen Regionen Aufgaben der Daseinsvorsorge erfüllt.

Mit Blick auf den Aldi, sagt sie aber, dass die Regionalwert AG auch als Forum dienen muss, das Problem der Gentrifizierung anzusprechen. Die gut verdienenden Bio-Konsumenten zählen schon lange nicht mehr zu den finanziell knapp ausgestatteten Studierenden. Die Agrarwende müsse auch sozialverträglich gestaltet werden.

Lesestoff:

https://www.regionalwert-berlin.de

[1] Verarbeiter dringend gesucht: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/brandenburg-auf-der-igw.html

Roland Krieg

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